Ilse Aichinger im Jahr 1995 | Bildquelle: picture alliance / IMAGNO/Votava

Trauer um Autorin Ilse Aichinger ist tot

Stand: 11.11.2016 18:22 Uhr

Sie war eine Dichterin der leisen Töne: Ilse Aichinger. Nun ist sie im Alter von 95 Jahren in ihrer Geburtsstadt Wien gestorben. Bekannt wurde die Autorin mit ihrem Roman "Die größere Hoffnung". Spätere Werke waren Hörspiele wie "Knöpfe", Erzählungen und Gedichte.

Die österreichische Autorin Ilse Aichinger ist tot. Sie starb im Alter von 95 Jahren in Wien, wie ihre Tochter Mirjam Eich der Deutschen Presse Agentur mitteilte.

Die Schriftstellerin und Dichterin stammte aus einer jüdischen Familie und überlebte die Nazi-Zeit gemeinsam mit ihrer Mutter in einem Versteck in Wien. Bekannt wurde Aichinger mit ihrem Roman "Die größere Hoffnung", der 1948 erschien. Spätere Werke waren Hörspiele wie "Knöpfe", Erzählungen wie "Eliza, Eliza" oder "Kleist, Moos, Fasane" sowie Gedichte.

Geboren wurden Ilse Aichinger und ihre Zwillingsschwester Helga 1921 als Töchter einer Ärztin und eines Lehrers in Wien. Früh ließen sich die Eltern scheiden, ihre Kindheit verbrachte Ilse Aichinger in Linz. Später kam sie in die Obhut ihrer Großeltern in Wien. Ihre Großmutter wurde von den Nazis in einem Lkw abtransportiert. Ilse Aichinger war Augenzeugin.

Aichinger und ihre Schwester schrieben sich Hunderte Briefe

Besonders eng blieb Aichinger ihr Leben lang mit ihrer Zwillingsschwester verbunden, die mit einer Tante vor dem Nationalsozialismus nach England flüchten konnte. 600 Briefe schrieben sich die Schriftstellerin und Helga. Die Korrespondenz setzt im Juli 1939 ein und reichte bis in die Gegenwart. 2012 ging die Sammlung der berührenden Dokumente über Krieg und Exil in das Literaturarchiv Marbach über.

Ilse Aichinger mit Heinrich Böll (links) und  Günther Eich | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Ilse Aichinger mit Heinrich Böll (links) und Günther Eich bei einem Treffen der "Gruppe 47" im Jahr 1952

Treffen der "Gruppe 47"

Nach dem Krieg begann Aichinger ein Medizinstudium, das sie abbrach. In den 1950er-Jahren war sie wiederholt zu Treffen der "Gruppe 47" eingeladen und erhielt 1952 im Ostseebad Niendorf für die Erzählung "Spiegelgeschichte" die Auszeichnung der Gruppe. Darin erzählt sie das Leben rückwärts von der Bahre bis zur Wiege. Ihre Botschaft: Es gehe darum, alles zu verlernen. Auch und besonders die Sprache.

Über die Gruppe 47 lernte Aichinger auch ihren Mann Günter Eich kennen, einen Kollegen. Mit ihm bekam sie zwei Kinder - ihre Tochter wurde Bühnenbilderin, ihr Sohn Clemens ebenfalls Literat und Schauspieler. Als er bei einem Unfall starb, zog sich Aichinger aus der Öffentlichkeit zurück.

"Ihr Werk ist gewaltig"

Aichinger wurde mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt. 2015 erhielt sie noch den Großen Kunstpreis des Landes Salzburg. Die Jury würdigte sie mit folgenden Worten: "Ihr zeitloses, von allen literarischen Moden unbeeindrucktes Gesamtwerk mag schmal sein - und doch ist es gewaltig."

Mit Material von Stephan Ozsvath, ARD-Studio Wien

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 11. November 2016 um 16:45 Uhr.

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