Ein Soldat zeigt auf dem Truppenübungsplatz Altmark in Letzlingen | Bildquelle: picture alliance / dpa

Bundeswehr baut Geisterstadt Häuserkampf in "Schnöggersburg"

Stand: 01.10.2015 11:59 Uhr

Die Bundeswehr baut an einer Kleinstadt mit U-Bahn, Sportanlagen, Brücken und Straßen für 118 Millionen Euro. Wohnen wird in "Schnöggersburg" jedoch niemand. In der Siedlung soll die Truppe für den Häuserkampf trainieren.

Von Christian Thiels, tagesschau.de

Der Bebauungsplan ist anspruchsvoll: Mehr als 500 Gebäude, darunter ein Supermarkt, eine Apotheke, ein Rathaus, Wohnungen, etliche Kilometer Straße, ein Fluss und die einzige U-Bahn in Sachsen-Anhalt. "Schnöggersburg" heißt die Siedlung, die auf dem Gelände des Gefechtsübungszentrums des Heeres nahe Magdeburg seit Ende 2012 entsteht und die auch ein Kaufhaus, eine Kasernenanlage und einen Sakralbau bekommen soll.

Doch Einwohner wird es in "Schnöggersburg" niemals geben. Alle Gebäude werden Rohbauten bleiben. Denn die Bundeswehr will dort den Krieg im "urbanen Gelände" üben, wie der Häuserkampf im Militärdeutsch heißt. Schon jetzt ist auf dem riesigen Truppenübungsplatz in der Letzlinger Heide eine Trainingsanlage vorhanden. Die Soldaten, die etwa nach Afghanistan gehen, werden hier auf ihren Einsatz vorbereitet. Jeder Einzelne kann per GPS überwacht werden, "Treffer" werden mit Lasern simuliert, die Auswertung findet in einem zentralen Kontrollraum statt. Doch den Kampf in bebautem Gelände, in Städten etwa, kann die Bundeswehr dort nur sehr eingeschränkt üben.

Klammheimliche Übung für Inlandseinsatz?

Muss sie auch gar nicht, sagen Kritiker. Denn bislang hat es in keinem Auslandseinsatz der Truppe jemals Gefechte in Städten gegeben, so die Argumentation. Die Linkspartei argwöhnte deshalb schon, es gehe eher um Einsätze im Inland, die man hier klammheimlich üben wolle. Tatsächlich trainieren die Streitkräfte aber schon seit Jahrzehnten auch Gefechte in Städten und Dörfern - schon weil man im Kalten Krieg damit rechnete, dass im Ernstfall auch dort gekämpft werden würde. Auf dem Truppenübungsplatz Hammelburg in Bayern werden die Soldaten seit den 1960er-Jahren im entvölkerten Dörfchen "Bonnland" ausgebildet.

Plan der Bundeswehr-Übungsstadt Schnöggersburg | Bildquelle: Büro Fritz Felgentreu
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Der Plan der Bundeswehr-Übungsstadt "Schnöggersburg" sieht zahlreiche Gebäude und Strukturen vor - von der Apotheke bis zum Sakralbau.

"Schnöggersburg" wird aber etliche Nummern größer sein und Szenarien ermöglichen, die auch in einer echten Stadt auf die Soldaten zukommen könnten. Dabei sollen "alle Intensitätsarten, von humanitärer Hilfe über Stabilisierung bis hin zum Kampf" - falls erforderlich auch zeitgleich - geübt werden, erläutert die Bundeswehr. Bis zu 1500 Soldaten werden laut Streitkräften gleichzeitig in den "typischen Elementen einer städtischen Bebauung" trainieren können. Dazu gehören neben den Gebäuden auch eine weitläufige Kanalisation und ein 350 Meter langer U-Bahn-Schacht. Außerdem soll ein Gebiet mit Ruinen entstehen, ein zentraler Platz und einige Hochhäuser.

Slum in "Schnöggersburg"

Die verschiedenen Stadtgebiete legen nahe, dass es hier nicht nur um die Heimatverteidigung, sondern vor allem um weltweite Einsätze gehen wird. Denn anders als im beschaulichen Übungsdörfchen "Bonnland" mit Kirche und Fachwerkhäusern wird es in "Schnöggersburg" auch einen Slum mit mehreren hundert Hütten geben.

Der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Bundestages, der SPD-Politiker Wolfgang Hellmich, gibt sich überzeugt vom Konzept des neuen Trainingsgeländes: "Die Übungsstadt ermöglicht den Soldatinnen und Soldaten komplexe Szenarien des Einsatzes im bebauten Raum zu üben."

Auch Polizei und andere NATO-Staaten dürfen trainieren

Mit der neuen Ausbildungsanlage wird laut Bundeswehr auch ein "technisches Upgrade" der Simulationstechnik verfolgt. Die liefert der Rüstungskonzern Rheinmetall und soll präziser und realitätsnäher funktionieren als die Geräte aus den 1990er-Jahren, die im Gefechtsübungszentrum bislang verwendet werden. "Dies bieten wir auch unseren Bündnispartnern in der NATO und der EU, sowie der Polizei an", sagt Hellmich.

Das wird wohl auch nötig sein, denn das fast sechs Quadratkilometer große Gelände wäre für die Bundeswehr allein vermutlich deutlich zu groß. Von gemeinsamen Manövern mit NATO-Partnern und anderen Verbündeten erhofft sich die Bundeswehr eine "signifikante Erhöhung der Interoperabilität", soll heißen: eine bessere und reibungslosere Zusammenarbeit in möglichen Auslandseinsätzen. 2018 soll der Übungsbetrieb aufgenommen werden. Komplett fertig gestellt sein soll "Schnöggersburg" bis 2020.

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Schnöggersburg - Geisterstadt nach deutschem Baurecht (Oktober 2015)

Gebäude in Schnöggersburg

Mitten in der Provinz Sachsen-Anhalts baut sich die Bundeswehr eine ganze Kleinstadt - um den Häuserkampf zu trainieren. Die Gebäude sind teilweise mehrere Stockwerke hoch. | Bildquelle: Bundeswehr/Rott

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