Tunesien feiert den Friedensnobelpreis "Das Quartett hat uns gerettet"

Stand: 09.10.2015 17:11 Uhr

2013 stand Tunesien am Rande des Chaos, die demokratische Revolution drohte zu verpuffen. Dann betrat das "Quartett" die politische Bühne - und brachte das Land wieder auf Kurs. Entsprechend groß ist nun die Freude über den Friedensnobelpreis.

Jens Borchers, ARD-Studio Nordwestafrika.

Der Mann auf der Straße in Tunis reagiert vollkommen überrascht: "Der Friedensnobelpreis? Für eine tunesische Organisation?" Er kann es kaum glauben.

So ging es vielen Tunesiern heute vormittag. Doch schnell schlug die Verblüffung in Stolz um. Denn natürlich kennen die Tunesier das "Quartett für den nationalen Dialog", die Gruppe besteht aus alten Bekannten: dem Gewerkschafts- und dem Arbeitgeberverband, der Menschenrechtsliga und der Anwaltskammer.

Als im Sommer 2013, zwei Jahre nach der Jasminrevolution, politisch nichts mehr voranging in Tunesien - da schalteten sich diese Organisationen ein. Sie holten ein ums andere Mal die zerstrittenen politischen Parteien an den Verhandlungstisch. Sie machten Vorschläge, entwarfen Kompromisse. Und vor allem: Das "Quartett für nationalen Dialog“ gab nie auf.

Der tunesische Gewerkschaftsführer und Friedensnobelpreisträger Houcine Abassi | Bildquelle: dpa
galerie

Gewerkschaftsführer Houcine Abassi kurz nachdem bekannt wurde, dass er und seine drei Mitstreiter den Friedensnobelpreis erhalten.

Das ägyptische Schicksal drohte auch in Tunesien

Als der deutsche Außenminister Frank Walter Steinmeier heute in Madrid nach seinem Kommentar zur Entscheidung des Nobelpreiskomitees gefragt wurde, sagte er sofort, das sei "eine hervorragende Entscheidung". Er selbst, so Steinmeier, habe "aus vielen Gesprächen und Besuchen die Erfahrung mitgenommen, dass es ohne das Quartett, ohne das zivilgesellschaftliche Engagement nie gelungen wäre, Tunesien auf den Weg der Demokratie zu bringen".

Friedensnobelpreis geht an tunesisches Quartett für Nationalen Dialog
tagesthemen 21:45 Uhr, 09.10.2015, Joana Jäschke, SWR

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Dieser Weg in die Demokratie schien durch politischen Streit und zunehmenden Extremismus vor zwei Jahren völlig verbaut. Zwei Politiker linker Parteien fielen damals Attentaten zum Opfer. Nationalgardisten starben bei Überfällen mutmaßlicher Terroristen. Die Polizei demonstrierte gegen die Regierung. Die Bevölkerung war frustriert. Wohin dies hätte führen können, zeigte sich in Ägypten: Dort scheiterte der politische Prozess, das Militär übernahm die Macht.

Friedensnobelpreis an tunesische Initiative (Archivbild):   Wided Bouchamaoui (Arbeitgeberverband),  Houcine Abbassi (Gewerkschaftsverband), Abdessattar ben Moussa (Menschenrechtsliga) und Mohamed Fadhel Mahmoud (Anwaltskammer). | Bildquelle: AFP
galerie

Vier gewinnt: Wided Bouchamaoui, Houcine Abbasi. Abdessattar ben Moussa und Mohamed Fadhel Mahmoud (von links) auf einem Bild aus 2013

Anders in Tunesien. Unermüdlich bemühte sich das Quartett um eine politische Lösung, setzte eine neue Verfassung und einen Termin für Parlamentswahlen durch. Mit dabei war damals der Gewerkschaftsführer Houcine Abassi - und der zog die anderen mit seinem Optimismus mit: "Ich habe keinen einzigen Tag geglaubt, dass der Dialog scheitern könnte, weder von Seiten des Quartetts noch von Seiten der Parteien."

Tunesien hat viel geschafft - aber auch noch viel vor sich

Jetzt, nach der Entscheidung des Nobelpreiskomitees, freuen sich Abassi und die anderen Mitglieder des Quartetts. Der Präsident des Arbeitgeberverbandes gibt die Auszeichnung symbolisch gleich weiter: Das gesamte tunesische Volk habe sich diesen Preis verdient, meint er.

"Das Quartett war die Initiative, die uns damals alle gerettet hat", sagt ein Mann in Tunis und sagt noch dazu: "Das ist es, was Tunesien von anderen Völkerin in der arabischen Welt und Afrika unterscheidet." Er meint die Bereitschaft zum Dialog, auch wenn die Lage im Land sehr problematisch bleibt.

Tunesien hat viel geschafft. Und dafür jetzt ein hohe Anerkennung bekommen. Aber kaum jemand im Land macht sich Illusionen über das, was noch an Problemen zu bewältigen ist: Extremismus bekämpfen, Arbeitsplätze schaffen, Korruption bekämpfen. Vielleicht ist der Friedensnobelpreis ja ein Ansporn dafür.

Friedensnobelpreis für ein kaum bekanntes Quartett
Jens Borchers, ARD Rabat
09.10.2015 16:12 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Darstellung: