Kommentar

Bundestag zu Armenien-Resolution Ein Völkermord ist ein Völkermord

Stand: 24.02.2016 15:43 Uhr

"Unser einziges Ziel ist, die Türkei an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht." Der Satz ist mehr als 100 Jahre alt, gilt aber immer noch, meint Michael Heussen. Es sei wichtiger denn je, dass der Bundestag die Türkei auffordert, sich zu den Verbrechen der Osmanen zu bekennen.

Ein Kommentar von Michael Heussen, WDR Köln

Berlin will seinen Verbündeten am Bosporus nicht verprellen. Man braucht die Türken, deswegen schweigt man, sagt nichts zu den Verbrechen, die aus dem Osten der Türkei gemeldet werden. Das war 1915 so, und das ist heute nicht anders. Im Ersten Weltkrieg hatten deutsche Diplomaten ihre eigene Regierung angefleht, auf die osmanische Regierung einzuwirken, die Gräueltaten gegen die Armenier zu beenden. Vergeblich. Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg soll dazu gesagt haben:  "Unser einziges Ziel ist, die Türkei an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht."

Und heute? Ist es nicht anders. Im Osten der Türkei wird Jagd auf Kurden gemacht, und der Westen schaut weg und schweigt. Die Türken sind im Moment zu wichtig, sie sind das Bollwerk gegen den Flüchtlingsstrom aus Syrien und gegen den IS. Sie ausgerechnet jetzt mit einer Resolution zu verärgern, in der der Völkermord an den Armenien offiziell Völkermord genannt wird - das wäre kontraproduktiv, sagen Realpolitiker.

Doch diese Sichtweise ist feige. Ein Völkermord ist ein Völkermord, egal, von wem er begangen wurde. Und er muss auch so benannt werden. Nicht nur wegen der Armenier, die schon lange darauf warten, dass die Verbrechen an ihren Vorfahren anerkannt werden. Sondern auch, um zu verhindern, dass so etwas wieder und wieder geschehen kann.

Die Türkei muss sich bekennen

Es ist deshalb wichtiger denn je, dass der deutsche Bundestag die Türkei offiziell auffordert, sich endlich zu den Verbrechen der Osmanen zu bekennen. Deutschland hat aus den Fehlern seiner Vergangenheit gelernt und ist dafür in der Welt hochgeachtet. Als enger Verbündeter hat Berlin nun die Verpflichtung, der Türkei auf diesem Weg zu helfen. Ohne erhobenen Zeigefinger, aber auch ohne falsche Zurückhaltung. Denn nur, wenn der nationalistische Hass auf Minderheiten im eigenen Land überwunden ist, kann verhindert werden, dass sich die Geschichte der Leugnung, der Unterdrückung und letztlich auch des Völkermords wiederholt.

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