Menschen gedenken der Opfer am Breitscheidplatz in Berlin | Bildquelle: REUTERS

Hinterbliebene von Terroropfern "Das Menschliche bleibt auf der Strecke"

Stand: 22.03.2017 02:02 Uhr

Erst die Rechnung aus dem Leichenschauhaus, dann das Kondolenzschreiben. Viele Hinterbliebene der Opfer des Berliner Terroranschlags fühlen sich im Stich gelassen. Der Opferbeauftragte Weber fordert besonders eine Veränderung.

Von Alexander Steininger, tagesschau.de

Die Kritik war deutlich: Er habe mehrere Tage im Krankenhaus gelegen, berichtet ein Mann, der am 19. Dezember am Berliner Breitscheidplatz von dem LKW erfasst wurde, mit dem der Islamist Anis Amri zwölf Menschen tötete und mehr als 50 verletzte. Seine Beine seien von dem tonnenschweren Fahrzeug überrollt worden. Neben ihm seien noch etwa zehn weitere Verletzte in demselben Krankenhaus gewesen - dennoch hätte niemand von offizieller Seite die Terroropfer besucht. "Da hätte doch irgendjemand zumindest mal Hallo sagen können", sagte der Student der Deutschen Welle.

Ein Lastwagen ist in den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche gerast und steht zwischen zerstörten Buden. | Bildquelle: REUTERS
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Mit einem Lastwagen tötete Anis Amri zwölf Menschen und verletzte Dutzende.

Berichte wie diese gab es in den Tagen und Wochen nach dem Anschlag viele, erklärt der Berliner Opferbeauftragte Roland Weber gegenüber tagesschau.de. Einige Beispiele: Eine Familie musste drei Tage warten, bevor sie von der Polizei die Bestätigung bekam, dass ein Angehöriger unter den Todesopfern war; die Hotline der Berliner Polizei für Angehörige sei dauerhaft überlastet gewesen - über Tage hinweg; das offizielle Kondolenzschreiben des Berliner Bürgermeisters Michael Müller brauchte zwei Monate - eine Rechnung über 51 Euro der Berliner Charité für die "Untersuchung eines Toten einschließlich Feststellung des Todes und Ausstellung eines Leichenschauscheins" erreichte viele Angehörige dagegen schon nach wenigen Tagen.

"Im Stich gelassen"

"Viele Opfer und Hinterbliebene fühlten sich von den Behörden im Stich gelassen", resümiert Weber. "Sie wussten nicht, wo sie Hilfe und Informationen bekommen - und wurden stattdessen noch mit wenig sensiblen Behörden-Anfragen belastet." Einige hätten auf eigene Faust in Krankenhäusern recherchieren müssen, wo ihre verletzten Angehörigen zu finden seien - angesichts der dramatischen Ereignisse eine Zumutung.

Der Berliner Opferbeauftragte Roland Weber
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Der Berliner Rechtsanwalt Weber ist ehrenamtlicher Opferbeauftragter.

Diesen Eindruck teilt auch der Operschutzverein Weißer Ring. "Opfer müssen darauf vertrauen können, dass es Verantwortlichen ernst damit ist, Täter angemessen zur Verantwortung zu ziehen und schnell und unkompliziert für erlittenes Leid zu entschädigen. Passiert das nicht, geht das Vertrauen in ein gut funktionierendes Rechtssystem verloren", erklärt Bundesgeschäftsführerin Bianca Biwer im Gespräch mit tagesschau.de.

Finanzielle Folgen

Zufriedenstellender dagegen lief laut Weber die finanzielle Entschädigung der Opfer und Hinterbliebenen. Deren Belastungen wurden zum einen durch staatliche Mittel aufgefangen: Mehr als 600.000 Euro flossen laut Bundesjustizministerium bereits an "Härteleistungen". Weitere Gelder im Rahmen des Opferentschädigungsgesetzes (OEG) - beispielsweise für die Folgebehandlungen Schwerverletzter - kommen noch obendrauf. Zum anderen flossen bislang etwa 300.000 Euro an Spenden, etwa vom Roten Kreuz oder dem Weißen Ring. Allein die US-Popband One Republic, die wenige Tage zuvor den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz besucht hatte, spendete 100.000 Dollar.

Im Unterschied zur Germanwings-Katastrophe - wo Hinterbliebene und die Lufthansa sich einen langen Streit über die Höhe der Entschädigung liefern - kann der Opferbeauftragte Weber Klagen übers Geld nach dem Terroranschlag nicht feststellen. Und: "Mein Eindruck ist, dass Betroffenen in Deutschland recht gut geholfen wird, im Vergleich zu anderen Ländern." Zwar gebe es in vielen EU-Staaten hohe Einmalzahlungen; dafür gebe es hierzulande oft langfristige Zahlungen, etwa in Form einer Waisenrente oder eines Berufsschadensausgleichs.

Auch wenn ein Menschenleben nicht in Euro aufzurechnen ist, betont auch der Weiße Ring die Bedeutung einer unkomplizierten finanziellen Unterstützung etwa bei der medizinischen Betreuung: "Wichtig ist gerade für Terroropfer und Augenzeugen, schnell eine psychotraumatologische Beratung in Anspruch zu nehmen", sagt Biwer.

Kritik an Medienberichterstattung

Immer wieder ist auch Kritik an der Berichterstattung in den Medien zu hören: Während jeder das Gesicht, die Geschichte und sogar die Familie des Attentäters kenne, geraten die Opfer schnell in Vergessenheit. "Dass das Leid der Opfer öffentlich zu wenig thematisiert und oft auch in der medialen Berichterstattung zu wenig fokussiert wird, beobachten wir immer wieder", heißt es von Seiten des Weißen Rings.

Weber hält dagegen: Die meisten Opfer und Hinterbliebenen wollten gar nicht in den Medien auftauchen, entsprechende Anfragen würden zu über 90 Prozent abgelehnt. Allerdings hätten sich einige über aufdringliche Vertreter der Boulevardpresse beschwert, die den Anschlag zur Hetze gegen Flüchtlinge instrumentalisieren wollten. Auch hätte sich die Mehrheit der Betroffenen keine staatliche Trauerfeier mit prominenten Politikern für ihre verstorbenen Angehörigen gewünscht - zu privat sei ihnen das Abschiednehmen.

Zentrale Anlaufstelle, besserer Austausch

Was kann der Staat im Umgang mit Opfern und Hinterbliebenen von Terroranschlägen also verbessern? Weber hat dazu ein Thesenpapier erarbeitet, in dem er alle Versäumnisse der Behörden auflistet und konkrete Verbesserungsvorschläge macht. Der wichtigste Punkt dabei: Eine zentrale Anlaufstelle, bei der Betroffene Informationen erfragen können und Hilfestellung bekommen. Außerdem brauche es einen verbesserten Datenaustausch zwischen Feuerwehr, Polizei, Krankenhäusern und Justiz. Das Papier liegt der Berliner Politik bereits vor, damit Betroffene - sollte es einen weiteren Anschlag geben - künftig optimal betreut und versorgt werden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 22. März 2017 um 09:00 Uhr.

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