Co-Working-Büros in Shanghai (Foto: Steffen Wurzel)

Chinas neue Arbeitswelt Start-Up statt Fließband

Stand: 31.12.2016 04:50 Uhr

China gilt vielen als Werkbank der Welt: Dort wird produziert, was woanders erdacht wurde. Dabei werden in dem Land längst auch Produkte entwickelt - und innovativen Start-Ups ein gutes Arbeitsumfeld geboten.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Eine Nebenstraße im Zentrum von Shanghai. Straßenhändler verkaufen Frühstückspfannkuchen und Fleisch-Spieße für ein paar Cent. Ein Müllsammler fährt langsam mit einem klapprigen Dreirad vorbei und sammelt alte Elektrogeräte ein.

Nur wenige Meter weiter, im dritten Stock eines modernen, verglasten Bürogebäudes, trifft man auf eine völlig andere Shanghaier Realität. Sie nennt sich "Sandbox", so der Name eines so genannten Co-Working-Büros. Wildfremde Menschen treffen sich dort zum Austausch, zum Kaffeetrinken, zum Abhängen - und vor allem zum Arbeiten.

Mehrere Jobs, viele Arbeitsplätze

"Viele fähige Leute, die ich kenne, haben keine Lust mehr auf einen Standard-Job, auf ein klassisches Angestelltenverhältnis", sagt Wang Yihao, 26 Jahre alt. "Sie wollen lieber als Freiberufler arbeiten. In China ist es zur Zeit für junge Leute total üblich, mehrere Jobs gleichzeitig zu haben - und mehrere Job-Bezeichnungen zu tragen! Sie arbeiten in einem Café oder in einem Co-Working-Büro wie diesem."

Co-Working-Büros in Shanghai (Foto: Steffen Wurzel)
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In der "Sandbox" findet jeder, der will, einen Arbeitsplatz.

Wang ist angestellt bei einer mittelständischen Shanghaier Video-Produktionsfirma. Auch seine Freundin Zhang Yizhi arbeitet dort. Im eigentlichen Büro ihrer Firma tauchen die Beiden aber nur selten auf. "In unserer Firma ist es immer so voll, deswegen treffen wir uns mit unseren Kunden und Geschäftspartnern meistens auswärts. Und diese Treffen müssen wir in Ruhe vorbereiten - das machen wir hier. Eine sehr angenehme Location!"

Kostenlose Büroflächen für jeden

Für Zhang Yizhi, ihren Freund Wang Yihao und viele andere junge Menschen in Shanghai bedeutet "arbeiten" inzwischen: Wo und wann man etwas für seinen Arbeitgeber erledigt, ist dem im Grunde egal. Vor allem Mitarbeiter kleiner Unternehmen zieht es deswegen immer häufiger in eines der zahlreichen Co-Working-Büros, und natürlich viele Selbständige.

Sandbox-Mitarbeiterin Nathalie Zhang erklärt das Prinzip: "Unsere Büroflächen sind für alle kostenlos. Man braucht nur diese schwarze Einlass-Karte. Mit der Karte kann man alle unsere Dienstleistungen nutzen. Wir bieten eine perfekte Atmosphäre für die Start-Up-Szene."

Rund 50 Leute verteilen sich über das hell eingerichtete Großraumbüro, sie sitzen an modernen Möbeln und können mit ihrer Mitgliedskarte kostenlos Strom und Internet nutzen. Es gibt auch eine kleine Bar: Mit einer speziellen Sandbox-Smartphone-App lassen sich dort günstige Getränke und kleine Snacks bestellen.

Geld verdienen die Sandbox-Macher nach eigenen Angaben durch das Vermieten von Extraräumen, für Konferenzen und größere Projektgruppen zum Beispiel. Es ist ein offenes Geheimnis, dass zusätzlich auch die Shanghaier Stadtregierung Projekte wie diese finanziell unterstützt.

Nur billig zu sein reicht nicht mehr

Chinas Wachstumsmodell der vergangenen 30 Jahre funktioniere heute nicht mehr, sagt Shaun Rein. Der US-Amerikaner leitet die Beratungsfirma China Market Research und beschäftigt sich außerdem als Buchautor mit den massiven gesellschaftlichen Umwälzungen, die das Land gerade durchmacht. Es genüge nicht mehr, nur mit Billigproduktion und Investitionen in den Infrastrukturausbau für Wirtschaftsleistung zu sorgen, betont Rein.

Tatsächlich hat die chinesische Staatsführung dem Land einen massiven Strukturwandel verordnet. Das bisherige Wirtschaftsmodell, das fast vollständig auf Produktion und Export billiger Waren beruhte, soll abgelöst werden durch Dienstleistung, Technologie und Innovation. Entsprechend viel Geld investiert der chinesische Staat in diese Bereiche und entsprechend verändert sich auch die Struktur der chinesischen Arbeitswelt. Hipster, die beruflich "irgendwas mit Computern" machen, gibt es in Shanghai, Peking, Shenzhen und Chengdu inzwischen vermutlich mehr, als in Berlin, Kopenhagen und London zusammen.

Entwickeln statt nur bauen

"Unter Arbeitnehmern in China stellt man sich normalerweise hart arbeitende Leute vor, die für Hungerlöhne am Fließband stehen", sagt Rein. "Das ist das gängige Stereotyp in Deutschland. Die Realität sieht anders aus: Junge Chinesen bauen keine iPhones mehr zusammen, sie wollen iPhones kaufen."

Und selber entwickeln. Apple hat angekündigt, in China gleich zwei neue Forschungs- und Entwicklungszentren zu eröffnen, eines in Peking und eines in Shenzhen im Süden Chinas. Und das US-Softwareunternehmen kann dafür inzwischen auf gut ausgebildete Leute zurückgreifen. Fachkräftemangel wird zwar auch in China mehr und mehr zu einem ernsten Problem, in Sachen Technologie und Internet aber haben die Universitäten des Landes aber inzwischen aufgeholt und werfen viele gute Absolventen auf den Arbeitsmarkt.

Start-Up statt Pandas

Wang Yujia  (Foto: Steffen Wurzel)
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Wang Yujia managt ein Start-Up-Zentrum in Chengdu.

Viele machen sich selbständig und versuchen ihr eigenes Ding - zum Beispiel in Chengdu. Die Zehn-Millionen-Einwohnerstadt ist die Hauptstadt der westchinesischen Provinz Sichuan. Während Chengdu früher nur für Pandabären und scharfes Essen berühmt war, hat sich die Stadt inzwischen als Innovations- und Technologiezentrum profiliert. Eines der zahlreichen Start-Up-Zentren am Südrand von Chendgu wird von Wang Yujia gemanagt.

 "Es tut diesen Firmengründern gut, wenn sie hier gemeinsam an einem Ort zusammen kommen", sagt Wang. "Das ist doch viel besser, als käsefüßig und einsam in irgendeinem Büro zu sitzen und von dort zu arbeiten und Fertigsuppe zu essen. Das ist kein zielgerichtetes Arbeiten und an fähige Mitarbeiter kommt man so auch nicht."

Startkapital vom Staat

Wang Yujia weiß, wovon er spricht. Der 34-Jährige hat als Computer-Spezialist selbst jahrelang in klassischen Unternehmen gearbeitet, zum Beispiel bei China Telecom. Seit drei Jahren nun betreut er in seinem Start-Up-Zentrum ein paar Dutzend junge Firmengründer aus der Region Chengdu. Wang Yujia trägt eine lässige Sportjacke, knallbunte Sneaker eines deutschen Herstellers und während er durch das Gründerzentrum führt, erklärt er: "Die Behörden fördern jedes innovative Startup hier mit Beträgen zwischen 6800 und 41.000 Euro, das gibt es als Startkapital. In der ersten Phase beraten einen die Behörden außerdem in Bürokratie-Fragen, von der Stadtverwaltung bis zur Zentralregierung in Peking."

Am wichtigsten aber: Die Chengduer Stadtregierung lässt die jungen Firmengründer die Büroflächen drei Jahre lang mietfrei nutzen. Zwar prüft die Regierung auch, was genau die Tüftler so machen, aber die Innovations-Schwelle ist bewusst niedrig gehalten. Man muss noch kein fertiges Produkt haben, um hier an den Start gehen zu können, ein Konzept genügt.

Windel mit künstlicher Intelligenz

Zhang Shiqiang in Shanghai (Foto: Steffen Wurzel)
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Zhang Shiqiang hat den Windelsensor mitentwickelt.

 "Dieses Team hier, die forschen im Bereich Künstliche Intelligenz. Und das Team dort drüben arbeitet an einer Erfindung mit einem Windelsensor." Wang Yujia deutet auf einen langezogenen Schreibtisch, an dem zwei Frauen und zwei Männer sitzen. Sie haben iDiaper entwickelt, der Name leitet sich ab vom englischen Begriff Diaper, also Windel. Der 25-jährige Zhang Shiqiang erklärt die Erfindung: "Man muss den Sensor von außen auf die Windel draufkleben und dann die App öffnen."

Eine seiner Kolleginnen reicht Zhang Shiqiang eine große Spielzeug-Puppe mit Windel. Er klebt einen blau-weißen Plastik-Chip mit einer Art Klettverschluss von außen auf die Windel. Der Sensor und die zugehörige App messen die Feuchtigkeit und die Temperatur der Windel - und wenn sie gefüllt ist, bekommen der Vater oder die Mutter des Babys das auf ihrem Handy angezeigt.

 "Die App hat auch eine Funktion, die den Zeitpunkt der nächsten vollen Hose voraussagen kann. Bei regelmäßiger Benutzung sammelt sie die Daten und schlägt fünf Minuten vor dem nächsten Geschäft des Babys Alarm. User können anhand der Daten nachvollziehen, wie die Verdauung des Kindes funktioniert."

Den Windel-Sensor gibt es bereits zu kaufen, er kostet umgerechnet rund 25 Euro, inklusive App. Auf die Idee gebracht habe ihn das Baby seiner Schwester, sagt der junge Firmengründer. Hier im Chengduer Start-Up-Zentrum hat er aus der Idee ein Geschäftsmodell entwickelt. Wenn es genau so läuft, geht der Plan der chinesischen Politik auf: Innovation durch Subvention.

Zweifel an der Nachhaltigkeit

Start-up in Chengdu (Foto: Steffen Wurzel)
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In Chengdu erhalten junge Firmengründer staatliche Förderung.

Der Shanghaier Unternehmensberater Shaun Rein ist allerdings skeptisch: "Die Regierung ist schlau und fördert die unternehmerische Initiative. Aber: Ich finde, dass sie es den jungen Leuten zu einfach macht, an Gründungskapital zu kommen. Es gibt sehr viele Uni-Absolventen, die eine Firma gründen, ohne wirklich eine Idee oder einen Business-Plan zu haben. Sie haben nur das staatliche Fördergeld. Die Frage ist: Wie nachhaltig ist das? Ich fürchte, es wird eine Menge Pleiten geben."

Auch andere Experten warnen: Innovation, das kann man als Ziel vorgeben, aber einfach anordnen lässt sich innovativer Unternehmergeist nicht. Freies Denken ist in der chinesischen Wirtschaft zwar inzwischen durchaus erwünscht - doch darüber hinaus verhindern Zensur, politische Repression und hirarchische Gesellschaftsstrukturen echten Unternehmergeist nach westlichem Standard. Die Gedanken sind frei? Davon ist China noch weit entfernt.

"Wir schaffen einfach alles"

Berater Shaun Rein ist trotzdem optimistisch, dass es mit dem Umbau der chinesischen Wirtschaft klappen könnte: "Chinesische Startups kommen noch schneller voran als die in Europa und sie haben noch mehr diese 'Wir schaffen das!'-Einstellung. Jeder in China kenn jemanden, der vor zehn, fünfzehn Jahren noch ein Schweinezüchter war und heute steinreich ist. Ich habe ein Dutzend Freunde, die es vom Tellerwäscher zum Millionär geschafft haben. Und eine Menge Chinesen sind überzeugt: Wir schaffen einfach alles."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandradio Kultur am 19. Dezember 2016 um 18:35 Uhr

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