Stahltag bei ThyssenKrupp in Duisburg | Bildquelle: dpa

Proteste bei ThyssenKrupp Harte Zeiten für Stahl

Stand: 03.05.2017 16:24 Uhr

Tausende Stahlarbeiter haben gegen Kürzungspläne demonstriert. Sie fürchten um ihre Arbeitsplätze. Experten haben viel größere Sorgen: Aus ihrer Sicht steht der Stahl-Standort Deutschland auf dem Spiel.

Von Jens Eberl, WDR Köln

Weiße Rauchschwaden ziehen über das Stahlwerk von ThyssenKrupp, dahinter geht die Sonne auf - es ist ein fast idyllischer Morgen in Duisburg, der bei Industrieromantikern das Herz höher schlagen lassen würde. Doch bei den Stahlarbeitern, die um diese frühe Uhrzeit ins Werk kommen, brodelt es. Vor allem die Kollegen aus dem Bereich Grobblech machen sich große Sorgen, denn es könnte sein, dass sie bald keinen Arbeitsplatz mehr haben.

Das Unternehmen hat massive Sparmaßnahmen angekündigt. 500 Millionen Euro will ThyssenKrupp kürzen. Zudem gibt es Pläne für eine Fusion mit dem britischen Stahlproduzenten Tat Steel. All das wird Arbeitsplätze kosten. Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Günter Back geht davon aus, dass bis zu 4000 Jobs davon betroffen sein werden.

Er wirft dem Vorstandsvorsitzenden Heinrich Hiesinger eine Salamitaktik vor. "Zunächst wollen wir uns solidarisch zu denen stellen, die als erstes vom Arbeitsplatzabbau betroffen sind hier im Duisburger Süden. Aber wir wollen auch ganz deutlich die Öffentlichkeit und die Politik darauf aufmerksam machen, dass hier nicht Schluss ist, sondern dass ein wesentlich größeres Rad gedreht wird.", so der Gewerkschaftler. Er sieht den Stahl-Standort Deutschland in Gefahr.

Symbolischer Sarg bei den Protesten der Stahlarbeiter von ThyssenKrupp in Duisburg. | Bildquelle: dpa
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Die Stahlarbeiter in die Duisburg befürchten, dass es um ihre Arbeitsplätze schlecht bestellt ist.

China macht die Preise kaputt

Die Stahlindustrie steht vor einer großen Bewährungsprobe. Mit einer Kapazitätsauslastung zwischen 85 und 90 Prozent stehe die Branche in Deutschland im internationalen Umfeld noch vergleichsweise gut da. Die internationale Stahlorganisation Worldsteel hatte die weltweite Kapazitätsauslastung der Branche für März 2017 auf durchschnittlich 72,7 Prozent beziffert.

Insgesamt gibt es zu viel Stahl auf der Welt. Und der wird andernorts deutlich billiger produziert als hier in Deutschland. Hubertus Bardt, vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln sieht das größte Problem in China. Das Land überschwemme die Welt förmlich mit billigem Stahl. Das sei bislang auch in Ordnung gewesen, denn der eigene Bedarf in China sei sehr groß gewesen, so der Stahlexperte. "Jetzt aber ist der eigene Bedarf in China zurückgegangen. Viele Werke werden durch staatliche Subventionen künstlich am Leben gehalten. Und das macht denen zu schaffen, die hierzulande eigentlich ganz gut aufgestellt sind."

Chinesische Subventionen treffen also den deutschen Standort empfindlich, denn sie machen den Stahl billig - zu billig. "Hier in Deutschland gibt es Tarifverträge, zudem müssen wir aufgrund des Emissionshandels Regeln einhalten, nach denen sich die Chinesen nicht richten müssen. Wir können mit den Preisen nicht mithalten", so Bardt.

Tausende demonstrieren gegen Sparpläne
tagesschau 17:00 Uhr, 03.05.2017

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Die USA schotten sich ab

Anderes Unheil kommt aus den USA. "America first" - "Amerika zuerst" - so die klare Ansage von Präsident Donald Trump. In deutschem Stahl sieht er eine Bedrohung der amerikanischen Wirtschaft. Auslöser war ein Streit mit den Stahlkochern Salzgitter und Dillinger Hüttenwerke. Diese haben in den USA angeblich Preisdumping betrieben, also Produkte unter Wert verkauft, so der Vorwurf aus dem Weißen Haus. Nun drohen die USA mit massiven Strafzöllen. "Wir werden unsere Industrie verteidigen", kündigte Trump gewohnt markig an.

Deutsche Politiker reagierten besorgt bis verärgert. Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries sagte, die USA wollten offenbar vom freien Handel und geltenden Abkommen abrücken. Ihr Vorgänger, der jetzige Außenminister Sigmar Gabriel, nannte die Vorwürfe "nicht nachvollziehbar". Die Salzgitter AG liegt in Gabriels Wahlkreis.

Der DIW-Experte befürchtet, dass sich die Industrienationen das Leben selbst schwer machen. "Wir dürfen uns nicht auf eine Protektionismusspirale einlassen, wo sich die Amerikaner gegen alles abschotten, die Chinesen unfairen Handel betreiben und die Europäer auch noch einigeln. Damit verlieren wir als offene Volkswirtschaften am Ende alle", so Hubertus Bardt.

alt Stahl ThyssenKrupp

Die Stahlindustrie in Deutschland

Die deutsche Stahlindustrie hat einen heftigen Aderlass hinter sich. Ende 2015 arbeiteten in der Branche nach Angaben der Wirtschaftsvereinigung Stahl rund 86.000 Menschen - 1980 waren es noch 288.000 gewesen. Gleichzeitig hat sich die Produktivität enorm erhöht. Denn die Rohstahlerzeugung ist seitdem nur leicht von 43,8 Millionen auf zuletzt 42,7 Millionen Tonnen gesunken. Mit einem Marktanteil von 2,6 Prozent liegt Deutschland auf Platz sieben in der Welt. Fast die Hälfte des Stahls wird inzwischen in China gefertigt.

Der größte deutsche Hersteller ist ThyssenKrupp mit einer Jahresproduktion von zuletzt 12,4 Millionen Tonnen. Nummer zwei ist der Luxemburger Weltmarktführer ArcelorMittal mit einer Menge von 7,8 Millionen Tonnen in Deutschland. An dritter Position rangiert Salzgitter (6,8 Millionen Tonnen), gefolgt von den beiden saarländischen Stahlunternehmen Saarstahl (2,8) und Dillinger Hütte (2,4).
(Stand 2016)

Fusionen - Rettung und Gefahr?

Wie ernst die Lage ist, zeigen die Fusionsgespräche zwischen ThyssenKrupp und dem britischen Konkurrenten Tata Steel. Käme es zu einem Zusammenschluss, würde dies auch zwangsläufig Schließungen nach sich ziehen. Hier wären durchaus deutsche Standorte in Gefahr, obwohl Tata in Großbritannien deutlich unrentablere Anlagen habe. Denn das britische Unternehmen hat seinen Mitarbeitern eine Arbeitsplatzgarantie gegeben. Die fehlt bislang in Deutschland.

Der Betriebsrat fordert jetzt die Unterstützung der nordrhein-westfälischen Landesregierung unter Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD). Sie müsse Position beziehen für die 25 000 Beschäftigten und gegen eine "unsinnige und hoch riskante Fusion zu Lasten der deutschen Stahlarbeiter", sagte Konzernbetriebsratschef Willi Segerath der Deutschen Presse-Agentur.

All die Umstände sorgen für große Ängste bei den Mitarbeitern von ThyssenKrupp. Tausende von ihnen forderten heute vor dem Werk in Duisburg Klarheit über ihre Zukunft. Morgen will der Aufsichtsrat über die Sparpläne beraten.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 03. Mai 2017 u.a. um 14:00 Uhr und um 17:00 Uhr.

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