Blick in den großen Konzertsaal der Elbphilharmonie | Bildquelle: dpa

Kultur in Corona-Zeiten Leere Ränge, kurze Opern, keine Küsse

Stand: 08.09.2020 14:45 Uhr

Viele Theater starten wieder in die Spielzeit, doch in Corona-Zeiten ist vieles anders: In Beziehungskomödien wird nicht geküsst, Stücke werden gekürzt und "ausverkauft" heißt, dass das Haus ziemlich leer ist.

Von Daniel Kaiser, NDR

Der Saal ist ausverkauft, und doch sitzen nur verstreut Menschen allein oder zu zweit in den roten Samtsesseln. Von den 1700 Plätzen sind nur etwa 500 besetzt. Der Schlussapplaus fällt entsprechend dünn aus.

Wie gerade an diesem Wochenende in der Hamburgischen Staatsoper sieht es in den meisten Theatern und Konzerthäusern in Deutschland aus: Im Berliner Ensemble dürfen von den 700 Sitzen nur 200 besetzt sein, die Semperoper in Dresden bietet nur 300 der sonst 1300 Plätze an, im Schauspiel Frankfurt dürfen nur 160 statt 700 Menschen in den großen Saal.

Die Kultur kommt zurück - aber nur mit angezogener Handbremse. Penibel achten gerade die Theater und Konzerthäuser auf die Hygiene- und Abstandsregeln. Sie wollen ihrem ja doch meist älteren Publikum signalisieren: "Bei uns seid Ihr sicher!" 

Blick auf das Publikum in der Hamburger Staatsoper | Bildquelle: Annette Matz
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Wie hier in der Hamburgischen Staatsoper sieht es gerade in vielen "ausverkauften" Theatern in Deutschland aus.

Abstand - "ein bisschen blöd" in einer Beziehungskomödie

Nicht nur im Publikum, auch auf der Bühne herrschen Corona-Bedingungen. Zu große Nähe ist in den Inszenierungen tabu, erzählt Hardy Krüger jr., der gerade in einem Hamburger Theater in der Komödie "Arthur & Claire" zu sehen ist. "Wir versuchen, immer zwei Meter Abstand einzuhalten. Wenn der eine einen Schritt macht, muss der andere das wieder ausgleichen. Für eine Beziehungskomödie ist das ein bisschen blöd, aber nichts, was einem Schauspieler nicht gelingen könnte“, lacht der Schauspieler.

Auch inhaltlich macht Corona die Kunst kompakter: Viele der neuen Stücke sind kürzer. Die Abende finden meist ohne Pause statt. Statt der großen Mussorgsky-Oper "Boris Godunow" inszenierte Frank Castorf an der Hamburgischen Staatsoper eine eher experimentelle Collage aus Tarantino-Zitaten und Musik aus mehreren Jahrhunderten. Statt der opulenten "Alpensinfonie" von Richard Strauss mit 100-Mann-Orchester erklang beim Comeback der Elbphilharmonie eine Brahms-Sinfonie in kleinerer Besetzung.

Gerade für Privattheater finanziell schwierig

Das niederdeutsche Ohnsorg-Theater ist mit einem Zweipersonen-Stück in die neue Saison gestartet. Gerade hier sieht man nach Corona die Chance, mit einigen kleinen Stücken die Saison künftig flexibler und kurzfristiger zu planen.

In Hamburg ist es erklärter politischer Wille, auch den Privattheatern zu ermöglichen, wieder Stücke zu spielen, auch wenn sich das von der Auslastung her eigentlich nicht rechnet. Weil diese Bühnen jetzt finanziell besonders unterstützt werden, bekommt der Kultursenator Carsten Brosda, der gerade von Premiere zu Premiere eilt, am Ende eines Theaterabends bisweilen mindestens so viel Applaus wie die Schauspielerinnen und Schauspieler.

Auch die große Oper werde nach Corona eine andere sein, hofft der Hamburger Staatsopern-Intendant Georges Delnon. "Ich kann die Kollegen nicht verstehen, die Opern sehen möchten wie vor Corona, und die Corona trotzen möchten. Ich finde es absurd. Wir können Corona nicht trotzen. Ich möchte Opern sehen, die auch mit dieser Realität zu tun haben."

Besucher klatschen beim Schlussapplaus am Ende des ersten Konzerts nach der Corona-bedingten Besucherpause, mit der russischen Sopranistin Anna Netrebko und ihrem Mann Yusif Eyvazovin, in der Semperoper. | Bildquelle: dpa
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Die Semperoper in Dresden hat 1300 Plätze. Nur 300 davon dürfen derzeit belegt werden, wie hier beim ersten Konzert nach der Corona-Zwangspause im Juni.

Tische im Varieté kann man schlecht umzäunen

Einige Theater wollen oder können trotzdem noch nicht zum Spielbetrieb zurückkehren. Die Deutschland-Premiere des Stücks "Harry Potter und das verwunschene Kind", die vom Theater-Lockdown im März in letzter Sekunde verhindert und zunächst auf den Oktober verschoben wurde, soll nun voraussichtlich erst im April 2021 stattfinden. Zum einen sei es aus rechtlichen Gründen nicht möglich, die Inszenierung aus London Corona-konform zu verändern, zum anderen rechnet sich für die Produzenten, die das Theater für 45 Millionen Euro umgebaut haben, ein kaum halb voller Saal nicht.

Auch das traditionelle Hansa Varieté-Theater im Hamburger Bahnhofsviertel lässt die Saison ausfallen. "Es wäre einfach nicht das gleiche Hansa-Erlebnis geworden", sagt Theaterchef Thomas Collien. Die kleinen Tische hätten mit einer Plexiglaswand umzäunt werden müssen, es hätte auch kein vergleichbares gastronomisches Angebot gegeben. Deshalb macht das Theater eine Pause und nutzt die Zeit für Renovierungen und Umbauten.

Ein Blick  auf die Bühne im Hansa Theater in Hamburg | Bildquelle: picture alliance / Jens Ressing/
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Im Hansa Varieté-Theater kann man sich eine Spielzeit mit Trennwänden im denkmalgeschützen Saal nicht vorstellen.

Streit um Zuschauerzahlen in München

Bei den Theatern, die wieder spielen, erlebt man einerseits die Erleichterung und Freude des Publikums, dass es, wenn auch nur auf kleiner Flamme, endlich wieder losgeht. Man spürt aber andererseits auch den Unmut bei Theaterleuten über die ihrer Meinung viel zu rigiden Maßnahmen. In München hatte es heftigen Streit zwischen dem Chef der Bayerischen Staatsoper, Nikolaus Bachler, und dem bayerischen Kunstminister, Bernd Sibler, um die Begrenzung der Zuschauerzahlen gegeben, bis sich die Politik jetzt doch auf eine Pilotphase mit maximal 500 statt zu vor 200 Menschen im Publikum einließ - in einem Saal, in den vor Corona 2100 Zuschauer passten.

Für Ulrich Waller, den Intendanten des Hamburger St. Pauli Theaters, ist der Theaterbetrieb mit den Abstandsregeln ein fortwährender Ausnahmezustand. "Und das, obwohl gleichzeitig die Menschen in Flugzeugen direkt nebeneinander sitzen und Mannschaftssport mit bis zu 30 Teilnehmern erlaubt ist."

"Kultur gilt als weniger wichtig als Einkaufen"

Auch der Chefdirigent des NDR-Elbphilharmonie-Orchesters, Alan Gilbert, nennt die Gleichzeitigkeit der Regeln "absurd". "Ich glaube, dass die Kultur erst ganz am Schluss dieser Pandemie zurückkommen wird", lautet seine skeptische Prognose. "Kultur gilt einfach als weniger wichtig als Einkaufen und Reisen. Ich halte das für falsch. Wir tun, was wir können, um das zu ändern."

Angesichts der spärlich besetzen Reihen zum Saisonstart in der ausverkauften Elbphilharmonie fragte dann aber auch Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda, ob man die Regeln bei Menschen, die eher diszipliniert nebeneinander sitzen und sich nicht unterhalten oder mittanzen, nicht lockern könnte, wenn es eine ordentliche Saalbelüftungsanlage gebe. Als Applaus aufbrandet, betont Brosda schnell, das seien wohlgemerkt nur Fragen, die der Kultursenator stellen dürfe, die aber Ärzte und Hygieniker beantworten müssten.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 08. September 2020 um 11:55 Uhr.

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