Balkone von Wohnungen in Hamburg | Bildquelle: dpa

335.000 Menschen ohne Bleibe Wohnungsnot steigt drastisch

Stand: 05.10.2015 17:25 Uhr

Die Zahl der Menschen ohne Wohnung ist in den vergangenen zwei Jahren um 18 Prozent auf 335.000 gestiegen. Experten gehen davon aus, dass diese Zahl weiter steigen wird und fordern den Bau von 400.000 neuen Wohnungen pro Jahr.

Von Torsten Huhn, NDR, ARD-Haupststadtstudio

Immer mehr Menschen in Deutschland sind ohne Wohnung. Deshalb schlägt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe Alarm. "Wir haben für 2014 einen drastischen Anstieg der Wohnungslosigkeit ermittelt", sagt Geschäftsführer Thomas Specht. "2014 waren etwa 335.000 Menschen in Deutschland ohne Wohnung. Verglichen zu 2012 ist dies ein Anstieg um zirka 18 Prozent."

Wenn die wohnungs- und sozialpolitischen Rahmenbedingungen nicht geändert werden, wird es nach Ansicht der Organisation bis 2018 einen weiteren Anstieg wohnungsloser Menschen auf über 530.000 geben. Es handelt sich bei den Zahlen um Schätzungen, denn es gibt keine offizielle Statistik, was die BAG Wohnungslosenhilfe auch kritisiert.

Die Zahl der Menschen, die ohne jede Unterkunft auf der Straße leben, schätzt die Organisation auf 39.000 - das sei ein Anstieg von 50 Prozent seit 2012.

"Völlig unzureichenden Armutsbekämpfung"

Thomas Specht sieht die starke Zunahme von Wohnungslosen als Ergebnis politischer Entscheidungen: "Dabei spielt die wachsende Zuwanderung von EU-Bürgern und Asylbewerbern zwar eine Rolle als Verstärker, die wesentlichen Ursachen liegen jedoch in einer seit Jahrzehnten verfehlten Wohnungspolitik in Deutschland in Verbindung mit einer völlig unzureichenden Armutsbekämpfung."

Die Bundesarbeitsgemeinschaft kritisiert vor allem, dass es viel zu wenige preisgünstige Wohnungen auf dem Markt gibt. Zudem sei der soziale Wohnungsbau in den letzten Jahren stark vernachlässigt worden. Winfried Uhrig, Vorsitzender der BAG: "Wir haben seit 2002 eine Million Sozialwohnungen in Deutschland verloren und das macht sich hier dramatisch bemerkbar."

Wer gilt als wohnungslos?

Insgesamt hatten 2014 nach Schätzungen der Wohnungslosenhilfe 335.000 Menschen keine Wohnung. Zu dieser Gesamtzahl der Wohnungslosen zählt die Organisation neben den Obdachlosen auch solche Menschen, die zwar nicht auf der Straße leben, aber in Notunterkünften oder Wohnheimen - also auch Asylbewerber in Auffangstellen. Bei dieser Gesamtzahl der Wohnungslosen wird bis 2018 ein weiterer Anstieg um 61 Prozent auf knapp 540.000 erwartet.

Demonstration gegen Wohnungsnot in Hamburg | Bildquelle: dapd
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Der Bedarf nach bezahlbarem Wohnraum ist besonders in Ballungszentren wie Hamburg groß.

Öffentliche Hand verkaufte Wohnungsbestand

Uhrig kritisiert auch, dass Bund, Länder und Kommunen ihre eigenen Wohnungsbestände, die sie als Steuerungsinstrument einsetzen konnten, meistbietend an private Investoren verkauft haben. Jetzt fehlten 2,7 Millionen überwiegend kleinere, preiswerte Wohnungen auf dem Markt. Viele dieser Wohnungen seien, vor allem in den Städten, durch die Gentrifizierung weggefallen, das heißt sie wurden umfassend renoviert und ausgebaut und dann zu deutlich höheren Mieten angeboten.

Die Arbeitsgemeinschaft fordert Maßnahmen gegen den weiteren Anstieg der Wohnungslosigkeit. 400.000 neue Wohnungen müssten pro Jahr gebaut werden, davon 150.000 Sozialwohnungen. Und der Bund müsse wieder Verantwortung in der Wohnungspolitik übernehmen. "Wohnungspolitik muss als Daseinsvorsorge verstanden werden, darf nicht dem Markt überlassen werden", so Uhrig.

Gefragt sind die Kommunen

Gerade angesichts der vielen nach Deutschland kommenden Flüchtlinge müsse sich die Politik um den Wohnungsmarkt kümmern, fordert die Organisation. Gefragt seien zunächst mal die Kommunen so Uhrig: "Es ist so, dass die Anstrengungen auf diesem Gebiet der Notversorgung allerdings für alle Zielgruppen gleichermaßen gemacht werden müssen. Das heißt also für die Wohnungslosen, für die Flüchtlinge, für die EU-Zuwanderer. Alle diese haben einen Rechtsanspruch auf Unterbringung. Dieser Aufgabe muss sich die Kommunalpolitik stellen."

Wenn das nicht passiere, dann werde es zu einer Konkurrenz von verschiedenen Gruppen kommen, nicht nur zwischen Flüchtlingen und Obdachlosen, sondern auch mit Studenten.

BAG Wohnungslosenhilfe fordert mehr öffentlichen Wohnungsbau
Torsten Huhn, ARD Berlin
05.10.2015 15:55 Uhr

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