Julian Assange | Bildquelle: REUTERS

Kritik an WikiLeaks Assange - Einfluss statt Moral

Stand: 12.08.2016 11:32 Uhr

WikiLeaks stand einmal für mehr Transparenz in einer von Geheimnissen dominierten Welt. Doch diesen Ruf hat die Enthüllungsplattform verloren. Ehemalige Unterstützer wenden sich von der Seite ab - auch wegen Gründer Julian Assange.

Von Julian Heißler, tagesschau.de

Julian Assange ist zurück im Rampenlicht. Am 22. Juli veröffentlichte seine Plattform WikiLeaks rund 20.000 interne E-Mails der US-Demokraten - und löste damit ein Beben in der amerikanischen Öffentlichkeit aus. Die Mails belegten, dass sich die Parteiführung im Vorwahlkampf der Demokraten nicht neutral verhalten, sondern einseitig Hillary Clinton unterstützt hatte. Parteichefin Debbie Wasserman Schultz trat daraufhin zurück - am Vorabend der Eröffnung des Parteitags der Demokraten. Auch drei weitere Mitglieder der Parteiführung verloren ihren Posten.

Für Assange waren die Rücktritte ein Erfolg. Schließlich liegt seine letzte Veröffentlichung, die ähnliche Konsequenzen nach sich zog, schon eine gute Zeit zurück. Um WikiLeaks, vor wenigen Jahren noch mit Preisen überhäuft und als Rettung des Journalismus gepriesen, war es in letzter Zeit still geworden. Die ganz großen Leaks fanden ohne Assanges Plattform statt.

Assange sieht Clinton als Problem

Stattdessen legte sich WikiLeaks zuletzt vor allem mit Clinton an. Assange ist nicht gerade ein Fan der ehemaligen US-Außenministerin - das zeigt schon ein Blick auf den Twitter-Account von WikiLeaks. In Interviews machte er zudem deutlich, dass er die Präsidentschaftskandidatin als Problem ansieht. Die Veröffentlichung der Demokraten-Mails passt in dieses Bild.

WikiLeaks @wikileaks
Does "Board after party" image illustrate HRC's poor WikiLeaks poll results--entitled, uncool and unaware of it? https://t.co/ht01ZlP8Z0

Überhaupt nimmt Assange gern vor allem die USA und ihre Verbündeten ins Visier. Laut einer Auswertung der amerikanischen "Huffington Post" beziehen sich 33 von 35 Dokumentenkategorien auf der Seite auf diese Gruppe und ihre Institutionen. WikiLeaks deshalb einfach als antiamerikanisch abzutun, greife jedoch zu kurz, heißt es in der Hacker-Szene: "Assange legt sich schlicht gern mit dem größten Gorilla im Gehege an - und das ist in der aktuellen Weltordnung nun einmal der Westen."

"Er ist Wikileaks"

In der Hacker-Szene wird trotzdem beklagt, dass WikiLeaks sich verändert habe. Es gehe fast nur noch um die Person Assange und nicht mehr um die Inhalte, heißt es. "Er ist WikiLeaks", so ein Szenekenner, der anonym bleiben möchte, zu tagesschau.de. Doch die enge Verknüpfung von Plattform und Gründer bringt für die Seite auch Probleme.

Assange verfolgt mit WikiLeaks heute vor allem seine eigenen Ziele. Als Chefredakteur bestimmt er, was wann veröffentlicht wird. Verwerflich ist das nicht. Doch von ihrem Gründungsanspruch hat WikiLeaks sich mittlerweile entfernt.

Ursprünglich sollte die Seite eine Plattform sein, auf der Whistleblower vollkommen anonym ihre Informationen der Öffentlichkeit zugänglich machen könnten. WikiLeaks sollte den klassischen Journalismus ergänzen, indem es den Lesern Originalinformationen zur Verfügung stellt - eine neutrale Plattform, nur den Informationen verpflichtet.

Damit ist es vorbei. "Wer heute noch bei WikiLeaks landet um etwas öffentlich zu machen, der verfolgt damit bestimmte Ziele. Mit einem moralischen Anspruch hat das meist nichts mehr zu tun", sagt Daniel Domscheit-Berg, Ex-Mitarbeiter von WikiLeaks, im Gespräch mit tagesschau.de.

Screenshot der Suchmaschine auf der WikiLeaks-Seite
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Screenshot der Suchmaschine auf der WikiLeaks-Seite

Belangloses und Privates

Auch der letzte große Scoop vor den Demokraten-Mails zeigte die Probleme, die WikiLeaks mittlerweile hat.  Die Plattform veröffentlichte eine Sammlung von rund 300.000 internen Nachrichten der türkischen Regierungspartei AKP. Doch die E-Mails stellten sich bei näherer Betrachtung als größtenteils belanglos heraus. Noch schlimmer: In dem Datensatz waren die Adressen und Telefonnummern sämtlicher Wählerinnen in 79 der 81 türkischen Provinzen zu finden - ein gigantischer Bruch der Privatsphäre, der viel Kritik hervorrief. Auch in den E-Mails der Demokraten konnten persönliche Daten gefunden werden. Ein Umstand, an dem sich auch Edward Snowden störte.

Edward Snowden @Snowden
Democratizing information has never been more vital, and @Wikileaks has helped. But their hostility to even modest curation is a mistake.

Vor allem die Kritik des NSA-Leakers Snowden zeigt, wie sehr sich das Bild von WikiLeaks in den vergangenen Jahren verändert hat. Zwar mangelte es der Plattform nie an Gegnern, doch es fällt auf, dass zuletzt auch aus dem früheren Unterstützerkreis Missfallen am derzeitigen Kurs der Seite geäußert wird. Zwar hat Assange in der Hacker-Szene noch Anhänger, doch die Zahl derer, die von ihm enttäuscht sind, steigt. Denn nicht erst die Beispiele AKP und Demokraten zeigen, dass es die Seite mit dem Thema Privatsphäre nicht ganz so ernst nimmt, wie es Teile der Szene gerne sähen.

"Damals sind Fehler gemacht worden"

Diese Klage ist nicht neu. Bereits im Jahr 2010, als die Plattform mit der Veröffentlichung tausender US-Dokumente zu den Kriegen in Afghanistan, im Irak und aus dem amerikanischen Außenministerium ihre größten Erfolge feierte, landeten bald auch Namen von Informanten der Amerikaner ungeschwärzt im Internet. Zwar gibt es keine Belege dafür, dass deswegen Menschen zu Schaden kamen, doch die Unachtsamkeit wurde schon damals kritisch diskutiert.

"Damals sind Fehler gemacht worden", sagt Domscheit-Berg. "Wir hätten mehr darauf achten sollen, welche Dinge geschwärzt werden müssen. Aber das hat Julian nicht interessiert", so Domscheit-Berg weiter. 2010 sei der Wendepunkt in der Geschichte von WikiLeaks gewesen, glaubt er. Im selben Jahr, kurz nach der Veröffentlichung der Afghanistan-Papiere, verließ Domscheit-Berg die Plattform.

Heute sieht er WikiLeaks kritisch. "Die Seite ist heute mehr eine Kampagnenplattform als ein Ort für Whistleblower", sagt er. Den Neutralitätsanspruch habe WikiLeaks zudem offensichtlich aufgegeben. Anfangs habe man noch fast jeden Tag neue Dokumente veröffentlicht, heute konzentriere sich die Seite hingegen vor allem darauf, mit ihren Publikationen Einfluss auf politische Prozesse zu nehmen. "Es ist ja kein Zufall, dass die E-Mails der Demokraten kurz vor Beginn des Parteitags veröffentlicht wurden", so Domscheit-Berg.

Julian Assange präsentiert sich auf dem Balkon der ecuadorianischen Botschaft in London.
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Julian Assange präsentiert sich auf dem Balkon der ecuadorianischen Botschaft in London.

Im Botschaftsasyl

Hinzu kommt, dass auch das Bild Assanges in der Öffentlichkeit mittlerweile einige Kratzer bekommen hat. Seit August 2010 ermittelt die schwedische Justiz wegen des Verdachts der Vergewaltigung gegen den 45-Jährigen. Assange, der die Vorwürfe zurückweist, lebt seit Juni 2012 in der ecuadorianischen Botschaft in London. So will er eine Auslieferung nach Schweden verhindern. Assange fürchtet, die Regierung in Stockholm könnte ihn an die USA übergeben. Dort, so glaubt er, könnte er wegen der WikiLeaks-Enthüllungen angeklagt werden. Schweden bestreitet, Assange an die Amerikaner ausliefern zu wollen. In der kommenden Woche soll Assange von schwedischen Ermittlern in der ecuadorianischen Botschaft vernommen werden.

Seine Anhänger sehen die Vorwürfe gegen Assange als Verschwörung, die den Enthüller erfolgreich zur persona non grata gemacht hat.

Doch auch aus seinem Botschafts-Asyl heraus weiß sich der WikiLeaks-Gründer in Szene zu setzen. Seit der Veröffentlichung der Demokraten-Mails wird er regelmäßig per Satellit in amerikanische Nachrichtensendungen geschaltet - stets in dunklem Anzug mit locker gebundener Krawatte, die blonden Haare zurückgekämmt, vor einem animierten Wikileaks-Logo. "Wir haben noch mehr Material mit Bezug zur Hillary-Clinton-Kampagne", sagte er kürzlich in einem Gespräch mit dem Nachrichtensender "CNN". "Es ist sehr interessant - und wir werden sehen, was daraus wird."

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