Bundeswehr-Truppe | Bildquelle: dpa

"Tag der Bundeswehr" Charmeoffensive mit der Gulaschkanone

Stand: 09.06.2018 05:01 Uhr

Die deutschen Streitkräfte präsentieren sich heute beim "Tag der Bundeswehr". Bei der Waffenschau mit Erbsensuppe aus der Gulaschkanone geht es vor allem um die Nachwuchswerbung.

Von Christian Thiels, ARD-Hauptstadtstudio

In den 1980er-Jahren, als der Kalte Krieg die Welt übersichtlich machte, zog die Bundeswehr mit ihrer Ausstellung "Unser Heer" durch die Lande. Auf staubigen Sportplätzen in der Provinz landeten Hubschrauber, fuhren Panzer hin und her, und es gab Erbsensuppe und die Gewissheit, dass man für den unwahrscheinlichen Fall eines Angriffs auf die Heimat gerüstet war.

Heute sind die Ziele des "Tags der Bundeswehr" andere. Man wolle die "Verbundenheit mit der Gesellschaft" demonstrieren, teilte die Bundeswehr mit. Das ist wohl auch dringend erforderlich, denn die Streitkräfte sind nach Jahren der Schrumpfung im Alltag kaum noch präsent.

Werbung an 16 Standorten - bundesweit

"Es geht darum, die Bundeswehr sichtbar zu machen", sagt der Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels im Gespräch mit dem ARD-Hauptstadtstudio. Und deshalb hob man im Jahr 2015 den "Tag der Bundeswehr" aus der Taufe. An 16 Standorten in Deutschland findet heute eine Art Tag der offenen Tür statt.

Grundsätzlich sei das schon in Ordnung, sagt SPD-Verteidigungsexperte Fritz Felgentreu. "Man kann das in Sachen Imagewerbung schon machen, aber wenn man es macht, dann kann man es doch auch etwas komplexer anlegen." Der Tag sei doch eine "gute Gelegenheit, über Konzepte der Sicherheitspolitik zu sprechen", sagte er.

Auch die Ministerin ist dabei

Tatsächlich sind Diskussionsrunden zur Rolle Deutschlands in der Welt oder zur vielzitierten Verantwortung der Bundesrepublik eher Mangelware bei den Veranstaltungen. Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen selbst ist vor Ort in Oldenburg. Ihre Rede wird als Videobotschaft an allen Veranstaltungsorten gezeigt. In Oldenburg selbst finden erstmals zeitgleich auch die Deutschen Reservistenmeisterschaften statt - eine Art militärischer Wettkampf im Schießen, Marschieren und Klettern.

"Welch Symbolik!", jubelt die Bundeswehr-Internetseite, gehe es doch beim "Tag der Bundeswehr" grundsätzlich um die Verbundenheit der Gesellschaft mit der Truppe: "So bilden die Reservisten eine Brücke zwischen den Streitkräften und der Öffentlichkeit."

Verteidigungsministerin von der Leyen | Bildquelle: dpa
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Verteidigungsministerin von der Leyen reist am "Tag der Bundeswehr" nach Oldenburg.

Zwischen Entschärfungsrobotern und Sonderstempeln

Auf dem Programm steht aber ansonsten eher Gefälliges. In Ingolstadt etwa wird fast wie für einen Freizeitpark geworben: "Seien Sie Teil der Besatzung eines Motorbootes auf der Donau, suchen Sie selbst nach 'Minen', steuern Sie einen Entschärfungsroboter, und fahren Sie mit verschiedenen Bundeswehrfahrzeugen durch das Gelände."

In Mannheim lockt man so: "Erleben Sie einen spannenden Tag mit zahlreichen Vorführungen, Live-Musik und diversen Leckereien." Die Veranstalter setzen neben dynamischen Vorführungen von Militärgerät auch auf Militär-Folklore wie die traditionelle Erbsensuppe aus der Gulaschkanone, und Briefmarkenfreunde können sich im Feldpostamt Sonderstempel geben lassen.

Das alles klingt nicht nach ernsthafter Auseinandersetzung um Sinn und Zweck von Streitkräften in der Demokratie, sondern nach Nachwuchswerbung mit Volksfestcharakter.

"Massives Personalproblem"

Und neues Personal hat die Bundeswehr auch dringend nötig. Rund 170.000 Zeit- und Berufssoldaten dienen derzeit in der Truppe. Die Zahl stagniert - und das trotz aller Bemühungen, mehr Männer und Frauen für den Dienst zu begeistern. Von der Leyen verkündete bereits vor vier Jahren, dass sie aus der Bundeswehr den attraktivsten Arbeitgeber Deutschlands machen wollte.

Besonders erfolgreich waren ihre Bemühungen allerdings nicht. "Die Truppe hat ein massives Personalproblem", sagt der Wehrbeauftragte. Die Bundeswehr soll auf 198.000 Soldatinnen und Soldaten wachsen und "die wären auch nötig, um alle Aufträge zu bewältigen“, so Bartels. Doch in diesem Jahr hat das Ministerium sich nur die bescheidene Zielmarke von 173.300 Männer und Frauen in Uniform gesetzt.

Der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hans-Peter Bartels | Bildquelle: CLEMENS BILAN/EPA-EFE/REX/Shutte
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Der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hans-Peter Bartels: "Die Schlagzeilen der vergangenen Zeit waren schwierig."

Zweifel des Wehrbeauftragten

Ob das überhaupt erreicht werden kann, daran hat auch der Wehrbeauftragte seine Zweifel. "Die Schlagzeilen der vergangenen Zeit waren schwierig", sagt Bartels. Er spielt auf vermeintliche und tatsächliche Skandale in der Truppe an. "So manches wurde da auch ohne Not vom Ministerium aufgebauscht", sagt er - zum Beispiel Angeblicher sexueller Missbrauch, der sich nicht bestätigte.

Und dann ist da natürlich die Ausrüstungsmisere. "Wer soll das attraktiv finden, wenn man die Leute mit einer Pilotenausbildung lockt und dann kaum einsatzfähige Flugzeuge hat?", fragt Bartels.

In Wunstorf immerhin ist auch dafür etwas beim "Tag der Bundeswehr" geplant - dort könne man "Transportflugzeuge, Kampfjets und Helis beim Flugprogramm live erleben", kündigte die Bundeswehr an.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 09. Juni 2018 um 04:50 Uhr.

Korrespondent

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Christian Thiels, SWR

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