"Zwei Reiter am Strand nach links" von Max Liebermann. | Bildquelle: REUTERS

Liebermann-Gemälde versteigert Millionenerlös für Bild aus Gurlitt-Schatz

Stand: 25.06.2015 04:57 Uhr

Erstmals ist ein Gemälde versteigert worden, das 2012 in der Wohnung des Kunstsammlers Gurlitt entdeckt wurde. Das Werk Max Liebermanns übertraf den Schätzpreis bei weitem. Dazu trug auch die Geschichte seines früheren jüdischen Besitzers bei.

Von Stephanie Pieper, ARD-Hörfunkstudio London

Als Los Nummer 27 ruft der Auktionator "Zwei Reiter am Strand nach links" auf - gemalt von Max Liebermann im Jahr 1901. Alexandra Schiffer ist Direktorin für impressionistische und moderne Kunst bei Sotheby’s in London und es fällt ihr schwer, gerade dieses großformatige Öl-Gemälde wieder ziehen zu lassen. "Es gibt natürlich viele Restitutionsfälle. Aber das ist schon für mich ein ganz besonderer Fall", sagt sie.

Dieses Werk aus dem Gurlitt-Kunstfund ist eng verwoben mit dem Schicksal des jüdischen Unternehmers David Friedmann, der das Liebermann-Bild 1905 erwirbt und es in seinem Haus in Breslau aufhängt. "Seine Hauptliebe war Kunst und er reiste viel im Lande herum, um Bilder von Künstlern zu kaufen", sagt Friedmanns Großneffe und Erbe David Toren. Er ist 90 Jahre alt, lebt in New York und ist zur Auktion in London nicht angereist.

Er ist beinahe blind, aber er hat "Zwei Reiter am Strand" noch vor seinem inneren Auge. "Es ist das einzige Bild, an das ich mich erinnern kann. Ich war damals, als ich es das letzte Mal sah, 13 Jahre alt", erzählt er. Dies ist am Tag der Reichspogromnacht, am 9. November 1938.

Seit Jahrzehnten verschollen

Wenig später beschlagnahmen die Nazis Friedmanns gesamte Kunstsammlung. Der Liebermann landet später, neben zahlreichen anderen Werken, zunächst beim Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, der dem NS-Regime nahesteht, und schließlich bei dessen Sohn Cornelius. Seit den 1960er-Jahren habe der Liebermann als verschollen gegolten, sagte Lucian Simmons, Leiter der Restitutionsabteilung von Sotheby’s, vor der Auktion. "Die Nazis haben versucht, die Erinnerung an David Friedmann auszulöschen und seine Errungenschaften zu zerstören. Wir können demonstrieren: Dieser Mann hatte einen hervorragenden Geschmack, denn dies ist ein unglaubliches Bild."

Ausgerechnet der Brief eines Nazi-Funktionärs dokumentiere, so Simmons, dass sich der Liebermann in Friedmanns Besitz befunden habe. Doch trotz dieses Nachweises, trotz der unzweifelhaften Einordnung als Raubkunst, trotz der Taskforce nach dem Fund bei Gurlitt zieht sich die Rückgabe hin - so lange, dass David Toren die Bundesregierung sogar verklagt. "Nach drei Jahren - die Bilder wurden gefunden im Februar 2012 - sind bis jetzt zwei Bilder an Erben zurückgegeben worden, das ist ein Skandal", sagt Toren.

Liebermann-Bild bei Sotheby's London versteigert
S. Pieper, ARD London
25.06.2015 03:56 Uhr

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Farben leuchten wieder

Das zweite restituierte Bild ist "Sitzende Frau" von Henri Matisse, das die Familie des jüdischen Kunstsammlers Paul Rosenberg zurückerhielt. Da es im Fall des Liebermanns neben Toren drei weitere Erben gibt, entschließen diese sich zur Auktion des Bildes. "Zwei Reiter am Strand" steckt noch in seinem Originalrahmen, und nach einer Reinigung leuchten die Farben wieder, sagt Sotheby’s-Kunsthistorikerin Schiffer. "Diese Geschichte haftet an dem Bild. Aber das meine ich nicht negativ, sondern im positiven Sinne", sagt sie.

Und diese Geschichte erhöht offenbar auch den Wert gerade dieses Liebermann-Werkes, das gestern Abend schließlich für fast das Dreifache des maximalen Schätzwertes unter den Hammer kommt, an einen bislang unbekannten Bieter am Telefon für umgerechnet rund 2,6 Millionen Euro.

Aber auch der stattliche Erlös kann das Leid von David Toren nicht nachträglich lindern. Seine Eltern: vergast in Auschwitz, ebenso wie die einzige Tochter seines Großonkels David Friedmann. Der stirbt 1942 in Breslau, von den Nazis seiner Kunst und seiner Menschenwürde beraubt.


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Werke aus dem Münchner Kunstfund

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Kunstschatz

Pressekonferenz der Augsburger Staatsanwaltschaft und der Kunsthistorikerin Meike Hoffmann im November 2013: Mit einem Beamer wurden die Werke des spektakulären Kunstfundes an die Wand geworfen. | Bildquelle: AP

Dieser Beitrag lief am 25. Juni 2015 um 11:55 Uhr auf NDR Info.

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