Diskriminierung in Ghana "Tödlich, das gleiche Geschlecht zu lieben"

Stand: 18.01.2016 13:41 Uhr

In vielen afrikanischen Ländern werden Homosexuelle verfolgt und diskriminiert - auch in Ghana, das eigentlich als demokratisches Vorzeigeland gilt. Hier hat sich die Situation in den vergangenen Jahren verschlimmert. Schuld daran sind auch die Religionen.

Von Christian Baars, NDR

"Ich zeige dir das Video, es ist so schlimm", sagt Kwame und wischt mit seinem Finger über sein Handy. Dann hat er es gefunden. Ein junger Mann ist zu sehen, umringt von einer Gruppe anderer Männer. Sie schreien auf ihn ein, zwingen ihn sich auszuziehen und hinzulegen, mitten auf der Straße. Dann prügeln sie auf ihn ein - mit Stöcken, Gürteln und Stacheldraht. "Sie wollen ihm die Homosexualität austreiben", sagt Kwame. So sei hier die Situation - die Situation von Homosexuellen in Ghana.

Ein halbnackter Mann liegt auf dem Bauch umringt von anderen Männern.
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Screenshot eines Videos, in dem ein angeblich schwuler Mann in Ghana zusammengeschlagen wird.

Der gefilmte Angriff ereignete sich vor einigen Wochen in Accra, Ghanas Hauptstadt. Der junge, angeblich schwule Mann überlebte schwerverletzt. Die Täter stellten das Video auf ihre Facebook-Seite und schrieben dazu, sie würden ihre Attacken auf Schwule fortsetzen, um die Ausbreitung der Homosexualität in Ghana zu stoppen.

Ständige Angriffe auf Schwule

Kein Einzelfall: Kwame berichtet von ständigen Angriffen und Diskriminierungen gegen Homosexuelle. Er arbeitet für eine Menschenrechtsorganisation in der Hauptstadt Accra, die sich für Homo-, Bi- und Transsexuelle engagiert. Kwame heißt tatsächlich anders: Er ist selbst schwul, will seinen richtigen Namen nicht öffentlich nennen. Selbst seine Familie weiß nicht, dass er schwul ist.

Ghana gilt in Afrika als demokratisches Vorzeigeland. Doch in Bezug auf die Rechte von Homosexuellen sieht es hier ähnlich aus wie in vielen anderen afrikanischen Ländern. Bereits vor vier Jahren hatte Großbritanniens Premier David Cameron ermahnt, die Rechte von Homosexuellen zu achten und gedroht, dass finanzielle Hilfen gestrichen werden könnten. Es blieb offenbar bei der Androhung.

Ein Mann läuft durch eine Straße voll Matsch und Autowracks in Accra / Ghana.
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Kwame engagiert sich für Lesben, Schwule, Trans- und Bisexuelle in Ghana. Tatsächlich heißt er anders. Selbst seine Familie weiß nicht, dass er selbst schwul ist.

Bis zu drei Jahre Gefängnis

Für Homosexuelle hat sich seitdem nichts verbessert. Im Gegenteil: Es sei schlimmer geworden, sagt Kwame. Viele Ghanaer hätten Homosexuelle dafür verantwortlich gemacht, dass ihr Land möglicherweise weniger Geld bekommen könnte und sie deshalb beschimpft, teils sogar zusammengeschlagen. Homosexuelle werden in Ghana sogar nach wie vor strafrechtlich verfolgt und eingesperrt. Drei Jahre Haft drohen hier Schwulen. Kwame kennt einige, denen dies passiert ist. Oft würden sich Schwule sogar nicht trauen zur Polizei zu gehen, wenn sie Opfer eines Verbrechens geworden seien. Denn es könne passieren, dass sie dann selbst in der Zelle landen, sagt Kwame.

Die Folge: Fast niemand traut sich, sich zu outen. Ein großes Problem, auch in der Gesundheitsversorgung. Aus Angst, stigmatisiert oder sogar eingesperrt zu werden, schrecken viele davor zurück, einen HIV-Test zu machen. Vor einem Jahr veröffentlichte eine afrikanische NGO ein Video über einen Homosexuellen in Ghana, der über sein Leben und seine Diagnose berichtete. "Wenn du HIV-positiv bist, ist es eine Schande für deine Familie", erzählt er unter Tränen. "Ich wollte keine Schande über meine Mutter bringen." Er starb fünf Wochen nach dem Interview. Er war zu spät zum Arzt gegangen.

Das gläubigste Land weltweit

Verantwortlich für die Situation seien auch die Religionen, sagt Kwame. Ghana ist gläubig. Laut dem globalen Religions-Index des Gallup-Netzwerks ist es sogar das gläubigste Land der Welt. 96 Prozent der Ghanaer bezeichnen sich selbst als religiös. Tausende religiöser Gruppen werben hier um Anhänger, vor allem evangelikale Christen und Muslime.

Eine Kirche mit einem religiösen Plakat in Kumasi / Ghana.
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In Kumasi werben im Stadtzentrum Dutzende kleine und große Gemeinden um Gläubige.

Sonntagmorgen in Kumasi, der zweitgrößten Stadt Ghanas: Aus vielen Häusern im Zentrum der Stadt dringen christliche Popsongs oder auch klassische Orgelklänge. Etliche evangelikale Gemeinden und traditionelle christliche Kirchen laden zu Gottesdiensten ein. Fragt man die Gläubigen nach ihrer Meinung zu Homosexualität, sind sich alle weitgehend einig: "Wir verurteilen Homosexualität absolut." - "Schwule sollten in den Wald gejagt werden." - "Die Bibel spricht gegen Homosexualität, auch der Koran. Also, warum sollten wir erlauben, dass Homosexualität in diesem Land existiert?"

Kirchen: Homosexualität darf nicht toleriert werden

Mehrere christliche Kirchen in Ghana haben 2011 sogar eine gemeinsame Erklärung abgegeben: Seitenlang führen sie aus, warum sie Homosexualität verurteilen. Sie bezeichnen sie als Sünde, als ernsthaftes Problem, als unafrikanisch, abnormal, dreckig, unbiblisch und noch einiges mehr. Das Fazit: Homosexualität sei "unghanaisch" und dürfe nicht toleriert werden.

Fährt man in Ghana weiter hoch in den Norden, erklingen zunehmend Muezzin-Rufe statt christlicher Musik. Doch an der Haltung zu Homosexualität ändert sich nichts. Vertreter beider Religionen hetzen immer wieder öffentlich, verurteilen sie als Sünde und unnatürlich und beschwören eine angebliche Gefahr: Eine Schwulen-Lobby aus Europa und Amerika wolle Homosexualität auch nach Afrika bringen. In Predigten, Radiosendungen, Fernsehtalkshows taucht diese Verschwörungstheorie immer wieder auf.

Gefahr sofort gelyncht zu werden

Ein riesiger Schriftzug an einem Haus in Accra mit der Aufschrift: "Thank you Jesus".
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Der Einfluss der Religionen ist in Ghana riesig, teils auch die Werbung für den Glauben.

Der Einfluss der Religionen sei sehr groß, sagt die Journalistin Alima Bawah. Fast alle Ghanaer würden entweder der einen oder der anderen Glaubensrichtung angehören. Sie selbst stammt aus einer muslimischen Familie, arbeitet im Norden des Landes jedoch für einen christlichen Radiosender. Sie sieht das Verhalten von Predigern und Gemeindeleitern beider Religionen sehr kritisch - insbesondere auch in Bezug auf Homosexuelle. "Sie sagen: Hey, wenn du ein Homosexueller bist, heißt das, du bist gegen Gott und gegen die heiligen Bücher", sagt Alima Bawah. Mit fatalen Folgen: "Wenn jetzt jemand in Ghana sich offen zu seiner Homosexualität bekennen würde, würde er mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit sofort gelyncht werden."

In einigen Städten und Dörfern haben sich religiöse Bürgerwehren gebildet, die gegen Homosexuelle vorgehen. Immer wieder kommt es zu Angriffen.

"Warum sollte Gott Schwule hassen?"

Auch Samuel hat deshalb Angst. Er ist schwul, lebt in der Hauptstadt Accra. Auch er möchte nicht, dass sein richtiger Name öffentlich genannt wird. "Es ist schlimm hier, wenn du dich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlst", sagt Samuel. "Es ist tödlich." Vergangenes Jahr hätten sich fünf Bekannte von ihm umgebracht, berichtet Samuel. Und dabei habe auch der psychische Druck der Religionen eine große Rolle gespielt.

Samuel sagt, er verstehe das nicht: Wenn Gott Liebe sei, dann müsste Schwulsein doch Glück bedeuten. "Warum sollte Gott Schwule hassen?" Der letzte, der sich umgebracht habe, habe einen Brief an seine Familie geschrieben und darin gesagt: Er glaube, dass Gott ihn im Himmel so akzeptiere, wie er sei.

Diskriminierung von Homosexuellen in Ghana
C. Baars, NDR
26.12.2015 12:15 Uhr

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Über dieses Thema berichtet NDR Info am 27.12.2015 um 13:30 Uhr im Echo der Welt.

Korrespondent

Christian Baars | Bildquelle: Christian Baars / NDR Logo NDR

Christian Baars, NDR

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