Guntram Vesper | Bildquelle: dpa

Leipziger Buchmesse ehrt Guntram Vesper Ein Sammler von Figuren und Geschichten

Stand: 13.04.2016 14:32 Uhr

Auf der Leipziger Buchmesse werden die Preise vergeben - in der Königsdisziplin, der Belletristik, ist Guntram Vesper für seinen Roman "Frohburg" ausgezeichnet worden. Ein Porträt des Figuren- und Geschichtensammlers.

Von Jan Ehlert, NDR Kultur

Dass Guntram Vesper in diesem Jahr tatsächlich nach Leipzig zur Buchmesse gekommen ist, ist nicht selbstverständlich. 1970 war er schon einmal zur Messezeit dorthin entsandt worden, um über das Völkerschlachtsdenkmal zu schreiben. Doch Vesper fasste damals spontan eigene Pläne: "Es zog mich nicht zum Völkerschlachtsdenkmal, sondern nach Frohburg. Das war damals noch nicht gestattet, wenn man zur Messe in Leipzig war. Ich fand aber Verwandte, die mich in einem Auto mit einheimischen Kennzeichen nach Frohburg fuhren."

Und nun ist es ausgerechnet dieses Frohburg, das Vesper wieder nach Leipzig führt. "Frohburg" - so heißt der Roman, für den er den Leipziger Buchpreis erhält. Ein Roman über seine Geburtsstadt, die er schon Jahrzehnte zuvor in einem ausführlichen Gedicht beschrieben hat. "Frohburg ist eine kleine Landstadt von 4500 Einwohnern im östlichen Sachsen. Auf halbem Weg zwischen Leipzig und Karl-Marx-Stadt, abseits und allem ausgesetzt wie Tausende von Orten in Deutschland."

Der Schriftsteller Guntram Vesper wird auf der Buchmesse in Leipzig für seinen Roman "Frohburg" in der Kategorie Belletristik mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2016 ausgezeichnet | Bildquelle: dpa
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Der Schriftsteller Guntram Vesper bekommt den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik.

Frohburg ließ ihn nie los

Für Vesper aber ist es der eine Ort, der zu seinem Lebensthema wurde. Mit 22 Jahren brachte er seinen ersten Gedichtband heraus, er las bei der letzten Sitzung der Gruppe 47 und schrieb zahlreiche weitere Gedichte und Hörspiele. "Die Illusion des Unglücks" und "Kriegerdenkmal ganz hinten" zählen zu seinen bekanntesten Veröffentlichungen. Frohburg ließ ihn dabei nie los.

1985 fasste er dies in seinem Text "Über Frohburg und sich selber schreiben" programmatisch zusammen: "Wozu sind wir erzogen worden, von wem, mit welcher Geschichte? Wie haben wir Gefühle und Weltsicht weiterentwickelt? Jedes Schreiben über seine ersten 15, 20 Jahre muss dieser Frage nachgehen", heißt es darin. Daran hat sich für ihn nichts geändert. Zumindest thematisch: "Ich schreibe immer über das Gleiche. Weil ich aber immer älter werde und mich, wie ich hoffe, weiterentwickle, ist es aber nicht immer das Gleiche."

Schule als "Entwürdigungsanstalt"

Vesper verbrachte die ersten 16 Jahre seines Lebens in Frohburg, bis zur Flucht seiner Familie aus der DDR. Die erste Zeit in Westdeutschland, die er in einem Internat verbrachte, zählt zu den schlimmsten Erfahrungen seines Lebens. Die Schule sei eine "Entwürdigungsanstalt" gewesen, beschreibt Vesper sie.

Aber auch die Zeit in Frohburg ist nicht nur mit guten Erinnerungen verbunden. "In manchen Nächten meiner Kinderzeit sprangen die hungrigen Ratten aus den Abfallgruben von Frohburg und gaben ihre Mordlust an die ganze Stadt weiter. Man konnte vor Hass nicht schlafen." Und so ist auch Vespers Werk durchzogen von dem unergründlichen Bösen, das immer wieder plötzlich hervorbricht. "Was ist ein Schuster, wenn er Schuhe macht? Wenn er seiner Frau den Schädel einschlägt, dann wird er interessant."

Schrifsteller Guntram Vesper erhält Preis der Leipziger Buchmesse
tagesschau 20:00 Uhr, 17.03.2016, Nadja Storz, MDR

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Er sammelt die Charaktere

Vespers Roman "Frohburg" ist voll von solchen Figuren. Er sei ein Sammler, sagt er. Von Biografien - und von Büchern. Und: Er sammelt weiter. Denn auch wenn sein jetziger Frohburg-Roman mehr als 1000 Seiten umfasst: Auserzählt ist die Geschichte seiner Heimatstadt noch lange nicht. "Der Roman umfasst ja eigentlich 1400 Seiten, wir haben uns dann entschieden, einiges zu streichen. Hätte ich weitergeschrieben, wahrscheinlich noch mal vier Jahre, und ich wäre in der Gegend von fast 2.000 Seiten gelandet."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. März 2016 um 17:00 Uhr.

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