Fünf Spielfiguren in den Farben Blau, Gelb, Schwarz, Grün und Rot stehen auf einem Spielbrett vor dem Landtag in Stuttgart. | Bildquelle: dpa

Analyse Wer wählte was warum?

Stand: 13.03.2016 23:46 Uhr

Warum und durch wessen Stimmen wurde die AfD so stark? Welche Rolle spielte Winfried Kretschmann beim grünen Wahlsieg in Baden-Württemberg? Warum hatten Malu Dreyer und die SPD in Rheinland-Pfalz Erfolg? Und wer wählt wieder die FDP?

Von Kristina Kaul, tagesschau.de, zzt. Stuttgart

24 Prozent in Sachsen-Anhalt, 15 Prozent in Baden-Württemberg und mehr als 12 Prozent in Rheinland-Pfalz - die AfD ist der große Wahlsieger. Aus dem Stand wurde sie in Sachsen-Anhalt zweitstärkste Kraft, liegt nur wenige Prozentpunkte hinter der regierenden CDU. Und auch in Baden-Württemberg ist die Wahlkreiskarte ein bisschen bunter geworden: Zwei Wahlkreise gehen hier an die AfD. Doch was sind die Gründe für den Erfolg? Wer wählte die AfD und warum?

Ein Blick auf die Wählerwanderungen zeigt, dass die Gleichung niedrige Wahlbeteiligung = hohe Gewinne für populistische und nichtetablierte Parteien nicht (mehr) aufgeht. Denn: In allen drei Bundesländern stieg die Wahlbeteiligung massiv an. Nicht nur in Sachsen-Anhalt gewann die AfD die meisten Stimmen aus der Gruppe der Nichtwähler, also von denen, die angaben, bei der letzten Landtagswahl nicht abgestimmt zu haben. Darüberhinaus zog die AfD aber Stimmen von allen Parteien ab – auch von SPD und Linkspartei.

In allen Bundesländern überwogen Protestmotive bei den AfD-Wählern. Gut zwei Drittel entschieden sich aus Enttäuschung über die anderen Parteien für die AfD, nur 22 (Baden-Württemberg) bis 31 (Rheinland-Pfalz) Prozent aus Überzeugung. Die jeweiligen Spitzenkandidaten spielten nur eine geringe Rolle für die Wahlentscheidung.

Bei den Sachfragen war die Flüchtlingsthematik für die AfD am bedeutsamsten, gefolgt von der sozialen Gerechtigkeit. In Sachsen-Anhalt spielte auch die Innere Sicherheit noch eine Rolle. In allen drei Bundesländern fällt aber auf, dass die Flüchtlingspolitik insgesamt nicht die entscheidende Rolle für die Wahlentscheidung spielte. Das Thema Flüchtlinge steht insgesamt nur an dritter Stelle der wahlentscheidenden Themen.

Arbeiter, Arbeitslose, Männer – bei diesen Wählergruppen hat die AfD in allen drei Bundesländern den größten Rückhalt. Unterdurchschnittliche Ergebnisse erzielte die Partei dagegen bei Beamten. In Sachsen-Anhalt wählten jeweils 37 Prozent der Arbeiter und Arbeitslosen die AfD – bei den Beamten kam sie hier "nur" auf 19 Prozent. In Rheinland-Pfalz gaben 26 Prozent der Arbeitslosen der AfD ihre Stimme, aber nur fünf Prozent der Beamten. Ähnlich sieht es in Baden-Württemberg aus.

Übrigens: Eine deutliche Mehrheit der AfD-Wähler fände es gut, wenn man auch in ihrem Land die CSU wählen könnte: 57 Prozent in Sachsen-Anhalt, 61 Prozent in Baden-Württemberg und sogar 72 Prozent der AfD-Wähler in Rheinland-Pfalz.

Die Grünen und der Kretschmann-Faktor

Der Erfolg der Grünen in Baden-Württemberg hat einen Namen: Winfried Kretschmann. 75 Prozent der Wähler hätten ihm ihre Stimme gegeben, könnte der Ministerpräsident direkt gewählt werden. Zum Vergleich: Für den Kandidaten der CDU, Guido Wolf, hätten nur 15 Prozent gestimmt. Und auch beim sogenannten Kandidatenfaktor stellt Kretschmann einen Rekord auf: 48 Prozent der Grünen-Wähler gaben an, vor allem seinetwegen die Grünen gewählt zu haben. Zum Vergleich: 2011 waren es sieben Prozent, damals stand für 81 Prozent der Grünen-Wähler das Programm im Vordergrund bei der Wahlentscheidung. Der SPD nützte die Regierungsbeteiligung wenig - nur 39 Prozent der Wähler bewerten ihre Arbeit positiv - bei den Grünen sind es 65 Prozent.

Der Bauch wird größer

Insgesamt legten die Grünen in Baden-Württemberg um sechs Prozentpunkte zu. Woher kommen diese Gewinne? "Die stärksten Zugewinne mit 15 Punkten gibt es in der Gruppe der Renterinnen und Rentner", schreibt ARD-Wahlexperte Jörg Schönenborn im tagesschau-Wahlblog.

"Das Altersprofil der Grünen, das normalerweise in den Gruppen 35-60 Jahre einen dicken Bauch hat, hat sich nun auch nach oben erweitert. In der Gruppe 60-69 Jahre ist das Abschneiden mit 32 Prozent durchschnittlich und nur bei den über 70-Jährigen mit 26 Prozent etwas schwächer. Die Zugewinne bei den Älteren sind aber deutlich und sind die Basis für den großen Erfolg von Winfried Kretschmann", so Schönenborn weiter. Ungefähr im selben Maße wie die Grünen bei den Älteren gewinnen, verliert dort die CDU.

Kretschmanns Unterstützung der Flüchtlingspolitik von Angela Merkel hat ihm übrigens auch bei den CDU-Wählern nicht geschadet – im Gegensatz zum Abgrenzungskurs seines CDU-Herausforderers Wolf.

Die SPD rettet sich in Rheinland-Pfalz

ZDF heute-show @heuteshow
Malu Dreyer hat keinen Twitter-Account. Das war der entscheidende Vorteil gegenüber @JuliaKloeckner.
#wahlen2016

War der entscheidende Vorteil von Malu Dreyer gegenüber Julia Klöckner wirklich die Tatsache, dass sie keinen Twitter-Account hat, wie die Kollegen der heute-show vermuten? Nein, das ist sicher nicht der Grund für das gute Abschneiden der SPD in Rheinland-Pfalz. Aber auch hier war der Kandidateneffekt deutlich messbar, schreibt ARD-Wahlexperte Schönenborn: "Malu Dreyer hat einen sogenannten Kandidatenfaktor von 45, das heißt 45 Prozent der SPD-Wähler geben an, vor allem ihretwegen das Kreuz gemacht zu haben. Damit erreicht sie ziemlich genau das Niveau von Kurt Beck aus dem Jahr 2001 und 2006. Julia Klöckner hingegen kommt nur auf einen Kandidatenfaktor von 31 Prozent."

Während die Wähler Dreyer insgesamt als sympathischer, glaubwürdiger und bürgernäher bewerten, punktet Klöckner bei Führungsstärke und Wirtschaftskompetenz.

Die SPD konnte in Rheinland-Pfalz in (fast) allen Bevölkerungsgruppen dazugewinnen, besonders stark bei den Frauen. Die größte Unterstützung erfährt die SPD bei über 60-jährigen Wählern, Frauen und formal niedrig Gebildeten, ferner im evangelischen Teil der Wählerschaft. Unterdurchschnittlich sind die SPD-Ergebnisse in Rheinland-Pfalz insbesondere bei jüngeren Männern sowie Selbstständigen.

Die FDP ist wieder da

In allen drei Bundesländern konnte die FDP für ihre Verhältnisse deutlich zulegen, schaffte in Rheinland-Pfalz sogar den Wiedereinzug in den Landtag. Dabei konnte die Partei in allen Bevölkerungsgruppen zulegen. In Baden-Württemberg erreichte sie bei ihrer Kernzielgruppe, den Selbstständigen, sogar 16 Prozent, auch bei den Rentnern erreichte sie mit zehn Prozent einen zweistelligen Wert. Ähnlich sieht es in Rheinland-Pfalz aus: Hier kommen die Liberalen bei Selbstständigen und Beamten auf zweistellige Werte. In diesen Wählergruppen ist sie auch in Sachsen-Anhalt über dem Durchschnitt.

Hintergrund

Im Auftrag der ARD hat Infratest dimap am Wahltag in Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz jeweils etwa 25.000 Wähler, in Baden-Württemberg etwa 35.000 Wähler nach ihrer Stimmabgabe in Wahllokalen befragt. Auf der Basis dieser repräsentativen Erhebung werden Analysen zu Wahlmotiven, zum Wahlverhalten und zum Abschneiden der Parteien in verschiedenen Alters- und Bevölkerungsgruppen erstellt.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 13. März 2016 um 23:20 Uhr.

Darstellung: