Jute Aktion | Bildquelle: Christian Limpert

documenta14 in Athen Kunst statt Krise

Stand: 08.04.2017 12:07 Uhr

Zum ersten Mal startet die weltgrößte Kunstausstellung mit einem Ableger: In Athen hat Bundespräsident Steinmeier die documenta14 eröffnet. Krise und Kunst treffen dabei an vielen Orten in der Stadt aufeinander.

Von Christian Limpert, ARD Rom, zzt. Athen

Der Titel ist provokant: "Von Athen lernen" - so nennt sich die documenta, die erstmals in ihrer Geschichte auch außerhalb Kassels stattfindet und ausgerechnet in Athen gastiert. Die größte Ausstellung zeitgenössischer Kunst im Zentrum aller europäischen Krisen! Ob das funktioniert? Nicht nur die Griechen waren da skeptisch. Doch seitdem die ersten Kunstaktionen in der griechischen Hauptstadt angelaufen sind, wächst die Begeisterung. 

Jutesäcke mit Symbolwert

"Endlich! Endlich mal wieder einfach nur Kunst", sagt die ältere Dame aus Athen, die staunend auf dem Syntagma-Platz stehen bleibt. Vor ihren Füßen nähen junge Menschen mit dicker Paketschnur hunderte Jutesäcke zu einer großen Stofffläche zusammen. Jeder Sack ist mit einem anderen Namen bedruckt und mit dem Stempel "Made in Ghana" versehen - eine Aktion des Performance-Künstlers Ibrahim Mahama, einer von 160 Künstlern der documenta.

"Die Säcke sind ein symbolischer Verweis auf gigantische Warenströme, die wir weltweit über alle Grenzen hinweg transportieren", erklärt Ibrahim, der selbst in Ghana geboren ist. Die ältere Dame versteht das nicht, auch von der documenta hat sie bislang nichts gehört. Dennoch gefällt ihr die Installation - "und es ist etwas, das nichts mit der Krise zu tun hat".

Ibrahim kann ihr da nicht ganz zustimmen, denn dass er ausgerechnet den Syntagma-Platz für seine Performance gewählt hat, hat mit den historischen Ereignissen hier zu tun - auch mit denen rund um die Schuldenkrise. "Genau wie dieser Platz haben die Jutesäcke hier ihre Geschichte, mit der Zeit bilden sie jetzt etwas Neues, ein gemeinsames Ganzes." Vor allem in den letzten Jahren war der Syntagma-Platz ein Ort, an dem sich negative Energie entlud: Proteste gegen harte Sparmaßnahmen, gegen Steuererhöhung oder Rentenkürzung, teilweise gewaltsam. Es flogen Steine und es brannten Reifen. Jetzt ist hier wieder Kunst. 

Documenta14 in Athen eröffnet
tagesthemen 00:00 Uhr, 09.04.2017, Julia Krittian, ARD Berlin

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Erstes internationales Event nach der Krise

13 Jahre lang hat Griechenland auf internationale Events wie die documenta verzichtet. Zuletzt waren es die olympischen Spiele im Jahr 2004, damals taumelte das ganze Land im Freudenrausch. Noch heute profitieren die Athener davon: Das U-Bahnnetz wurde ausgebaut, eine Ringautobahn in Richtung Flughafen entstand, Bürgersteige und Wege rund um alle historischen Plätze in Athen wurden renoviert. Jetzt scheint es, als spülte die documenta erstmals wieder Leben in die griechische Hauptstadt. 8000 Kunstbegeisterte wurden zum Eröffnungswochenende erwartet, die meisten Hotels sind ausgebucht.

Mit 40 Standorten verteilt sich die documenta auf ganz Athen - vom gerade noch rechtzeitig fertig gewordenen Museum für zeitgenössische Kunst über die Athener Konzerthalle, die vor allem den musikalischen Performances dient, bis hin zum Museum des demokratischen Widerstands gegen die Militärjunta. Das war während der Diktatur eine Polizeischule und wurde für die documenta jetzt zum Kino umfunktioniert. Ein Film des syrischen Kollektivs Abounaddara wird dort gezeigt.

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"Von Athen lernen" - die documenta 14 in der griechischen Hauptstadt

documenta 14 in Athen: Besucher auf dem Dach des Museums für zeitgenössische Kunst

Besucher auf dem Dachgarten des Museums für zeitgenössische Kunst in Athen. Die griechische Hauptstadt ist - unter dem Motto "Von Athen lernen" die gleichberechtigte Außenstelle der documenta 14. Bis zum 16. Juli findet das internationale Kunstereignis dort statt. In Kassel wird die documenta am 10. Juni eröffnet. | Bildquelle: REUTERS

Kunst für alle

Das wirklich Überraschende dieser documenta aber dürfte sich auf den öffentlichen Plätzen abspielen. Schon am Tag vor der offiziellen Eröffnung ließ sich beobachten, dass die Kunst auch Menschen anzieht, die auf den ersten Blick eigentlich gar nichts mit ihr zu tun haben: Bei der Jutesack-Aktion auf dem Syntagma-Platz zum Beispiel nähen inzwischen auch Obdachlose mit, die hier sonst tagsüber um Kleingeld betteln.

Dass Kunst auf auf die harte Realität der Krise trifft, lässt sich auch auf dem Kotzia-Square gegenüber des Athener Rathauses beobachten: Hier hat der pakistanische Künstler Rashid Araaen festliche bunte Zelte aufstellen lassen, wie man sie eigentlich von Gartenpartys kennt. "Food for thought" nennt sich diese Installation im Zelt. Die Redewendung bedeutet im Englischen Stoff zum Nachdenken, beinhaltet aber ebenso das Wort Essen. Und das gibt es hier, denn Köche servieren an traditionellen pakistanischen Hochzeitstischen Essen für alle, die hier Platz nehmen wollen: zweimal 60 Personen täglich.

'Food For Thoughts' Installation | Bildquelle: Christian Limpert
galerie

Bei der Installation "Food for thoughts" essen Touristen, Kunstkenner und Obdachlose gemeinsam an einer Tafel.

Menschen mit verschiedenen Hintergründen sollen interagieren, so will es der Künstler. Und das funktioniert besser als erwartet: documenta-Touristen, vor allem aus Deutschland, sitzen jetzt bei einer Schüssel Bohneneintopf zusammen mit bedürftigen Athenern, für die das kostenlose Essen vor allem eine finanzielle Entlastung ist. Die Reaktionen seien immer positiv, erklärt die griechische Künstlerin Marilena Aligizaki, die die Installation betreut. "Wir haben ein paar Stammgäste vom ersten Tag an, Leute, die es wirklich brauchen", erzählt sie. "Aber das Projekt ist nicht nur auf sie gerichtet, sondern auf den Begriff der Gleichheit. Es ist nach wie vor Kunst, die jeden willkommen heißt."

Kritiker fühlen sich ausgeschlossen

Am Ende könnte Kunst wie diese sogar helfen, dass auch die documenta-Kritiker in Athen ihre Meinung ändern. Vor allem Künstler der Athener Streetart-Szene fühlten sich bislang ausgeschlossen und haben gar eine eigene kleine Ausstellungsreihe auf die Beine gestellt. Man sei von der documenta nicht zum Mitmachen eingeladen worden, heißt es hier.

Dabei sind vor allem sie es, die seit Beginn der Krise mit immer neuen Ideen und Initiativen die Kunst in Athen am Leben erhalten, allen Sparzwängen zum Trotz. Im Stadtviertel Exarchia, das traditionell Linken, Künstlern und Alternativen gehört, ist die Kritik an der documenta meist in Form von Wandgraffitis zu lesen: "Liebe documenta. Ich weigere mich, mich zu exotisieren, um dein kulturelles Kapital zu vergrößern. Mit freundlichen Grüßen: die Eingeborenen" steht da zum Beispiel in kunstvollem Bunt.

Wer hier vorbei kommt und nicht sofort im documenta-Buch nachliest, der könnte meinen, Graffitis wie dieses gehörten zu dieser zeitgenössischen Kunstausstellung in Athen wirklich dazu.

Zum Start der Documenta 14 in Athen - 100 Tage Schauen und Wundern
M. Lehmann, ARD Istanbul, zzt. Athen
08.04.2017 12:19 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 08. April 2017 um 12:00 Uhr.

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