Papst Franziskus zelebriert eine Messe | Bildquelle: AP

Bischöfe beraten über Familie und Ehe Reizthemen im Vatikan

Stand: 05.10.2014 01:39 Uhr

Papst Franziskus hat eine zweiwöchige Synode zum Thema Ehe und Familie eröffnet. Erzbischöfe und Kardinäle aus aller Welt sowie einige ausgesuchte Laien sollen bei den Beratungen die kirchliche Lehre mit Blick auf die Realität der modernen Familie und Sexualmoral überprüfen. Offen soll es zugehen, Konflikt ist erwünscht.

Von Tilmann Kleinjung, ARD-Hörfunkstudio Rom

Offen wie selten zuvor wird in der katholischen Kirche diskutiert. Ermöglicht wird dies durch die Offenheit von Papst Franziskus. Vor der Bischofssynode hatte er die Katholiken in aller Welt aufgefordert, ihre Meinung zum Thema Familie kundzutun.

Damit holt der Papst die Wirklichkeit in die Kirche zurück, sagt der Vatikan-Experte Marco Politi: "Der Papst will, dass das Kirchenvolk Druck ausüben kann auf die Bischöfe und dass die Bischöfe mehr Mut bekommen, genau das zu sagen, was sie aus ihrem Territorium wissen."

Bischöfe beraten über Rolle der Familie und Sexualmoral
tagesthemen 22:45 Uhr, 05.10.2014, Christian Wölfel, BR

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Verbot der Verhütung wird nicht beachtet

Die Ergebnisse der Umfrage unter Deutschlands Katholiken sind kaum überraschend. Das Verbot künstlicher Verhütung wird von der großen Mehrheit der Katholiken nicht beachtet. Dass Katholiken, die zum zweiten Mal heiraten, von der Kommunion ausgeschlossen sind, können die meisten Katholiken nicht nachvollziehen.

Auch nicht der deutsche Kardinal Walter Kasper: "Gott lässt keinen endgültig fallen, wenn er ihn braucht. Auch die Kirche kann einen Menschen nicht fallen lassen, wenn er in einer schwierigen Situation ist, wenn er versucht, mit einem zweiten Partner in einer zivilen Ehe zu leben." Wenn dies auf christliche Weise geschehe, solle nach einer Zeit der Begleitung und der Buße die Zulassung zur Kommunion im Einzelfall möglich sein, meint Kasper. Diese Position vertrat Kasper vor einer Kardinalsversammlung in Rom bereits öffentlich, im Auftrag des Papstes.  

alt Papst Franziskus bei dem Eröffnungsgottesdienst zur Synode in Rom | Bildquelle: REUTERS

Zitat

Zur Eröffnung der Synode wünschte der Papst sich eine offene Diskussion. Dazu sagte er: "Der Traum Gottes kollidiert stets mit der Heuchelei einiger seiner Diener. Wir können den Traum Gottes 'vereiteln', wenn wir uns nicht vom Heiligen Geist leiten lassen. Der Geist schenkt uns die Weisheit, um großherzig in wahrer Freiheit und demütiger Kreativität zu arbeiten."

Offener Streit zwischen Konservativen und Reformern

Bei der Bischofssynode werden Kaspers Vorschläge und die Ergebnisse der weltweiten Umfrage Gegenstand der Diskussion sein. Widerspruch gab es schon vorher. Kardinal Gerhard Ludwig Müller, Präfekt der Glaubenskongregation, sieht die katholische Lehre in Gefahr. Wenn auch Katholiken in zweiter Ehe künftig zur Kommunion gehen können, werde die Unauflöslichkeit der Ehe in Frage gestellt: "Sakramente dürfen Menschen nicht disziplinieren. Sie sind aber auch kein Trostpflaster, die eine schwierige Situation einfach so überspielen können."

Unmittelbar vor der Synode erschien ein Buch, in dem Müllers bereits vor langer Zeit formulierte Position noch einmal veröffentlicht wurde, und zwar als bewusste Antithese zu Kasper. Auch der "Finanzminister" des Vatikan, Kardinal George Pell, sprach sich gegen eine Öffnung der Kirche aus.

In Rom herrscht in diesen Tagen ein Klima, das Zeitzeugen an das Zweite Vatikanische Konzil vor 50 Jahren erinnert. Auch damals gab es offenen Streit zwischen Konservativen und Reformern. Dieser offen ausgetragene Konflikt ist vom Papst gewünscht und gewollt, sagt Journalist Marco Politi: "Es ist gut, dass sich die Gegner zeigen, dass Kardinal Müller sagt, was er denkt, dass es Kardinal Pell tut. Natürlich will der Papst, dass nun in der Synode auch die reformfreudigen Bischöfe zu Wort kommen."

Kardinal Walter Kasper | Bildquelle: AP
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Kardinal Kaspers liberale Vorschläge werden Gegenstand der Diskussion sein ...

Kardinal Gerhard Ludwig Müller | Bildquelle: dpa
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... und treffen auf konservativen Ansichten - wie etwa die von Kardinal Müller.

"Wer bin ich, über sie zu urteilen?"

Die meisten Beobachter zweifeln nicht daran, dass Franziskus mit dieser Synode die große Kluft zwischen katholischer Wirklichkeit und Lehre überwinden will. Angesprochen auf homosexuelle Katholiken sagte er den mittlerweile berühmten Satz: "Wer bin ich, über sie zu urteilen?"

Neu ernannte Bischöfe warnte Franziskus vor kurzem vor der Versuchung, das Kirchenvolk ihren Vorstellungen und Wünschen anpassen zu wollen. "Liebt die Menschen, die Gott Euch anvertraut hat, auch wenn sie große Sünden begangen haben. Werdet nicht müde, zum Herrn zu gehen, um Verzeihung und einen Neuanfang zu erhalten."

Synode zu Familienthemen im Vatikan
Tilmann Kleinjung, ARD-Hörfunkstudio Rom
05.10.2014 00:49 Uhr

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Nicht in Stein gemeißelt

Zwei mal habe er sich mit dem Papst getroffen, sagt Kardinal Walter Kasper, um sein Positionspapier abzustimmen. Franziskus würdigte den Vortrag Kaspers im Anschluss ausdrücklich. "Die katholische Lehre ist kein ideologisches System, das in Stein gemeißelt ist. Sie ist ein lebendiges Evangelium, das sich entwickeln, das konkret werden muss und das vor allem zum Heil und Wohl der Menschen ausgelegt werden muss.

Die entscheidenden Fragen sind damit noch nicht beantwortet. Franziskus will eine ergebnisoffene Synode, in der es anders als bisher mehr Freiraum für echte Diskussion geben wird. Es gibt keine Denkverbote und am Ende wird sich wohl auch der Papst der Mehrheitsmeinung anschließen.

Bischofssynode zu Familie und Sexualmoral

Insgesamt 191 Bischöfe aus aller Welt diskutieren bei der Synode im Vatikan hinter verschlossenen Türen über ein Arbeitspapier, das eine Kluft zwischen der Lebenswirklichkeit vieler Menschen und den Regeln der Katholischen Kirche festgestellt hat. Sie werden von Laien beraten. Entscheidungen werden von dem Treffen, das der Papst einberufen hat, nicht erwartet.

Eröffnet wird das Treffen am Sonntag mit einer Messe im Petersdom, die eigentlichen Arbeitssitzungen beginnen am Montag. Die Synode dauert zwei Wochen.

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