Der Hamburger Hafen. | Bildquelle: dpa

IWF korrigiert Weltwirtschaftsprognose Alles muss neu ausbalanciert werden

Stand: 19.01.2016 16:06 Uhr

Kurseinbrüche in China, niedrige Ölpreise, Rezession in Russland - all das sind Faktoren, die in der Weltwirtschaft aktuell eine große Rolle spielen. Laut dem IWF muss alles neu ausbalanciert werden.

Von Stephanie Pieper, ARD-Studio London

Das englische Wort "rebalancing" taucht auffällig oft auf im aktuellen Weltwirtschaftsausblick des Internationalen Währungsfonds. Und zwar immer dann, wenn es um China geht. Wird es Peking gelingen, die chinesische Wirtschaft so auszubalancieren, dass sie nicht aus dem Gleichgewicht gerät - und damit zu verhindern, dass die Weltwirtschaft in einem neuen Abwärtsstrudel versinkt?

Das ist die bange Frage, die sich am Beginn dieses Jahres auch der Chefökonom des IWF stellt - und von deren Antwort vieles abhängt, so Maurice Obstfeld, Chefökonom des IWF: "Eines der Risiken ist, dass die chinesische Wirtschaft rauere Zeiten erlebt: Das würde alle Handelspartner treffen, das würde zu Währungsschwankungen führen und das würde die Finanzmärkte verstören - und zwar weltweit."

Wenn China hustet ...

Geradehat China gemeldet, dass die Wirtschaft im vergangenen Jahr so schwach gewachsen ist wie zuletzt vor 25 Jahren. Das Land steckt mitten im Wandel: weg von Industrie und Exporten, hin zu Dienstleistungen und Konsum. Wenn China hustet, dann bekommt mittlerweile die Welt einen Schnupfen - und weil die Erkältungsgefahr nicht gebannt scheint, senkt nun der IWF seine globale Konjunkturprognose erneut.

Der Fonds erwartet, dass die Weltwirtschaft in diesem Jahr um 3,4 Prozent wächst - etwas stärker als im vergangenen Jahr, aber eben schwächer als noch im Herbst vorhergesagt. Für 2017 rechnet der IWF mit einem Plus von 3,6 Prozent. Es sei denn, das Wachstum "entgleist" vorher. Denn nicht allein die Turbulenzen im Reich der Mitte bereiten Obstfeld Kopfzerbrechen, sondern auch der Ölpreis, der sich weiter im freien Fall befindet - was die ökonomische Lage im Nahen Osten nicht entspannt: "Der Preisverfall belastet natürlich die Öl-Exporteure, deren Staatshaushalt wesentlich von den Öl-Einnahmen abhängt - wobei andererseits die Konsumenten profitieren."

Stichwort: Der Internationale Währungsfonds (IWF)

Der Internationale Währungsfonds (IWF) wurde 1944 in Bretton Woods (USA) gegründet. Er überwacht weltweit die Finanzsysteme, um bei Zahlungsbilanzproblemen von Regierungen oder drohendem Staatsbankrott einzugreifen. Seine Kredite sind oft an Auflagen geknüpft: So fordert der IWF häufig die Sanierung der Staatsfinanzen durch Preiserhöhungen und Subventionskürzungen. Der IWF ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen.

Der IWF hat 186 Mitgliedsländer, deren Kapitaleinlagen (Quoten) sich nach der Stärke ihrer Volkswirtschaft und ihrer Währungsreserven richten. Jedes Land muss entsprechend seinem Anteil an der Weltwirtschaft eine Einlage leisten und verfügt über entsprechende Stimmrechte. Die reichsten Länder haben damit den größten Einfluss. Die USA sind größter Anteilseigner mit rund 17 Prozent, Deutschland hat etwa sechs Prozent.

Übertriebene Kursstürze

Der IWF benennt aber noch ein weiteres Risiko für die globale Konjunktur: nämlich das Ende der extrem lockeren Geldpolitik in den USA. Die steigenden Zinsen könnten weiteres Zittern an den Börsen auslösen. Aber auch wenn Obstfeld eher pessimistisch denn optimistisch klingt: Die Kursstürze an den Finanzmärkten zu Jahresbeginn hält er dann doch für übertrieben und nicht durch fundamentale Daten unterfüttert. Gleichwohl prophezeit er Wirtschaft und Märkten weiter eine holprige Fahrt.

Gute Meldung für Deutschland

Für das Schwellenland Brasilien befürchtet der IWF einen Wirtschaftseinbruch - und für Russland ein Verharren in der Rezession, zumindest in diesem Jahr. Leicht angehoben hat der IWF dagegen seine Vorhersage für Deutschland: In diesem und im nächsten Jahr wird die deutsche Wirtschaft demnach um jeweils 1,7 Prozent wachsen - so stark wie auch die Euro-Länder im Durchschnitt. Wie groß die Herausforderung für Europa ist, die Flüchtlinge zu integrieren, verkennt Obstfeld indes nicht: "Wenn die Flüchtlinge erst mal auf dem Arbeitsmarkt angekommen sind, wird die Produktion steigen. Zunächst aber werden die nationalen Budgets belastet."

Der IWF stellte seinen Konjunkturausblick diesmal in London vor - am Sitz der Bank of England, mitten in der City. Als höflicher Gast wollte Obstfeld über eines jedoch nicht spekulieren: welche wirtschaftlichen Folgen es hätte, wenn die Briten aus der EU austräten.

IWF sieht größere Risiken für die Weltwirtschaft
S. Pieper, ARD London
19.01.2016 16:17 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 19. Januar 2016 um 17:14 Uhr im Deutschlandfunk.

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