Fahne der Terrorgruppe Islamischer Staat

"Islamischer Staat" Regierung will deutsche IS-Kinder zurückholen

Stand: 22.11.2017 18:00 Uhr

In irakischen Gefängnissen sitzen Kleinkinder mit deutscher Staatsbürgerschaft. Sie wurden von ihren Eltern ins IS-Gebiet verschleppt oder dort geboren. Die Bundesregierung versucht nun, diese jüngsten Opfer des IS nach Deutschland zu holen.

Von Georg Mascolo, NDR/WDR

Im August dieses Jahres machte sich eine Gruppe von Staatsschützern des Bundeskriminalamts auf den Weg nach Bagdad. Ihre Aufgabe war es, vier deutsche Frauen zu vernehmen, die irakische Sondereinheiten kurz zuvor festgenommen hatten. Herauszufinden war in den Vernehmungen, wer Täterin war und wer womöglich eher ein Opfer des sogenannten Islamischen Staates.

Ein Opfer jedenfalls machten die Beamten sofort aus: Eine der Frauen erschien zur Vernehmung mit einem Kleinkind, das während der Befragung auf dem Schoß der Mutter schlief. Inzwischen weiß die Bundesregierung von mindestens einem halben Dutzend deutschen Klein- und Kleinstkindern, die in irakischen Haftanstalten oder sogenannten Verhörzentren einsitzen. Ihre Eltern waren beim IS. Mit dem Zerfall der Terrororganisation bleiben die Männer meist verschwunden, die Frauen aber tauchen nun auf. Und mit ihnen die Kinder.

Kämpfer der Terrorgruppe IS in der nordsyrischen Provinz Rakka | Bildquelle: AP
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Kämpfer des IS in Rakka (Archivfoto aus 2014): Die Terrororganisation wird immer mehr zurückgedrängt.

Schutzpflicht für eigene Staatsbürger

Inzwischen bemüht sich das Auswärtige Amt nach Informationen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung", die Kinder nach Deutschland zu holen. Die Entscheidung wird mit humanitären Erwägungen und der Schutzpflicht für die eigenen Staatsbürger begründet. Die Kinder wurden entweder von ihren Eltern ins IS-Gebiet verschleppt oder sogar dort geboren. Zudem gelten die Haftbedingungen als schwierig. So sitzen im nordirakischen Erbil allein vier deutsche Kinder ein, die Mutter eines der Kinder ist zudem hochschwanger. Sie teilen sich eine Großraumzelle mit über 60 weiteren Müttern verschiedener Nationalitäten und einer großen Anzahl weiterer Kinder.

In der Bundesregierung war man anfangs davon ausgegangen, dass die irakischen Behörden die Frauen schnell abschieben würden - und damit auch die Kinder. Inzwischen scheint wahrscheinlicher, dass ihnen im Irak zunächst der Prozess gemacht wird. Im Auswärtigen Amt fiel daraufhin die Entscheidung, die irakischen Behörden darum zu bitten, die Kinder auszufliegen. Auch die Mütter haben darum gebeten. Die Kinder seien einfach besser bei Familienangehörigen in Deutschland aufgehoben, heißt es im Auswärtigen Amt. Auch andere Staaten verfahren inzwischen so, die Vereinten Nationen haben sich ebenfalls eingeschaltet.

Weitere deutsche IS-Kinder?

In der Bundesregierung erwartet man, dass die Zahl der entdeckten deutschen Kinder noch steigen wird. Von den rund 940 zum IS aus Deutschland ausgereisten Personen haben zwei Drittel die deutsche Staatsbürgerschaft. Noch hat das irakische Außenministerium auf ein entsprechendes Ersuchen nicht geantwortet.

In der Bundesregierung wurden vor der Entscheidung auch Sicherheitsfragen diskutiert. Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen warnte gerade erst öffentlich, dass IS-Kinder "islamistisch sozialisiert und entsprechend indoktriniert aus den Kampfgebieten nach Deutschland zurückkehren". Tatsächlich setzte der IS auch kleine Kinder für Exekutionen ein. Allerdings gilt auch, dass die Gefahr gering ist, je jünger die Kinder sind: Sie sind vermutlich eher traumatisiert als radikalisiert. Die französische Verteidigungsministerin Florence Parly erklärte unlängst, man müsse solche Kinder nach ihrer Rückkehr im Auge behalten: "Die Herausforderung besteht darin, sie wieder zu Bürgern zu machen."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 22. November 2017 um 19:45 Uhr.

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