NATO-Cyber-Abwehr-Zentrale im belgischen Mons | Bildquelle: NCI Agency - Creative Media Cent

Cyber-Abwehr-Zentrale Die Anti-Hacker der NATO

Stand: 24.04.2017 05:46 Uhr

Sie sollen Eindringlinge aus dem virtuellen Raum abwehren - die Mitarbeiter der Cyber-Abwehr der NATO. Nur wenigen ist der Zutritt in deren Zentrale gewährt - unser Korrespondent durfte einen Blick in die Arbeitswelt der Cyber-Experten werfen.

Von Kai Küstner, ARD-Studio Brüssel

Direkt am Eingang zu ihrem Arbeitsplatz haben die Mitarbeiter der NATO-Spezialeinheit ein Poster aufgehängt. Es zeigt eine Spinne in ihrem Netz, die auf Beute wartet. Darüber steht der Satz: "Schütze Dein Netzwerk - fang den Eindringling!" Dieses Poster versinnbildlicht genau das, was die Computerexperten der Militärallianz hier tagtäglich tun: Sie schützen das gesamte NATO-Netzwerk vor unwillkommenen Besuchern.

"Die wohl gefährlichste Art von Angriff ist die Cyber-Spionage, also der Versuch, wertvolle Informationen zu erlangen. Über NATO-Operationen und Pläne zum Beispiel", erklärt der Einsatzleiter in der Cyberabwehr-Zentrale, Philippe. Aus Sicherheitsgründen nennt keiner der hier Beschäftigten seinen vollen Namen. Der Franzose befehligt eine durchaus ungewöhnliche Truppe: zusammengewürfelt aus zivilen und militärischen IT-Experten.

Rapider Anstieg von "Cyber-Vorfällen" in 2016

Und so sitzen hier Seite an Seite sowohl Männer in Tarnuniformen als auch dem Klischee des "Computer-Nerds" näherkommende Mittzwanziger mit Kapuzenpullis. Sie alle haben - neben Kaffeetassen oder Schüsseln mit Gummibärchen - vier Bildschirme vor sich stehen. Und dabei neben für Laien absolut rätselhaft wirkenden Zahlen- und Buchstabenreihen ein Ziel vor Augen: Angreifer aus dem Netz abzuwehren.

"In letzter Zeit bekommen wir zum Beispiel sehr geschickt erstellte E-Mails, die sich etwa auf Erklärungen des NATO-Generalsekretärs beziehen. Man könnte also denken, dass sie zusätzliche Informationen enthalten. Öffnet man aber den Anhang, passieren schlimme Dinge", warnt Philippe.

Einen rapiden Anstieg verdächtiger "Cyber-Vorfälle" registrierte die NATO eigenen Angaben zufolge im vergangenen Jahr. Hinter vielen von ihnen stünden sogenannte staatliche Akteure, erklärt der Einsatzleiter, ohne die beim Namen nennen zu wollen.

Virtueller Raum als neues Krisengebiet

Wie sensibel dieses Thema ist, zeigt, dass die Cyber-Abwehr-Zelle sozusagen "unter Tage" arbeitet: Sie ist zwar mitten im riesigen NATO-Hauptquartier im belgischen Mons angesiedelt, jedoch nur wenigen ausgewählten Mitarbeitern zugänglich und hinter dicken Panzertüren versteckt. Dass die hier versammelten Anti-Hacker selber zu Hackern werden und fremde Netzwerke angreifen, schließt man bei der NATO aus: "Nein, da gibt es eine klare rote Linie", betont Philippe. "Wir stärken nur die Abwehr. Natürlich wissen wir, dass es einzelne Nationen gibt, die solche offensiven Fähigkeiten haben. Aber das ist dann nicht die NATO, das obliegt dann den Einzelstaaten."      

Dass ein militärischer Gegner sich per Internet Zugriff auf NATO-Waffensysteme verschaffen und wie im Film praktisch per Fernsteuerung einen Weltkrieg auslösen könnte, schließt man beim Bündnis aus. Raketensysteme etwa seien vom Internet abgekoppelt. Dass aber ebenso lautlose wie zunächst harmlos scheinende Angriffe aus dem Netz massive Folgen haben können, weiß man bei der NATO.

Wann folgt ein Gegenangriff?

Mittlerweile hat man daher auch den virtuellen Raum zum möglichen Kriegsgebiet erklärt. Ein Hacker-Angriff kann durchaus den berühmten Bündnisfall auslösen. "Wir haben also See, Luft, Land und Cyber als militärisches Gebiet", so formulierte es NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Einen so gefährlichen Fall, dass dieser vor dem Nordatlantikrat, der Versammlung aller 28 Staaten, gelandet wäre, hat es bislang nie gegeben.

Unklar ist damit auch, wo die Schwelle für einen Gegenangriff genau liegt: Und damit auch, ob eine mögliche Hackerattacke auf wichtige Wahlen in einem NATO-Mitgliedstaat, vor denen bereits gewarnt wurde, das etwa bewirken könnte.

Und niemand kann vorhersagen, ob es nicht doch eines Tages einem Eindringling gelingt, die wie eine Spinne über ihr Netzwerk wachende Cyber-Zentrale zu überlisten.

NATO-Cyber-Abwehr-Zentrale
K. Küstner, NDR Brüssel
23.04.2017 22:16 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 24. April 2017 um 09:08 Uhr.

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