Ralf Wohlleben | Bildquelle: dpa

Wohlleben bestreitet im NSU-Prozess Beihilfe zum Mord "Ich wollte keine Waffe besorgen"

Stand: 16.12.2015 17:09 Uhr

Der mutmaßliche NSU-Terrorhelfer Ralf Wohlleben hat vor dem Münchner Oberlandesgericht ausgesagt, über Jahre Kontakt zum Terrortrio gehabt zu haben. Den Vorwurf der Staatsanwaltschaft, er habe die Mordwaffe für den NSU besorgt, wies er jedoch zurück. "Den Angehörigen der Opfer gilt mein Mitgefühl", sagte er.

Der mutmaßliche NSU-Terrorhelfer Ralf Wohlleben hat bestritten, die Mordwaffe für den "Nationalsozialistischen Untergrund" beschafft zu haben. Im NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht wies der 40-Jährige den Vorwurf der Beihilfe zum Mord zurück. Er sei nicht vermittelnd tätig geworden oder habe in irgendeiner Form Aufträge zum Beschaffen der Pistole vom Typ Ceska erteilt, sagte er. Auch habe er gar nicht über die finanziellen Mittel verfügt, um solch eine Waffe zu kaufen.

Eine Reproduktion aus der Ostthüringer Zeitung aus dem Jahr 1998 zeigt Fahndungsbilder von Beate Z. (v.l.), Uwe B. und Uwe M.. | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos auf Fahndungsfotos aus den 1990er-Jahren.

Mit der Waffe hatten die Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos mutmaßlich neun Menschen erschossen. Wohlleben sagte nun aus, Böhnhardt habe ihm gegenüber zwar den Wunsch geäußert, dass er sich für ihn nach einer scharfen Waffe umsehen sollte. "Er sagte, ich sollte darauf achten, dass es ein deutsches Fabrikat ist." Zur Begründung habe ihm der zu diesem Zeitpunkt schon untergetauchte Böhnhardt gesagt, bevor er ins Gefängnis gehe, bringe er sich lieber um. "Ich wollte keine Waffe besorgen", sagte Wohlleben. Er habe auch nicht Schuld sein wollen an einem Suizid von Böhnhardt.

Schließlich habe Carsten S. von Böhnhardt oder Mundlos den Auftrag bekommen. Carsten S. ist einer der fünf Angeklagten im NSU-Prozess. Wohlleben bestritt insbesondere, in die Bezahlung der Waffe involviert gewesen zu sein. Er habe Carsten S. - der die Pistole schlussendlich besorgte - kein Geld gegeben. Diese Behauptung, die S. in seiner Aussage zu Prozessbeginn erhoben hatte und die sich auch in der Anklage wiederfindet, weise er zurück.

Mitgefühl für Angehörige der Opfer

Die Bundesanwaltschaft sieht in Wohlleben eine "steuernde Zentralfigur" im Umfeld des NSU. Nach ihrer Überzeugung soll er mehrere Waffen für den NSU besorgt haben. Ebenso wie die Hauptangeklagte Beate Zschäpe sitzt das einstige NPD-Mitglied seit 2011 in Untersuchungshaft. Mit seiner Aussage am 251. Verhandlungstag wechselte Wohlleben - wie zuvor schon Zschäpe - seine mehrjährige Strategie des Schweigens. Im Gegensatz zu ihr trug er seine Aussage selbst vor. Im Prozess sagte er nun, er bedaure jede Gewalttat. Er schloss seine Aussage mit den Worten: "Den Angehörigen der Opfer gilt mein Mitgefühl." Bereits an diesem Donnerstag will er auf erste Fragen antworten.

Aussage von Ralf Wohlleben hinterlässt Fragezeichen
tagesthemen 21:20 Uhr, 16.12.2015, Eckart Querner, BR

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Zschäpe sei "schlagfertig und witzig"

Dass Wohlleben aussagen würde, hatten Prozessbeobachter erwartet. Allerdings kam die Ankündigung für den heutigen Tag überraschend, wie ARD-Reporter Julian von Löwis berichtet. Umfassend schilderte der Angeklagte, wie sich die rechte Szene in Jena in den 1990er-Jahren formiert hatte. Die hätte damals Gewalt abgelehnt. In den 1990er-Jahren habe er auch Zschäpe, Böhnhardt und Uwe Mundlos kennengelernt. Zschäpe sei schlagfertig, witzig und ihm sehr sympathisch gewesen. Er habe keinen Anlass gehabt, zu vermuten, dass das Trio einmal schwere Straftaten begehen würde, so Wohlleben. Auch nach dessen Untertauchen habe weiterhin Kontakt bestanden. Sie hätten mehrfach telefoniert, in Chemnitz habe er sie getroffen.

V-Mann Brandt habe zentrale Rolle gespielt

Eine zentrale Rolle bei der Bildung verschiedener Gruppen - speziell des "Thüringer Heimatschutzes" - hat laut Wohlleben Tino Brandt gespielt. Brandt war ein Anführer in der rechtsextremen Szene in Thüringen und zugleich V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes. Den Behörden warf Wohlleben deshlab Versagen vor. Es sei ihm unerfindlich, warum der Staat die Untergetauchten nicht aufgespürt habe. Hätte man das NSU-Trio finden wollen, wäre das seiner Meinung nach mit Hilfe von Tino Brandt möglich gewesen.

Wohlleben schilderte auch seine Grundstimmung Mitte der 90er-Jahre. Er habe zu der Zeit nichts gegen Ausländer gehabt, aber gegen eine Politik, die den Zuzug fördere. In Frankfurt am Main habe er damals den Eindruck gehabt, dass es da Stadtviertel gebe, in denen keine Deutschen mehr lebten. Das habe er nicht für Jena gewollt.

Die Angeklagte Beate Zschäpe und ihre Anwälte sitzen im Gerichtssaal im Oberlandesgericht in München an ihren Plätzen. | Bildquelle: AP
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Zschäpe mit ihren Verteidigern Borchert und Grasel

Zschäpe hatte Schuld von sich gewiesen

Zschäpe ist die einzige Überlebende des NSU. Sie muss sich in dem Verfahren als mutmaßliche Mittäterin verantworten. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt den NSU, zehn Morde, zwei Sprengstoffanschläge und 15 Überfälle verübt zu haben.

Zschäpe hatte sich vergangene Woche überraschend nach einem Jahr des Schweigens zu den Taten geäußert. Sie stellte sich als unwissend dar und schob die Schuld allein ihren toten Freunden Mundlos und Böhnhardt zu. Als unwahrscheinlich gilt, dass sie bereits in den kommenden Tagen Fragen des Gerichts zu ihrer Aussage beantwortet. Ihr Anwalt Mathias Grasel hatte mitgeteilt, er werde die Fragen mit Zschäpe durcharbeiten, voraussichtlich aber erst im neuen Jahr Antworten vorlegen.

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