Ein Mann arbeitet an der Tastatur eines Laptops.  | Bildquelle: dpa

Überwachung in Syrien Assads "elektronische Armee"

Stand: 06.01.2017 20:42 Uhr

Das Assad-Regime versucht offenbar, mit einer "elektronischen syrischen Armee", die Opposition zu überwachen. Das berichtet ein Ex-Geheimdienstler der ARD. Verschlüsselung zu nutzen, gilt als Verrat.

Von Annette Dittert und Daniel Moßbrucker, NDR

Es ist ein nasskalter Novembertag, mitten in einer europäischen Metropole. Wo genau, soll aus Sicherheitsgründen geheim bleiben. Nach wochenlangen Vorgesprächen erscheint pünktlich auf die Minute ein Mann und begrüßt das ARD-Fernsehteam. Schwarze Lederjacke, fester Händedruck und ein höfliches "Guten Tag" in gebrochenem Deutsch.

Bis vor Kurzem hatte er Einblick in die innersten Zirkel des syrischen Geheimdienstes. Dann floh er aus dem Bürgerkriegsland. Nach eigener Schilderung, weil er die mörderischen Befehle des Regimes aus Gewissensbissen nicht mehr befolgte wollte. Nun will er als Whistleblower erstmals vor einer Kamera beschreiben, wie die syrische Überwachung von Oppositionellen und Journalisten funktioniert.

"Verschlüsselung galt als Hochverrat"

"Ziel der Überwachung ist es, jede Stimme im Keim zu ersticken. Es geht darum, alle Menschen zu umzingeln, die die Revolution unterstützten und ausnahmslos alle von ihnen zu überwachen, um sie danach festzunehmen", beschreibt der Mann in einem Interview, das am Montagabend im Rahmen einer ARD-Dokumentation über das Darknet ausgestrahlt wird.

Intern spreche man nur von der "elektronischen syrischen Armee". Der Geheimdienst hat es demnach vor allem auf Journalisten abgesehen, die die "Revolution" im Land "befeuern wollten". Wer versucht habe, der Totalüberwachung im abgeschotteten syrischen Internet durch den Einsatz von Verschlüsselung zu entkommen und dabei gefasst wurde, sei verhaftet und gefoltert worden. "Das galt als Hochverrat", beschreibt der Mann.

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Die Nutzung von Verschlüsselung im abgeschotteten syrischen Internet gilt als Hochverrat.

In Syrien herrscht seit 2011 ein Bürgerkrieg, in dem nach Angaben der Vereinten Nationen mehr als 400.000 Menschen getötet wurden. Sogar noch Anfang 2012 habe das Regime seine Überwachungstechnologie modernisiert, sagte der Whistleblower gegenüber der ARD. Die Aussagen decken sich mit jüngsten Recherchen der britischen Nichtregierungsorganisation Privacy International und des Blogs netzpolitik.org. Demnach habe unter anderem die in Dubai ansässige Firma "Advanced German Technology" mit Sitz in Berlin den Aufbau des syrischen Überwachungsapparates bis 2012 mit ermöglicht.

Darknet als Freiraum für Opposition in Gefahr

Eine der letzten Möglichkeiten, der massiv ansteigenden Überwachung gerade in Syrien und anderen Ländern mit repressiven Regierungen zu entfliehen, ist das Darknet. Zensur oder Blockade von Websites ist technisch beispielsweise im Tor-Netzwerk nahezu unmöglich. In vielen Ländern ist diese digitale Unterwelt in Diktaturen oftmals der einzig sichere Kommunikationskanal.

Doch auch dieser letzte Freiraum für Oppositionelle wird zunehmend beschnitten. Mit Hilfe sogenannter Überwachungstrojaner ist es möglich, auch Darknet-User zu überwachen. Diese Späh-Programme nisten sich auf den Rechnern von Zielpersonen ein und machen beispielsweise Videos vom Desktop, greifen auf das Mikrofon zu oder zeichnen jede Tastenbewegung auf. Damit wird die Anonymisierung durch das Darknet umgangen, weil Informationen abgefangen werden, bevor sie verschlüsselt werden.

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Für User praktisch unmöglich, Trojaner zu entdecken

"Solche Software ist wie eine Wanze auf dem eigenen Computer - und genau das ist das Problem: Es wird alles überwacht, was das Opfer tut. Es gibt kein Limit", sagt der italienische Hacker Claudio Guarnieri, der seit Jahren diese Software auf Rechnern von potenziellen Opfern analysiert und die häufig illegalen Praktiken von Staaten aufdeckt. Für User ist es praktisch unmöglich, solche Trojaner zu entdecken, weshalb Guarnieri als sogenannter "White Hat Hacker" solcher Software nachspürt und versucht, sie unschädlich zu machen.

Durch die seit Anfang 2011 stetig verschärften Wirtschaftssanktionen gegen Syrien von den USA und der EU ist es derzeit illegal, wenn Hersteller solche Software dorthin liefern. Der Markt ist allerdings extrem intransparent, und für Behörden sind Softwareexporte ohnehin schwer zu regulieren. Im vergangenen Jahr wurde beispielsweise bekannt, dass die italienische Firma Hacking Team noch 2015 Späh-Trojaner nach Ägypten geliefert hatte - als längst klar war, dass sich die Hoffnung auf eine demokratische Entwicklung in dem Land nicht erfüllen würde.

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"Die Story im Ersten: Das Darknet" sehen Sie am Montag um 22.45 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtet Das Erste am 09. Januar 2017 um 22.45 Uhr.

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