Angelea Merkel | Bildquelle: dpa

Merkel-Rede "Ihr müsst mir helfen!"

Stand: 06.12.2016 17:05 Uhr

Merkels Rede war stellenweise ambitioniert, mitreißend, emotional und streckenweise tatsächlich persönlich. Stellenweise allerdings war sie auch harter Tobak, der den Zuhörern einiges abverlangte.

Von Michael Stempfle, ARD-Hauptstadtstudio

Angela Merkel ist schon fast am Ende ihrer Rede angekommen. Noch immer ist es mucksmäuschenstill, wenn sie spricht. Unterbrochen wird die Stille nur gelegentlich durch Applaus. Auch Merkel selbst scheint zu spüren, dass die Erwartungen an sie heute besonders hoch sind. Ein paar Mal verhaspelt sie sich. Die Aufgeregtheit ist deutlich zu spüren. Dann geht sie noch einmal auf die Zeit ein, in der ihr Wunsch gereift ist, zum vierten Mal als Kanzlerin zu kandidieren: Viele hätten zu ihr gesagt, sie müsse noch einmal antreten. "Das hat mich berührt", sagt sie.

Und dann spricht sie einen ungewöhnlichen Satz: "Ihr müsst mir helfen." Applaus. Für viele Delegierte steckt in diesem Satz mehr, als nur die Aufforderung, in den kommenden Monaten zusammenzuhalten und innerparteilichen Streit zu vermeiden. Ihre Anhänger sagen, Merkel zeige sich "menschlich, ehrlich, authentisch". Ein paar Kritiker hingegen stören sich daran, dass sie von "ich" und "ihr" spricht - und nicht von "wir".

Zugegeben, in den letzten zwanzig Minuten der Rede zeigte sich Merkel ungewöhnlich emotional. Sie erinnerte die Delegierten an die Wende 1989. "Wer wie ich in der DDR gelebt hat, der weiß, dass Politik gegen die Freiheit eine Politik gegen die Natur des Menschen ist, dass eine solche Politik Frevel ist." Und sie beschrieb, wie sie erst zum Demokratischen Aufbruch und dann zur CDU gekommen sei. Doch all diese Erinnerungen sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass Merkels Rede insgesamt auch harter Tobak war.

Schwere Brocken für die Delegierten

Nur selten gelingt es ihr, die Delegierten mitzureißen. So wie beim Thema TTIP. "Wenn ein Freihandelsabkommen mit den Vereinigten Staaten von Amerika Hunderttausende in Deutschland auf die Straßen bringt, aber die so grausamen Bombardierungen auf Aleppo so gut wie keinen Protest auslösen, dann stimmt irgendwas mit den politischen Maßstäben nicht mehr." Das Argument sitzt, der Applaus tosend. Doch solche Momente bleiben zunächst die Ausnahme. Häufiger schlucken die CDU-Anhänger all die schweren Brocken, die Merkel ihnen hinwirft.

Da ist auch der sperrige Begriff Digitalisierung wieder. Wie schon in der ARD-Sendung "Anne Will" hebt Merkel die Bedeutung dieser "Revolution" in der Arbeitswelt hervor, spricht von Chancen und Gefahren. Sie beschreibt ein Phänomen, ohne aber konkrete Lösungsansätze zu bieten. Heute und in den nächsten Jahren werde sich entscheiden, ob der Wohlstand erhalten bleiben könne. Wie, das bleibt unklar.

Die Flüchtlingspolitik ist zweifellos das emotionalste Thema. Merkel ist ihren Kritikern in den vergangenen Tagen weit entgegengekommen. Der Leitantrag für den Parteitag wurde verschärft, auch auf Druck des baden-württembergischen Innenministers Thomas Strobl. Nun sagt Merkel nicht nur, dass sich eine Situation wie im Spätsommer 2015 nicht wiederholen dürfe und dass Asylbewerber ohne Bleibeperspektive das Land wieder verlassen müssten. Jetzt sagt sie auch: Vollverschleierung sollte in Deutschland verboten sein, wo immer es geht. Klingt nach Kehrtwende, sagen manche. Wohl nicht aus persönlicher Überzeugung, sondern um den Kritikern in den eigenen Reihen entgegenzukommen.

Einstimmung auf "harten Wahlkampf"

Diese Haltung zeigt sich auch, als sie auf die schlechten Wahlergebnisse bei den vergangenen Landtagswahlen zu sprechen kommt. Merkel - demütig. "Ich habe Euch auch einiges zugemutet." Sicherlich gedacht als Balsam für die Seelen ihrer Kritiker. Aber nur um dann doch wieder zu warnen: Sie könne nicht versprechen, dass dies in Zukunft nicht mehr so sein werde. "Wir müssen tun, was die Zeiten von uns erfordern", so Merkel. Einen Wahlkampf wie in den USA - mit gegenseitigen Anfeindungen - will Merkel vermeiden. Auch wenn der Wahlkampf "hart" werde und wenn die Gesellschaft zunehmend polarisiert werde, werde sie "nicht über jedes Stöckchen springen, das uns im Wahlkampf hingehalten wird". Merkel spricht AfD und "Pegida" nur indirekt an: "Wer das Volk ist, das bestimmt bei uns noch immer das ganze Volk, das bestimmen wir alle. Und nicht ein paar wenige, und mögen sie auch noch so laut sein."

Dass Merkel am Ende mit nur 89,5 Prozent der Stimmen gewählt wird, und damit unter den erhofften 90 Prozent bleibt, überrascht nach der Rede nicht wirklich. Mehrmals hat die CDU-Vorsitzende davon gesprochen, dass der Wahlkampf härter werde als vor vier Jahren. Damals haben ihr viele vorgeworfen, die Wähler regelrecht demobilisiert zu haben. Ein bisschen hat Merkel ihre Strategie schon geändert. Um auf den Marktplätzen zu begeistern, dafür reicht das wohl noch nicht aus.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 06. Dezember 2016 um 15:00 Uhr.

Darstellung: