Ein Flugzeug des Unternehmens Ryanair | Bildquelle: dpa

Staatsanwälte durchsuchen Dienstleister Ermittlungen wegen Ryanair-Verträgen bereits im Mai

Stand: 26.05.2015 20:21 Uhr

Der Billig-Flieger Ryanair spart an seinen Piloten. Viele müssen als selbstständige Unternehmer fliegen. Deutsche Behörden vermuten daher Sozialversicherungs- und Steuerbetrug, berichten WDR, NDR und SZ. Jetzt wird wird gegen Piloten und einen Personaldienstleister ermittelt.

Von Thomas Kramer und Georg Wellmann, WDR

In Dublin hat Ryanair zum Wochenauftakt seinen Gewinn vom abgelaufenen Geschäftsjahr verkündet: unter dem Strich 867 Millionen Euro und damit fast zwei Drittel mehr als im Vorjahr. Im laufenden Jahr soll der Überschuss noch weiter steigen: auf 940 bis 970 Millionen Euro. Das unschlagbar günstige Kostenniveau von Ryanair bringt die Konkurrenz in Europa seit längerem zur Verzweiflung. Doch es basiert zum Teil auf zumindest zweifelhaften Vertragskonstruktionen, auf die sich Piloten einlassen, um für Ryanair fliegen zu können. Nun steigt der Druck auf den Billig-Riesen.

Denn anders als Ryanair immer wieder betont, gehen die deutschen Staatsanwälte inzwischen davon aus, dass für das Beschäftigungsverhältnis der Piloten, die für Ryanair fliegen, deutsches Recht gilt. Vor allem dann, wenn Piloten an deutschen Standorten des irischen Billigfliegers stationiert sind. "Aufgrund der entsprechenden Verordnungen der Europäischen Union unterliegt dieses Flugpersonal nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen dem deutschen und nicht dem britischen oder irischen Sozialversicherungsrecht", so die Staatsanwaltschaft Koblenz.

Ryanair sieht das anders und beruft sich auf EU-Recht. Im übrigen gehe man davon aus, dass sich alle Geschäftspartner an geltendes Recht halten. Die Firma Brookfield, die laut Homepage auch für andere Airlines tätig ist, wollte sich auf Anfrage nicht äußern.

Piloten gründen eigene Firmen

Für Ryanair fliegen derzeit nach einer Studie der Universität Gent rund 3000 Piloten, von denen viele nicht direkt bei der Billigfluglinie festangestellt sind. Viele werden von Personalagenturen wie Brookfield vermittelt und aufgefordert, mit Hilfe von ausgewählten Steuerberaterkanzleien Gesellschaften mit beschränkter Haftung nach irischem Recht zu gründen. Die Piloten sind dann formal Geschäftsführer ihrer eigenen Firmen und arbeiten selbstständig für die Airline.

Logo "Brookfield Aviation"
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Logo "Brookfield Aviation"

Über diese Konstruktion sollen nach Angaben von Branchenkennern in Irland Hunderte Briefkastenfirmen entstanden sein. Eine dieser Firmen hatte der ehemalige Ryanair-Pilot Erik Fengler aus Leipzig im Jahr 2011 gegründet. "Auch auf Nachfrage hin bei Ryanair oder Brookfield wurde immer gesagt, dass rechtlich alles vollkommen in Ordnung und im Einklang mit europäischem und irischem Recht sei", erinnert sich  Fengler im Gespräch mit der Recherchekooperation WDR, NDR und der "SZ".

Der junge Pilot wurde Gesellschafter und Geschäftsführer der LOGIC Aviation Ltd. Doch das Büro seiner Firma hat er nie betreten. Die Spur führt nach Dublin in ein anonymes Bürohaus unweit des Flughafens. Hier hat eine Steuerberatungskanzlei, die mit Brookfield Aviation zusammenarbeitet, Räumlichkeiten angemietet. Laut dem irischen Handelsregister residieren unter der gleichen Büroanschrift mehr als 200 Unternehmen, die in ihren Firmennamen die Bezeichnung "Aviation" - also Luftfahrt - haben. Piloten aus ganz Europa sind zumindest auf dem Papier Gesellschafter und Geschäftsführer dieser Firmen.

Miserable Arbeitsbedingungen

Die Billig-Fluggesellschaft spart über diese Konstruktion Kosten in vielerlei Hinsicht. Die Piloten müssen sich selbst für den Fall der Berufsunfähigkeit absichern, und es gibt keine Betriebsrenten. Sie tragen zudem ein hohes Risiko, was das monatliche Gehalt angeht, denn Ryanair garantiert ihnen keine Mindestflugstunden. "Man wird nur bezahlt, wenn man fliegt. Man bekommt einen Dienstplan vorgegeben, und wenn man es aus irgendeinem Grund nicht schafft, einen Dienst wahrzunehmen, wenn man zum Beispiel krank ist, dann bekommt man diese Stunden auch nicht bezahlt. Deshalb überlegt man sich dreimal, ob man sich krank meldet oder nicht", schildert der Ex-Ryanair-Pilot Fengler.

Ein Trend auch bei anderen Airlines

Eine Studie der Universität Gent, in Auftrag gegeben von der Europäischen Kommission, zeigt deutlich,  dass Ryanair kein Einzelfall ist und es einen Trend zu immer mehr solcher "atypischer Beschäftigungsverhältnisse" auch bei anderen europäischen Billigfluggesellschaften gibt. Bei einigen Gesellschaften geht es so weit, dass Copiloten für ihre Einsatzzeiten im Cockpit sogar bezahlen müssen und nicht etwa Geld bekommen. Viele Pilotenanwärter lassen sich dennoch auf solche Engagements ein, weil sie darin die einzige Chance sehen, in ihrem Traumberuf Fuß zu fassen.

Sie hoffen darauf, dass sie dann später und nachdem sie ausreichend Flugstunden gesammelt haben, einen ordentlichen Job finden. Bei vielen ist auch der finanzielle Druck enorm, denn Piloten müssen die Ausbildungskosten von etwa 100.000 Euro selbst finanzieren. Wer danach nicht das Glück hat, bei einem der Top-Arbeitgeber unterzukommen, trägt noch lange nach dem Berufsstart hohe Schulden mit sich herum.

Recherchekooperation

Die investigativen Ressorts von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" kooperieren unter Leitung von Georg Mascolo themen- und projektbezogen. Die Rechercheergebnisse, auch zu komplexen internationalen Themen, werden für Fernsehen, Hörfunk, Online und Print aufbereitet.

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