Hände an Flügel | Bildquelle: picture alliance / dpa

Interaktives Musikprojekt Komponieren nach dem Wiki-Prinzip

Stand: 10.04.2018 13:53 Uhr

Lexikonartikel werden längst nach dem Wiki-Prinzip erstellt: Jeder kann mitmachen. Nun will ein Musiker ein Stück auf diese Art schreiben. Jeder Internetnutzer kann die Partitur bis kurz vor der Aufführung verändern.

Ein ungewöhnliches Kompositionsprojekt hat der Informatiker und Musiker Alexander Schubert entwickelt: Internetnutzer können an einem Klavierstück mitkomponieren, das am 26. April in Esslingen uraufgeführt werden soll. Ähnlich wie bei Texten im Internetlexikon Wikipedia können Besucher auf der Seite "wiki-piano.net" Melodien und Harmonien verändern, wie die Esslinger Musikinitiative "Podium" mitteilte.

Zur Bearbeitung freigegeben ist dabei aber nicht das ganze Stück, sondern nur einzelne Abschnitte. Geplant ist, bei einer Aufführung die Internetseite zu öffnen und das Stück dann genau in der Version zu spielen, in der es sich zu diesem Zeitpunkt befindet. Die Uraufführung findet im Rahmen des 10. Podium Festivals in Esslingen statt. Weitere Aufführungen an folgenden Tagen - es sind zwei weitere Konzerte in London und Kopenhagen geplant - können dementsprechend völlig anders klingen als die erste Version. Denn Nutzer können bis kurz vor Konzertbeginn noch die Partitur des Stücks ändern.

Screenshot der Webseite www.wiki-piano.net | Bildquelle: Screenshot / www.wiki-piano.net
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Auf der Internetseite können Nutzer Einfluss auf die Komposition nehmen.

Mehr Performance als klassisches Konzert

Das Werk ist dabei als Performance angelegt. Neben klassischen Klavierklängen werden auch Internet-Videos oder andere Klänge eingespielt. Der Interpret erhält über die Partitur auch Anweisungen für bestimmte Aktionen, wie die Augen zu schließen oder das Publikum anzuschauen und mit dem Kopf zu wackeln. Auch gesprochener Text oder schauspielerische Elemente sind (möglicher) Teil der Aufführung.

Der Initiator Schubert tritt seit Jahren als Musiker, Komponist und Aktionskünstler auf. Er stammt aus Bremen, studierte in Leipzig Informatik und Kognitionswissenschaften. Er erhielt mehrere Preise und Stipendien verschiedener Institutionen, wie dem Internationalen Musikinstitut Darmstadt oder dem renommierten Pariser Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musique (IRCAM).

Alexander Schubert | Bildquelle: Alexander Schubert / www.alexand
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Schuberts Werke wurden über 400 mal in über 35 Ländern aufgeführt. Der Musiker befasst sich auch mit Stilen wie Free Jazz oder Noise Hardcore.

Zufall als Kompositionsprinzip

Das Werk "Wiki Piano" greift unter anderem Ideen des amerikanischen Musikers John Cage auf, der den Zufall zum Kompositionsprinzip erhob. Cage hatte nach dem Zweiten Weltkrieg großen Einfluss auf die Neue Musik und trat regelmäßig bei den Donaueschinger Musiktagen auf. Auch Größen wie Karlheinz Stockhausen, Pierre Boulez oder György Ligeti stellten dort ihre Werke vor und tauschten sich aus.

Cage präsentierte in Donaueschingen in der 1950er-Jahren unter anderem seine Stücke für Präpariertes Klavier. Dabei verändern Gegenstände in den Saiten den Klang auf unbekannte Art und Weise. Später erstellte er Stücke mithilfe des chinesischen I-Ging-Orakels oder anhand von Sternenkarten. Von ihm stammt auch das berühmte Stück "4'33", bei dem der Interpret vier Minuten und 33 Sekunden einfach nichts spielt. Das Werk von Schubert verknüpft diese Konzeption des Zufalls mit den modernen Prinzipien des Internets.

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