Ein Volkswagen Käfer erklimmt die Spitze eines Hügels in einem Viertel von Mexiko-Stadt.
reportage

Kult-Autos in Mexiko Wo der VW-Käfer noch verehrt wird

Stand: 21.01.2024 16:22 Uhr

Lange baute Volkswagen den Käfer nur noch in Mexiko. Das zeigt sich auf den Straßen im Land bis heute: Auch 20 Jahre nach dem Ende der Produktion ist das Auto aus einigen mexikanischen Dörfern nicht wegzudenken.

Von Peter Sonnenberg, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Cuautepec ist ein Vorort eine gute Stunde vom Zentrum der Hauptstadt Mexiko-Stadt entfernt. Die Straßen hier sind schlecht, viele Schlaglöcher, viele "Topes" - das sind die kleinen Asphalthügel quer über die Straße, ohne die die Mexikaner ungebremst über jede Kreuzung rasen würden. Vor allem aber sind die Straßen schmal und steil.

Die großen Geländewagen, die überall sonst die Straßen Mexikos beherrschen, gibt es hier nicht, mit ihnen kommt man nicht durch. Hier bestimmt ein für Deutsche sehr vertrauter Anblick das Straßenbild - der VW-Käfer. Kurz, schmal, Heckantrieb und Motor hinten, mit viel Gewicht auf der hinteren Achse, wie Omar Perez erklärt. Er hat eine Käfer-Werkstadt.

Omar repariert auf der Straße, seine Garage ist nur Lager für Werkzeug und Ersatzteile. Reinfahren - geschweige denn einen Käfer auf eine Hebebühne stellen - ist hier nicht drin. Seine Kunden fahren an den Bordstein, und los geht's.

Immer auf der Suche nach Teilen

Omar stellt ein paar bunte Hütchen auf die Straße, damit die "Peseros", die Kleinbusse, ihm nicht die Füße abfahren, wenn er unter einem Käfer liegt. Und so rückt er seinen buckligen Patienten zu Leibe. "Die meisten haben verbogene Querlenker, und ich muss ständig die Manschetten austauschen, weil die schnell kaputt gehen auf unseren Straßen", sagt Omar Perez. "Ich suche immer nach Originalteilen, aber wenn es die nicht gibt, quetsche ich Teile von anderen Autos rein - nicht original, aber gute Qualität."

Als er seine Werkstatt vor 14 Jahren aufmachte, war es nicht sein Plan, sich auf "Vochos", wie die Käfer hier heißen, zu spezialisieren. Aber: "Wir leben hier in Vocholandia", erklärt er. "Allein in unserem Viertel, stell' dir vor, fahren noch ungefähr 2.000 Vochos durch die Straßen."

"Es gibt kein besseres Auto für uns"

In diesem Moment fährt ein weißer Käfer an Omars Werkstadt heran. Der Fahrer trägt ein Deutschlandtrikot. Überhaupt erinnern viele Details an den Käfern, die vorbeifahren, an Deutschland. Fahnen, Aufkleber, VW-Zeichen, und manche haben sogar deutsche Kennzeichen nachgemacht und unter die mexikanischen geklemmt.

"Ich bin Rene Garcia", stellt sich der Käfer-Fahrer im etwas zu kleinen Deutschlandtrikot vor. Er verehrt alles, was aus Deutschland kommt, und fühlt sich hier in Cuautepec genau richtig. "Dieser Ort wird als Vocholandia bezeichnet", sagt er. "Unsere Stadt ist auf Hügeln gebaut, es gibt kein besseres Auto für uns. Es ist günstig im Unterhalt, sehr gut und sparsam im Benzinverbrauch und es hat Hinterradantrieb, den nur noch sehr wenige Autos haben. Kein einfaches Terrain hier für Autos, aber der Käfer hat immer die Nase vorn."

Nur wenig Stauraum unter der Haube

Den großen Nachteil des alten Käfers verschweigt er nicht: Wenn er doch mal stehen bleibt, dann wird es spannend, wie man ihn wieder zum Laufen bringt. "Originalteile gibt es nicht mehr zu kaufen, nur vom Schrottplatz. Man hat halt kein modernes Auto, sondern ein Liebhaberfahrzeug. Aber für uns Käfer-Fahrer ist es eine Freude, uns um die Autos zu kümmern, sie zu pflegen, das bedeutet uns viel."

Omar Perez ist mittlerweile schon mit dem nächsten Käfer beschäftigt. Ihm fehlt der Beifahrersitz. Noch vor zehn Jahren fuhren Zehntausende "Vochos" durch Mexiko-Stadt. Der Käfer war in den meisten Städten Mexikos das offizielle Taxi. Und fast allen fehlte der Beifahrersitz.

Der Nachteil der kleinen Käfer war, dass sie recht wenig Stauraum hatten. Vorne unter die Haube passten nur zwei kleine Taschen. Also bauten die Fahrer einen Vordersitz aus, damit sie mehr Gepäck oder gerne auch mal das eine oder andere Tier befördern konnten. Die Fahrgäste kamen auf den Rücksitz. Manche hatten auch noch die wildesten, teils selbst zusammengebauten Dachgepäckträger. An der Beifahrertür hatten sie eine Schnur oder eine Kette, damit sie, waren die Mitfahrer eingestiegen, die Tür vom Fahrersitz aus zumachen konnten.

Seit 2013 offiziell keine Käfer-Taxis mehr

Käfer-Taxis gibt es in der Hauptstadt überhaupt keine mehr. Ein Gesetz regelt, dass ein Taxi nur zehn Jahre fahren darf. Der letzte Käfer rollte 2003 im Volkswagen-Werk Puebla vom Band. Folglich war 2013 offiziell Schluss mit den Käfer-Taxis.

Doch in Cuautepec schaut man nicht so genau hin. Bis zur Stadtgrenze fahren sie noch, weiter nicht, sonst gibt es Strafen. "Ich heiße Marcial", sagt der Fahrer des "Vochos", dem der Beifahrersitz fehlt. "Ich bin Taxifahrer. Ich sage Dir, es gibt kein besseres Auto als dieses." Er behauptet auch, dass nur der Käfer die steilen Gassen in Cuautepec hochkomme. Oben stehen zwar auch ein paar zerbeulte Nissan oder Chevi, aber das interessiert Marcial nicht.

Das Geräusch ist nicht zu verwechseln

Den Sitz habe er nicht wegen des Gepäcks ausgebaut, sagt er - hier habe kaum jemand viel Gepäck. "So kommen die Fahrgäste besser auf den Rücksitz." Aber es ist zu spüren, dass nicht nur praktische Gründe für den Käfer sprechen. Hier in Cuautepec scheinen sie ihre Käfer wirklich zu verehren.

"Ich habe zwei", sagt Marcial, "Pepe und Pozillo, und mit ihnen verdiene ich mein Geld, um meine Familie zu ernähren und dafür zu sorgen, dass mein Haus nicht auseinanderfällt. Die zwei sind die einzigen, die hier nicht schlappmachen". Sagt es und fährt mit dem unverwechselbaren Käfer-Geräusch der klingelnden Ventile im Boxermotor davon. Mit seinem Pozillo, was nichts anderes heißt als "Blechschüssel".