Ein Flüchtling bei der Taufe in Hamburg | Bildquelle: Claudia Drexel/NDR

Massentaufen von Flüchtlingen Glaube, Zweifel, Verantwortung

Stand: 25.02.2016 17:44 Uhr

Sie kommen aus dem Iran, aus Afghanistan, aus Pakistan - in ihren Heimatländern können Christen ihren Glauben nicht leben. In Deutschland wachsen die Gemeinden, in Schwimmbädern gibt es Massentaufen von Flüchtlingen. Für alle Beteiligten eine große Verantwortung.

Von Claudia Drexel, NDR

Ein kurzes Eintauchen nur, eine Sekunde unter Wasser - danach ist für Benjamin nichts mehr wie es war. Der junge Iraner, 25 Jahre alt, ist jetzt Christ. Getauft in einem städtischen Schwimmbad in Hamburg vom Pastor der persischen Gemeinde. In seinem Heimatland droht Muslimen, die zum Christentum konvertieren, die Todesstrafe. Benjamin strahlt: "Heute beginnt mein neues Leben. Ich gehöre jetzt zu Jesus."

Nicht nur Benjamin ist entschlossen. Am Beckenrand des Schwimmbads warten mehr als 70 weitere Täuflinge in weißen Kleidern, mehr als 600 sollen allein in diesem Jahr in der Gemeinde getauft werden. Auch andere Gemeinden verzeichnen einen Zustrom von Flüchtlingen. Die Dreieinigkeits-Gemeinde in Berlin etwa hat im vergangenen Jahr 185 Menschen getauft, die neuen Glaubenskurse sind voll.

Flüchtlinge konvertieren zum Christentum
tagesthemen, 25.02.2016, Claudia Drexel, NDR

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"Warum in Angst leben?"

Die vorgetragenen Gründe für den Glaubenswechsel ähneln sich, sagt Pastor Albert Babajan: "Viele sagen, sie seien enttäuscht vom Islam." Genau wie Benjamin: "Im Iran habe ich begonnen, mich mit verschiedenen Religionen zu beschäftigen. Und dann habe ich mich gefragt, warum ich eigentlich die ganze Zeit in Angst lebe." In Hamburg hat er dann zwei iranische Christen getroffen und so seine neue Gemeinde gefunden. Die sieht sich aufgrund des Ansturms schon nach größeren Räumen um. Und auch andere Gemeinden in Deutschland berichten, dass ihre Kirchenbänke sich wieder füllen - mit Konsequenzen für alle Beteiligten.

Taufe als Grund für Asylgewährung?

Für die Behörde ist die Taufe ein sogenannter "selbst geschaffener Nachfluchtgrund". Und somit ein Teil in der Biografie des Asylsuchenden, der genauer untersucht werden muss. Schließlich führt laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) die Konversion eines Asylbewerbers - selbst wenn sie gerade erst erfolgt ist - zur "Schutzgewährung, wenn dem Asylbewerber wegen seines Glaubensübertritts im Heimatland Verfolgung droht." Am Ende geht es um die Frage: Meint es der Täufling ernst mit dem christlichen Glauben oder konvertiert er fürs Asyl? Aber wie lässt sich das feststellen? Kirchen und Behörden sind sich da nicht immer einig.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat schon vor einer Weile einen Leitfaden für Gemeindepfarrer erarbeitet, der dabei helfen soll, angemessen mit den Taufanfragen umzugehen. Die Kirche freue sich, heißt es darin, dass für Menschen aus Ländern wie dem Iran, Afghanistan und Pakistan "das Christsein eine besondere Attraktivität entfaltet". Andererseits übernehme die Kirche mit der Taufe auch eine besondere Verantwortung: "Es kann für den Asylbewerber wichtig sein, vom Pfarrer oder der Pfarrerin (...) zur Anhörung vor der Behörde oder zu Gericht begleitet zu werden." Was sie dort erleben, bewerten Kirchenvertreter allerdings oft kritisch.

Flüchtlingstaufe in Hamburg | Bildquelle: Claudia Drexel/NDR
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Flüchtlingstaufe in Hamburg

EKD gegen "Glaubensprüfungen"

So fallen Anhörungen mitunter sehr unterschiedlich aus, abhängig etwa vom persönlichen Hintergrund der Prüfer. Sie stellen Fragen nach der religiösen Identität ("Warum brauchen Sie denn überhaupt eine Religion?") ebenso wie Sachfragen ("Wie viele Tage liegen zwischen Ostern und Pfingsten?"). Eine Pastorin berichtet, wie sie bezeugen sollte, dass ein Asylbewerber aktiv in der Gemeinde ist: mit ihrem eigenen Wort plus 30 Unterschriften von deutschen Mitgliedern.

Durch solche Anfragen fühlen sich Kirchenvertreter auch angegriffen. "Grundsätzlich bleibt es problematisch, dass das Kernhandeln der Kirche von staatlichen Stellen überprüft wird und damit den Kirchen unterstellt wird, dass sie bei der Sakramentszulassung nicht sorgfältig genug vorgehen", meint etwa Pfarrer Martens aus Berlin. Auch die EKD hinterfragt in ihrem Papier die Sachkompetenz der Behörden: "Glaubensprüfungen sind aus kirchlicher Sicht zu unterlassen." Das BAMF stimmt insofern zu, als dass die Anhörung nicht "auf ein reines Glaubensexamen hinauslaufen dürfe". Allerdings müsse genau geklärt werden, wie der Asylbewerber seinen neuen Glauben bei Rückkehr in sein Heimatland leben wird.

Konversion verhindert Abschiebung nicht immer

Pastor Albert Babajan zweifelt nicht an seinen Täuflingen. Die Gemeinde will missionieren. Bevor jemand in der persischen Gemeinde getauft wird, muss er einen mehrmonatigen Glaubenskurs durchlaufen. Dort stehen die Bibel und das christliche Jahr auf dem Stundenplan, dazu aber auch die deutsche Sprache. Nicht jeder wird danach getauft, meint der Pastor: "Wenn ich den Eindruck habe, dass jemand nicht von Herzen glaubt, dann muss er den Kurs eben noch mal machen." Die meisten Täuflinge aber blieben nach ihrem Glaubenswechsel aktive Mitglieder der Gemeinde.

Doch der Wechsel zum christlichen Glauben verhindert die Abschiebung nicht in jedem Fall. In einer schleswig-holsteinischen Gemeinde, die nicht genannt werden will, stehen gerade drei Asylbewerber vor der Abschiebung: "Ich mache mir große Sorgen", sagt die Pastorin. Der iranische Neu-Christ Benjamin aus Hamburg will nicht in den Iran zurück: "Ich sehe dort keinen Platz mehr für mich, will einfach nur in Freiheit leben." Das Risiko einer Abschiebung sei ihm bewusst: "Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass ich auf dem richtigen Weg bin." Und dieser Weg beginnt in der Umkleidekabine des städtischen Schwimmbads.

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