Jochen Brühl,  | Bildquelle: imago/epd

Aufnahmestopp für Ausländer Tafel-Chef kontert Merkel-Kritik

Stand: 01.03.2018 17:23 Uhr

In der Debatte um den Aufnahmestopp für Ausländer an der Essener Tafel hat der Tafel-Bundesverband die Kritik von Kanzlerin Merkel zurückgewiesen. Die Entwicklung sei auch eine Folge deutscher Sozialpolitik.

Der Vorsitzende der Tafeln in Deutschland, Jochen Brühl, hat mit Unverständnis auf die Kritik von Bundeskanzlerin Angela Merkel am Aufnahmestopp für Ausländer bei der Essener Tafel reagiert. "Wir lassen uns nicht von der Kanzlerin rügen", sagte Brühl der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Die aktuelle Entwicklung sei eine Konsequenz von Merkels Politik.

Brühl sagte, er erwarte von einer Bundeskanzlerin, "sich deutlich vor die Tafeln, ihre Arbeit und die Ehrenamtlichen zu stellen". Grundsätzlich solle die Politik sich um diejenigen kümmern, die abgehängt sind. Die Parteien sollten nicht an den Rand gehen, sondern die Leute wieder in die Mitte holen.

"Enormes Armutsproblem" der wirkliche Skandal

Brühl kritisierte, dass Kritiker sich kein Bild von der Arbeit und den Umständen vor Ort gemacht hätten, nachdem die Essener Tafel entschieden hatte, vorerst nur noch Deutsche neu in die Liste bedürftiger Menschen aufzunehmen. Es gehe nicht um Deutsche und Ausländer, sondern um Menschen in Not.

Es mache ihn wütend, "dass die Skandalisierung eines lokalen Vorgangs den wirklichen Skandal verdrängt", sagte er. Deutschland habe ein "enormes Armutsproblem". Es habe einen "unfassbaren Niedriglohnsektor" und "unzureichende Grundsicherung", zudem gebe es eine "unausgegorene Zuwanderungspolitik". Die politischen Rahmenbedingungen müssten verbessert werden. "Das ist nicht die Aufgabe der Tafel. Das ist Aufgabe des Staates."

Merkel hatte die Entscheidung der Essener Tafel am Montag in einem Fernsehinterview kritisiert. "Da sollte man nicht solche Kategorisierungen vornehmen", sagte sie. "Das ist nicht gut." Sie hatte aber darauf hingewiesen, dass dies den Druck zeige, den es gebe.

Der Eingang der Essener Tafel | Bildquelle: dpa
galerie

Die Entscheidung der Essener Tafel, vorerst keine Menschen mit Migrationshintergrund mehr aufzunehmen, stieß bundesweit auf Kritik.

Rückendeckung vom Sozialdezernenten

Die Essener Tafel hatte den seit Januar geltenden Aufnahmestopp für Ausländer mit deren hohem Anteil an den Kunden der Tafel begründet. Zuletzt seien immer weniger Einheimische zur Lebensmittelausgabe gekommen, gerade ältere Frauen hätten sich von jungen, fremdsprachigen Männern abgeschreckt gefühlt.

Der Essener Sozialdezernent Renzel verteidigte im WDR5-"Morgenecho" die Entscheidung der Tafel. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter seien mit dem Ansturm von Migranten nicht mehr zurechtgekommen, sagte Renzel. "Es gab viele junge Männer, die andere verdrängt haben."

Dem Vorstand der Tafel gehe es darum, eine Balance wiederzufinden und die Bedürftigen zu versorgen, die man unbedingt erreichen wolle, "nämlich Seniorinnen und Senioren, Alleinerziehende und Eltern mit minderjährigen Kindern". Rassismusvorwürfe wies Renzel zurück: Die ehrenamtlichen Mitarbeiter versorgten in Essen rund 6000 Menschen, von denen Hunderte Migranten seien.

Die Vereinsvorsitzende der Marler Tafel, Renate Kempe | Bildquelle: dpa
galerie

Die Vereinsvorsitzende der Marler Tafel, Renate Kempe, verteidigt den Aufnahmestopp für alleinstehende Männer.

Aufnahmestopp auch in Marl

Auch bei der Tafel im nordrhein-westfälischen Marl gelten derzeit Einschränkungen bei der Aufnahme von Neukunden. Bereits seit einem halben Jahr würden keine alleinstehenden jungen Männer mehr aufgenommen, sagte die Vorsitzende Renate Kampe. Die Regelung gelte für Deutsche und für Ausländer. Familien oder Alleinerziehende mit Kindern und Rentner könnten weiterhin unabhängig von ihrer Nationalität zur Tafel kommen.

"Das Hauptproblem ist, dass wir nicht genug Ware haben", sagte Kampe. Deswegen dürften bereits seit längerem alle Kunden nur noch alle zwei Wochen in der Tafel einkaufen. Ausnahmen gebe es für Familien mit vielen Kindern. Medienberichte, wonach Respektlosigkeit von jungen Männern Frauen gegenüber der Grund für den Aufnahmestopp sei, wies Kampe zurück. "Wir werden mit dem Verhalten der jungen Männer gut fertig. Sie erkennen uns Frauen an", betonte sie.

Der Aufnahmestopp sei von den Kunden akzeptiert worden. Bis wann die Sperre gilt, sei noch unklar, so Kampe. Abgewiesene Antragsteller würden gebeten, alle vier Wochen wieder nachzufragen. Sobald wieder Kapazitäten frei würden, werde über eine neue Regelung nachgedacht.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. März 2018 um 17:00 Uhr in den Nachrichten.

Darstellung: