Zwei russische Soldaten stehen zwischen Metallbehältern mit Giftstoffen in einem Chemiewaffenlager in der Stadt Gorny | Bildquelle: AP

Gift im Fall Skripal Der Westen kannte Nowitschok schon früh

Stand: 16.05.2018 17:00 Uhr

Im Fall Skripal dreht es sich auch um die Frage, wer wann von Nowitschok wusste. Nun kommt heraus: Der Westen kennt das Gift schon lange - eine kleine Probe wurde dem deutschen Geheimdienst zugespielt.

Von Arne Hell, WDR, und Georg Mascolo, NDR/WDR

Es dauerte nur wenige Tage, da hatte das britische Speziallabor "Porton Down" die Antwort: Nowitschok heiße der Stoff, mit dem der Ex-Spion Sergej Skripal und seine Tochter Anfang März vergiftet wurden. Ein chemisches Kampfmittel, tödlicher als alles, was bisher bekannt war, entwickelt in der früheren Sowjetunion - und, nach Behauptung der britischen Regierung, noch im vergangenen Jahrzehnt im Russland Wladimir Putins hergestellt.

Verwundert fragten sich Beobachter, wie das Labor diesen Stoff so schnell identifizieren konnte, ohne dass jemals eine Probe davon aufgetaucht war. Die Antwort: Es gab eine Probe. Der Westen kannte Nowitschok.

Russischer Wissenschaftler gab Probe weiter

Beschafft hatte sie der deutsche Auslandsgeheimdienst BND: Wie gemeinsame Recherchen von WDR, NDR, "Süddeutscher Zeitung" und der "Zeit" zeigen, gab es Mitte der 1990er-Jahre eine streng geheime Operation, mit Wissen des Kanzleramts und des Verteidigungsministeriums. Demnach erhielt der BND seit den frühen 1990er-Jahren Informationen von einem russischen Wissenschaftler, der angab, an der Herstellung und Weiterentwicklung von Nowitschok zu arbeiten. Er bot an, eine Probe dieser relativ neuen Gruppe von Kampfstoffen zu besorgen, wie mehrere mit den Vorgängen vertraute Zeitzeugen bestätigt haben. Im Gegenzug verlangte der Überläufer einen sicheren Aufenthaltsstatus für sich und seine Familie.

Länder im Westen kennen Nowitschok seit den 90er-Jahren
tagesthemen 22:15 Uhr, 16.05.2018, C. Feld, G. Mascolo, A. Hell

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Im Kanzleramt war man damals offenbar unsicher, wie man mit dem Angebot umgehen soll. "Wir wollten auf keinen Fall den Eindruck erwecken, als würden wir uns selbst für solche Chemiewaffen interessieren", erinnert sich eine mit der damaligen Diskussion vertraute Person. Bundeskanzler Helmut Kohl hatte in den Jahren davor erreicht, dass die USA ihre Giftgasbestände aus Deutschland abziehen. Außerdem hatten die USA und Russland im sogenannten Wyoming-Abkommen ein weltweites Verbot von Chemiewaffen vereinbart.

Zwei Chemikalien - zusammen hochgefährlich

Die Lösung für das Dilemma: Die Probe wurde, nachdem sie die Frau des russischen Wissenschaftlers eingeschmuggelt hatte, direkt weitergereicht an ein Labor in Schweden und dort untersucht. Es dauerte mehrere Wochen, bis das Ergebnis vorlag. Dann war klar, es handelt sich um einen bisher unbekannten binären Kampfstoff. Dieser wird aus mindestens zwei Chemikalien hergestellt, die auch in der Landwirtschaft zum Einsatz kommen und für sich betrachtet harmlos sind. Erst die Mischung macht sie hochgefährlich.

Je nach Zusammensetzung lassen sich verschiedene Varianten von Nowitschok herstellen. Im menschlichen Körper sorgt das Gift dafür, dass ein Enzym blockiert wird, die Muskeln sich verkrampfen und letztlich das Herz stehen bleibt. Die NATO-Staaten besaßen kein Gegenmittel. 

An Deutschland soll damals nur die chemische Formel vom schwedischen Labor übermittelt worden sein, versichern Eingeweihte. Die Formel teilte der BND danach auf Anweisung des Kanzleramts mit seinen engen Partnern, auch mit Geheimdiensten in den USA und Großbritannien. Sechs Länder gründeten eine Arbeitsgruppe zu Nowitschok und sammelten über die Jahre weitere Informationen. Mindestens die USA haben wohl winzige Mengen nachgemacht, um Schutzvorkehrungen zu treffen.

Probe überführte Russland der Lüge

Helmut Kohl und Boris Jelzin im Juni 1998 in Berlin
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1998: Der russische Präsident Boris Jelzin und Bundeskanzler Helmut Kohl

Heikel für die damalige Bundesregierung war die Frage, wie sie sich gegenüber der russischen Regierung verhalten sollte. Mit der Nowitschok-Probe war bewiesen, dass Russland nicht nur in der Vergangenheit über das Ende seiner Chemiewaffenproduktion gelogen hatte, sondern dass es auch bei den Verhandlungen über die UN-Konvention nicht alles offen gelegt hatte.

Bundeskanzler Kohl wollte allerdings offenbar die guten Beziehungen zu Russlands Präsidenten Boris Jelzin nicht gefährden. Es wurde entschieden, das Wissen um Nowitschok nicht öffentlich zu machen. Bei einem Treffen in Moskau wurde der russischen Seite lediglich klargemacht, dass ihr Programm enttarnt ist. Druck zur Veröffentlichung oder Vernichtung des Stoffes wurde offenbar nicht gemacht.

"Nowitschok hatte damals nicht die Bedeutung"

"Das muss man auch mal in der Größenordnung sehen", erinnert sich Hans Rühle, in den 1980er-Jahren Leiter des Planungsstabes des Bundesverteidigungsministeriums und seitdem Experte für Chemiewaffen. "Bei allen anderen chemischen Waffen, die die Russen ja haufenweise hatten, haben sie mitgespielt." Die Bestände wurden mit finanzieller Hilfe aus dem Westen nach und nach zerstört. "Das waren riesige Programme. Und dagegen steht jetzt dieses winzige Ding von Nowitschok, das eben nicht die Bedeutung hatte, die es heute hat."

Nervengift Nowitschok

Die Sowjetunion hat unter der Bezeichnung Nowitschok (zu deutsch Neuling) zwischen den 1970er- und 1980er-Jahren eine Serie neuartiger Nervenkampfstoffe entwickelt. Die rund 100 Varianten gehören zu den berüchtigsten Nervenkampfstoffen, die jemals hergestellt wurden. Sie können über die Haut und die Atmung in den Körper gelangen.

Das Gift ist nur schwer nachzuweisen, die Überlebenschancen der Opfer sind gering. Selbst übliche Gegenmittel wie Atropin können meist nur wenig ausrichten. Die englische Schreibweise der Kampfstoffe lautet Novichok.

Das Kanzleramt, das Verteidigungsministerium und der BND wollten die damalige Operation auf Anfrage nicht kommentieren, aus Gründen der Geheimhaltung. Man gebe "bei nachrichtendienstlichen Angelegenheiten grundsätzlich nur den geheim tagenden Gremien des Deutschen Bundestages" Auskunft. Nach Informationen von WDR, NDR, "SZ" und der "Zeit" arbeitet die Bundesregierung inzwischen aber daran, die Vorgänge von damals zu rekonstruieren. 

Der russische Wissenschaftler, der dem BND die Probe besorgt hatte, soll nach den Aussagen von Eingeweihten jahrelang von deutschen Sicherheitsbehörden geschützt worden sein. Ihm sei es nie um Geld gegangen, heißt es, er sei ein Idealist. Bis heute fürchtet er offenbar um sein Leben.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 16. Mai 2018 um 17:00 Uhr.

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