Das Foto, welches die Saudi Press Agency zur Verfügung gestellt hat, zeigt Männer auf Kamelen, die am 23.09.2017 bei Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag durch das King Fahd Stadion in Riad (Saudi-Arabien) reiten. Zum ersten Mal in der Geschichte durften auch Frauen die Feier im Stadion besuchen. | Bildquelle: dpa

Reformkurs in Saudi-Arabien Zaghafte Schritte in die Moderne

Stand: 07.10.2017 03:22 Uhr

Im erzkonservativen Königreich fallen etliche Tabus. Kronprinz Muhammed bin Salman öffnet das Land, indem er Konzerte erlaubt und Frauen mehr Rechte einräumt. Taktisches Manöver oder Revolution auf Raten?

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Anderswo wäre wohl kaum ein Zuschauer drangeblieben. In Saudi-Arabien aber löste die Ausstrahlung eines mehr als 30 Jahre alten Konzerts der Kultsängerin Umm Kulthum eine Sensation aus. Musik gilt im erzkonservativen Königreich eigentlich als "haram", als "verboten". Schon die Ankündigung in der Programmvorschau wurde auf Twitter innerhalb kürzester Zeit tausend Mal retweeted. "Das haben wir seit Ende der 1970er Jahre vermisst", schreibt ein User. "Wir werden endlich ganz normale Menschen wie alle anderen auf dem Planeten", ergänzt ein anderer.

System männlicher Vormundschaft bröckelt

Im Westen mögen es Banalitäten sein. Im erzkonservativen Königreich sind es Tabus. Die allerdings fallen seit einigen Wochen reihenweise, etwa das Fahrverbot für Frauen. Auf der Autoshow in Riad werben Händler von Luxuslimousinen gerade um die Gunst der neuen Klientel. Hunderttausende Fahrschülerinnen werden wohl schon bald auf saudischen Straßen unterwegs sein. Dabei hatte noch kürzlich ein Kleriker Auto fahrende Frauen als Sicherheitsrisiko gegeißelt. Schließlich sei das Gehirn von Frauen viermal kleiner als das von Männern.

Eine saudi-arabische Frau wird fotografiert, während sie ein Auto in einem Showroom prüft. | Bildquelle: REUTERS
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Ein Stück Freiheit: Saudi-arabische Frauen dürfen ab Juni 2018 Auto fahren.

Solche Ansichten gelten plötzlich als überholt. Selbst das System männlicher Vormundschaft über Frauen bröckelt. Bislang brauchten sie für so ziemlich alle Erledigungen eine Genehmigung ihres männlichen Vormunds. Künftig sollen sie auch ohne diese reisen und studieren können. Ja, auch Behördengänge sind nun kein männliches Privileg mehr. "Ich habe mich als Frau in Saudi-Arabien immer ungleich gefühlt", meint Lulwa Al Fadl im Gespräch mit tagesschau.de. Die 36-Jährige lebt mit ihrer Familie in Saudi-Arabien und Ägypten, sie hat schon viel von der Welt gesehen. "Diese Reformen sind ein großer Schritt in die richtige Richtung und werden unser Leben erleichtern. Frauen können nun endlich ihre eigenen Entscheidungen treffen."

Taktisches Manöver in Zeiten billigen Öls?

Doch bis zur Gleichberechtigung ist es ein langer Weg. Noch immer gelten strenge Bekleidungsvorschriften und drastische Strafen für "Ehebrecherinnen". Tatsächlich scheint die vorsichtige Öffnung vor allem taktisch motiviert. Das Königshaus steht mit dem Rücken zur Wand. Ohne radikale Wirtschaftsreformen droht ihm früher oder später der Bankrott. Der Erdölpreis ist seit 2008 um mehr als die Hälfte eingebrochen. Ein Ende des Öl-Zeitalters ist absehbar.

Kronprinz Muhammad Bin Salman will dem Land nun eine Rosskur verordnen: Er will staatliche Zuwendungen kürzen, Konzerne privatisieren, die Privatwirtschaft ankurbeln. Ohne mehr Frauen in Beschäftigung wird das aber nicht gehen. Bildung ist ein Schlüsselwort, Mobilität das andere. Bislang sind Millionen Frauen auf Chauffeure und das Wohlwollen ihres Vormunds angewiesen, wenn sie zur Arbeit wollen. Ein milliardenteurer Service. Für viele lohnt sich ein Job unter solchen Bedingungen nicht. Kein Wunder, dass Ende 2016 gut ein Drittel der Frauen arbeitslos waren. Bei den Männern sind es nicht einmal sechs Prozent. Lulwa Al Fadl ist überzeugt: "Frauen in Saudi-Arabien sind gebildet, viele auch erfolgreich. Diese Reformen werden sie beflügeln, und das Königreich wird davon profitieren."

Machtverschiebung zugunsten des Königshauses?

Im Westen lässt sich mit mehr Rechten für Frauen, mehr Konzerten und Kulturveranstaltungen zudem das ramponierte Image des Königshauses ein wenig aufpolieren. Das mag, so die vage Hoffnung, bei Investitionen und im Tourismus helfen - einer Branche, die bislang in Saudi-Arabien kaum erschlossen ist. Entsprechend offensiv wird die vorsichtige Öffnung auch verkauft.

König Salman von Saudi-Arabien | Bildquelle: AP
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Salman ibn Abd al-Aziz Al Saud ist absolutistischer König und Premierminister Saudi-Arabiens. Dadurch ist er auch der Oberbefehlshaber des saudischen Militärs.

Ganz ohne Risiken ist sie nicht. Religiöse Hardliner warnen in sozialen Medien vor göttlichen Strafen für die Aufweichungen althergebrachter Regeln. Der einflussreiche Rat der Höchsten Religionsgelehrten hält sich mit Kritik allerdings auffallend zurück. Womöglich zeichnet sich hier so etwas wie eine Machtverschiebung zugunsten des Königshauses ab.

Von einer grundsätzlichen Neuausrichtung des Landes allerdings kann noch keine Rede sein. Der Verfolgungsdruck auf Regimekritiker ist unverändert hoch. Willkürliche Verhaftungen und Folter sind an der Tagesordnung. Nichts deutet darauf hin, dass der König von seinem absoluten Herrschaftsanspruch ablassen könnte. Manch einer wittert in den Reformen deshalb nur Kosmetik oder gar Symbolik. Für Millionen Frauen in Saudi-Arabien aber ist es weit mehr als das. "Ich bin sicher, dass das nur der Anfang für eine bessere Zukunft von Frauen in Saudi-Arabien ist", hofft jedenfalls Lulwa Al Fadl.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 26. September 2017 um 22:15 Uhr.

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