"Armee verschwinde aus Madaya" - Solidarisierungs-Schriftzug mit den Bürgern von Madaya nahe Damaskus | Bildquelle: AFP

Vor den Syrien-Gesprächen in Genf Deprimierende Aussichten

Stand: 27.01.2016 20:04 Uhr

Eigentlich hätten die Syrien-Gespräche schon am Montag beginnen sollen. Doch wegen Differenzen zwischen den Teilnehmern wurde der Start auf Freitag verlegt. Die Situation ist vertrackter denn je - zugleich wird die Situation in Syrien immer unerträglicher.

Von Kai Clement, ARD-Studio New York

Stephen O’Brien, der weißhaarige Nothilfekoordinator der Vereinten Nationen, hat keine guten Nachrichten für den Sicherheitsrat. Dieser Monatsbericht sei genauso deprimierend wie die vorangegangenen, sagt er.

Schon zum dritten Mal diesem Monat befasst sich das mächtigste UN-Gremium mit dem seit Jahren mehr und mehr zusammenbrechenden Syrien.

Am Freitag soll nun die um ein paar Tage verschobene Friedenskonferenz in Genf beginnen - falls sich die Konfliktparteien auf die Teilnehmer einigen.

Madaya "ist nur die Spitze des Eisbergs"

"Dieser bösartige Kreislauf von Tod und Zerstörung könnte - und das ist ein ernstes Risiko - in vielerlei Hinsicht als die neue Normalität in Syrien angesehen werden", fürchtet O’Brien. Das syrische Madaya - erschreckendes Beispiel für eine belagerte und ausgehungerte Stadt - sei nur die "Spitze des Eisberges".

Derzeit versuchen nach UN-Einschätzung 486.700 Menschen in belagerten Gebieten zu überleben. Für Madaya und drei weitere belagerte Städte hätten die UN und ihre Helfer aktuell Essen und Hilfsgüter für 60.000 Menschen liefern können - ausreichend für einen Monat.

Von 400 Menschen konnten 37 evakuiert werden

O‘Brien dankt den "humanitären Helden", vor allem Syrern, die vor Ort ihre gefährliche Arbeit als Helfer leisteten. Sie hätten von 400 Menschen, die medizinische Hilfe bräuchten, gerade mal 37 evakuieren können. "Wir wissen aber nicht, ob auch andere evakuiert werden müssen", sagte der Nothilfekoordinator. "Deshalb ist es entscheidend, nun unabhängige medizinische Teams in die Städte zu bringen."

Tödliche Angriffe auch auf Zivilisten, Schulen und Krankenhäuser, unzureichender Zugang für Helfer und eine syrische Regierung, die weiterhin Genehmigungen für Hilfskonvois verschleppe. Für O’Brien ist das eine "schändliche Tragödie". Man werde in dem Versuch, schlecht erreichbare und belagerte Gebiete zu versorgen, durch die "erbärmliche Zahl von Genehmigungen" stark behindert.

Kein einziger Hilfskonvoi wurde bislang genehmigt

Vor über zwei Wochen habe die UN Hilfslieferungen für 1,7 Millionen Menschen beantragt - noch kein einziger Konvoi davon sei genehmigt, kritisiert O' Brian.

Zusammen mit O’Brien ist Ertharin Cousin, die Chefin des Welternährungsprogramms, in den Sicherheitsrat gekommen. Sie warnt, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis die brutalen Bilder aus belagerten Städten wieder auf unseren Fernsehschirmen erscheinen.

IS hat 200.000 Menschen eingeschlossen

Nach UN-Angaben sind syrische Regierungstruppen für den Großteil der Belagerungen verantwortlich. Zudem habe die Terrormiliz "Islamischer Staat" etwa 200.000 Menschen eingeschlossen. Beispiel Deir al-Sor im Osten des Landes. "Lebensmitteleinkäufe für einen Monat kosten etwa 240.000 syrische Pfund", sagt Cousin. "Das ist zehnmal so viel wie in Damaskus!"

Der Sicherheitsrat müsse seine Anstrengungen verdoppeln, so die Chefin des Welternährungsprogramms. O’Brien wird noch deutlicher: "Für die Millionen belagerter und unterernährter Menschen hat der Sicherheitsrat bislang einfach nicht genug getan."

Seine Mahnung für die voraussichtlich am Freitag beginnenden Friedensgespräche zwischen syrischer Regierung und Rebellen: "Die Hauptakteure in dieser Krise müssen tun, was sie noch nie getan haben: Menschen müssen für sie wichtiger sein als Politik."

UN-Sicherheitsrat zur Lage in Syrien
K. Clement, ARD New York
27.01.2016 19:18 Uhr

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