Zeitumstellung

Europaparlament stimmt ab Wird die Zeitumstellung abgeschafft?

Stand: 08.02.2018 02:05 Uhr

Geht es um die Zeitumstellung, wird es emotional - auch im EU-Parlament. Das stimmt heute richtungsweisend darüber ab, ob sie abgeschafft werden soll. Eine Entscheidung, die Fraktionen spaltet.

Von Malte Pieper, ARD-Studio Brüssel

Wenn der Abgeordnete Dieter Koch im Europaparlament derzeit morgens sein E-Mail-Fach öffnet, dann ist es proppenvoll. Der CDU-Mann aus Weimar wird geradezu bestürmt von den Gegnern der Zeitumstellung. "Macht endlich was!", fordern sie den Vizevorsitzenden des zuständigen Ausschusses auf.

"Betroffen sind oft kranke Menschen, solche mit psychischen Problemen", sagt der 65-Jährige. "Und dann natürlich diejenigen, die im technischen Bereich arbeiten." Menschen, die etwa Flugzeiten umstellen, Flugzeuge umleiten müssten, bei der Bahn arbeiteten und überall dort, wo es technische Probleme gebe. "Von den Landwirten mit ihren Tieren oder Eltern mit ihren Kindern mal ganz zu schweigen."

Er verweist auf Studien, wonach unter anderem die Zahl der Verkehrsunfälle unmittelbar nach der Zeitumstellung steige, weil die Menschen morgens eben doch noch nicht wieder so fit seien wie sie sein sollten. Einen ganzen Arbeitsbericht habe das Europaparlament zusammengestellt, während die EU-Kommission seit Jahren vor sich hin prüfe. "Ich bin jetzt seit über 25 Jahren im Europaparlament", sagt Koch. "Aber solch einen Ansturm von Bürgeranfragen habe ich noch nicht erlebt."

Ein Thema, bei dem jeder mitreden kann

Ähnlich läuft es bei seinem sächsischen Kollegen, dem CDU-Politiker Hermann Winkler aus Leipzig. "Beim Thema Zeitumstellung kann ja nun auch jeder mitreden", sagt er. "Zum einen, weil er es schon selbst am eigenen Leib erfahren hat. Zum zweiten, weil er glaubt, Fachmann zu sein."

Als solchen sieht sich auch Winklers Kollege Werner Langen von der CDU. Nur, dass der zu einem ganz anderen Schluss kommt. Langen hat Umfragen zur Hand, wonach 80 Prozent der Deutschen gar keine Probleme mit der Zeitumstellung haben. "Für mich ist es unvorstellbar, dass sich die schweigende Mehrheit in Deutschland von einigen wenigen Ideologen so beeinflussen lässt", stöhnt er.

Plötzlich sind Grüne und Rechtspopulisten einer Meinung

Auch die CDU ist also gespalten - wie alle Fraktionen hier im Europaparlament. Da sind plötzlich Konservative und Kommunisten einer Meinung oder Grüne und Rechtspopulisten.

Für Langen ist klar: Es gehe gar nicht mehr um das Argument vom Anfang, also Energie einsparen. Das habe ja erwiesenermaßen nichts gebracht. Für ihn zählt etwas ganz anders: "Es muss abends lange hell bleiben." Sonnenschein sei gesund, betont er. "Künstliches Licht hat nur ein Prozent der heilenden Wirkung wie die Sonne selbst. Das wird hier alles unter den Tisch gekehrt, weil man nicht in der Lage ist, zwei Mal im Jahr die Zeit um eine Stunde zu ändern!"

Unübersichtliche Mehrheiten

Wieder ganz anders sein Thüringer Kollege Dieter Koch, der seit langem gegen die Zeitumstellung kämpft. Wenngleich er einräumen muss, dass die Faktenlage so klar nun auch wieder nicht ist. Es gebe hier wie da Studien, die das eine wie das andere herausbekämen. "Ich denke, da muss man einfach dem einen oder dem anderen glauben. Es ist ein Stück weit Psychologie."

Für den Thüringer steht deshalb fest: Wenn es schon 80 Prozent der Deutschen egal ist, weil sie keine Probleme mit dem Umstellen haben, dann sollten sie wenigstens etwas für die restlichen 20 Prozent tun, deren Biorhythmus im März und Oktober verrücktspielt.

Ob Dieter Koch sich durchsetzen kann oder Werner Langen, ist offen. Die Mehrheiten im Europaparlament sind äußerst unübersichtlich. Doch selbst wenn die Parlamentarier sich heute Mittag klar für ein Ende der Zeitumstellung aussprechen sollten - bis tatsächlich etwas passiert, könnte es noch dauern. Denn dann ist erst einmal die EU-Kommission am Zug, und danach folgen noch möglicherweise langwierige Verhandlungen mit den Regierungen der EU-Mitgliedsstaaten.

Sind die Tage der Sommerzeit gezählt? EU-Parlament stimmt richtungsweisend ab
M. Pieper, ARD Brüssel
08.02.2018 00:19 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 08. Februar 2018 um 07:11 Uhr.

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