Eine Frau steht vor großen Gemälden, die auf dem Kopf stehende Figuren zeigen.

56. Kunst-Biennale in Venedig Die "Zukünfte der Welt"

Stand: 27.05.2016 12:27 Uhr

Sich bewegende Bäume und schimmernde Gitterstrukturen, Installationen und Performances: In Venedig ist die 56. Kunst-Biennale unter dem Motto "All the World's Futures" eröffnet worden. Mehr als eine halbe Million Besucher werden erwartet.

Von Tassilo Forchheimer, ARD-Hörfunkstudio Rom

Auch 120 Jahre nach der ersten Biennale bleibt Venedig das Maß aller Dinge im internationalen Kunstbetrieb. Mehr als eine halbe Million Besucher werden in den Giardini, im Arsenale und vielen weiteren, auf die gesamte Stadt verteilten Ausstellungsorten erwartet.

Bescheidenheit statt großer Statements

Über 136 Künstler aus 53 Ländern zählen die Veranstalter allein auf den beiden Hauptflächen. Entsprechend vielfältig ist das Angebot, das der Nigerianer Okwui Enwezor als Kurator ausgewählt hat. Das Ergebnis ist eine kaum zu überblickende Fülle. 

Enwezor, im Hauptberuf Direktor am Haus der Kunst in München, will den Besuchern keine absoluten Wahrheiten, sondern möglichst viele unterschiedliche Perspektiven auf die globalisierte Welt eröffnen: "Nach meinem Verständnis muss die Biennale versuchen, in die Intensität der Gegenwart einzutauchen, in die Intensität des Wandels und der Veränderungen", so der Nigerianer. "Und ich habe mich für Bescheidenheit und gegen große Statements entschieden."

Rote Arena für Karl Marx

Großes Aufsehen erregt Enwezor mit der Ankündigung, während der gesamten Biennale "Das Kapital" von Karl Marx vorlesen zu lassen - von schwarz gekleideten Schauspielern inmitten einer großen roten Arena. Man könne eben nicht über Ungleichheit nachdenken, ohne über Kapital zu sprechen, sagt Enwezor.

Deutsche Ausstellung zu Flüchtlingen

Deutschland präsentiert sich auf der Biennale mit einer betont zeitkritischen Ausstellung zu den Problemen von Migranten, zum Thema Arbeitslosigkeit und zu den Folgen der Digitalisierung. Kurator ist hier Florian Ebner, der Leiter der fotografischen Sammlung im Museum Folkwang in Essen.

Der  "Bungalow Germania" in Venedig
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Der "Bungalow Germania" - eine ehemalige Fabrik - wurde von den Schweizer Architekten Lehnerer und Ciriacidis gestaltet.

In einem Ausstellungsraum hängt von der Decke herab ein großer blauer Himmel aus dünnem Stoff.
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Das Kunstwerk "Blaues Segel" des deutschen Künstlers Hans Haacke.

Den deutschen Pavillon in Venedig, ein schwer zu bespielendes Gebäude aus der NS-Zeit, hat Ebner zu einer virtuellen Fabrik umbauen lassen, die nur über einen kleinen Nebeneingang und eine enge Wendeltreppe erreichbar ist. "Fabriken sind ja eigentlich Orte, wo man Waren herstellt. Hier ist aber ein Ort, um über Bilder nachzudenken. Es geht dabei um produzierende Bilder in dem Sinne, dass sie Wirklichkeit nicht nur abbilden, sondern diese auch herstellen", so der Kurator.

Biennale
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Die Biennale möchte mit Understatement bei den Besuchern punkten.

Mix aus Installation und Performance

Drei deutsche Künstler und ein in Kairo lebendes internationales Künstlerpaar teilen sich den Pavillon, unter ihnen die Medien-Künstlerin Hito Steyerl. In einem aufwändig produzierten Video, das an ein Videospiel erinnert, setzt sie sich mit der Allmacht der digitalen Medien und den Auswirkungen auf den Menschen auseinander. "Man weiß nicht wo der Mensch aufhört und wo das Smartphone losgeht."

Die NSA ist allgegenwärtig. Drohnen beschießen Demonstranten. In Gold gehüllte Schauspieler tanzen zu alledem - aus Spiel wird Realität. Die Besucher erleben all das in einem dunklen, stickig-warmen Raum, der nur durch eine blau schimmernde Gitterstruktur erleuchtet wird.

Fäden, Bäume, Rosenknospen

Längst nicht alles ist auf den ersten Blick hochpolitisch. Japan verzaubert die Besucher mit einer sinnlichen Installation aus roten Fäden und Hunderten von alten Schlüsseln. Frankreich präsentiert bewegende Bäume, die sich selbst ihren Standort suchen. Und der Niederländer Herman de Vries, schon lange im Steigerwald zu Hause, verzaubert durch den Geruch von Rosenknospen und durch die Schönheit von Fundstücken aus der Lagunenlandschaft rund um die Serenissima.

Goldene Löwen zur 56. Biennale

Die in Berlin lebende Amerikanerin Adrian Piper ist mit dem Goldenen Löwen als beste Künstlerin der 56. Biennale in Venedig geehrt worden. Die 66-Jährige erhalte die Auszeichnung für ein Werk, das den Zuschauer zu lebenslangem Engagement auffordere, sagte Kurator Okwui Enwezor. Piper gilt als eine der weltweit herausragendsten Konzeptkünstlerinnen.

Als bester Landesbeitrag wurde der armenische Pavillon geehrt. Den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk erhielt der 71-jährige ghanaische Bildhauer El Anatsui. Mit der Preisvergabe wurde die weltweit wichtigste Kunstschau offiziell eröffnet.

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