Sag's mir ins Gesicht

Tagesschau-Aktion zu Hatespeech "Sag's mir ins Gesicht"

Stand: 28.05.2017 07:38 Uhr

"Hure", "Verbrecher", "Volksverräter" - solche Beleidigungen sind Alltag in Diskussionen im Netz. Eine laute Minderheit dominiert digitale Diskursräume. Mit der Aktion "Sag's mir ins Gesicht" will die Tagesschau nun etwas dagegen unternehmen.

Von Anna-Mareike Krause, Teamleitung Socialmedia der Tagesschau

Es dauerte nach dem Posting nur wenige Minuten, dann wurde Anja Reschke als "Hure", als "Tussi", als "Blondinchen" bezeichnet, sie beschmiere "alle Deutschen mit Nazi Scheiße" oder man könne ihre "arrogante Fresse" nicht mehr sehen.

Das sind nur fünf Beispiele von vielen, die uns in der vergangenen Woche auf unserer Facebook-Seite erreicht haben. Kommentare einer lauten Minderheit, die soziale Netzwerke als konfliktreichen Austragungsort ihrer Ansichten benutzt und dabei keine Rücksicht nimmt auf die Mehrheit der Userinnen und User, die sich konstruktive Diskussionen wünscht - ohne Hass und rechte Hetze.

Soziale Netzwerke sind öffentliche Räume

Die Diskurskultur in sozialen Netzwerken ist eine gesellschaftliche Herausforderung. 30 Millionen Menschen in Deutschland nutzen Facebook, das sind mehr Menschen, als die Einwohner von Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg zusammen. Unter den 16- bis 24-jährigen nutzen 89 Prozent mindestens ein Netzwerk - also fast alle. Damit sind die sozialen Plattformen öffentliche Räume. Wenn also Hass, Verleumdungen, Hetze oder Lügen oder einfach die Lautstärke die Diskussionen in den Räumen prägen oder vergiften, dann wird Millionen Userinnen und Usern ein Raum zum Austausch und Diskurs genommen.

Die Tagesschau erlebt diese Entwicklung selbst. Mit der Aktion "Sag's mir ins Gesicht" wollen wir etwas dagegen unternehmen. Das Ziel: die Diskussionskultur im Netz verbessern und ein Zeichen gegen den zunehmenden Hass setzen. Wir wollen das Bewusstsein dafür stärken, dass Hass kein Teil einer gesunden Diskussionskultur ist und für mehr Respekt eintreten. 

Hass im Netz ist nicht neu ...

Dabei ist an sich nicht neu, dass im Netz gehasst wird. Schon in den 1980er-Jahren verbreiteten rechte und rechtsextreme Gruppen rassistische und antisemitische Hasspropaganda in Foren. Seit vor etwas mehr als zehn Jahren soziale Netzwerke gegründet wurden, erreichen Hass und Menschenverachtung auch Menschen, die sich nicht in entsprechenden Gruppen austauschen. Breite öffentliche Aufmerksamkeit erhält das Thema, seit der Hass im Netz in den Communities von Medienhäusern ausgetragen wird.

... aber dass er offen geäußert wird

Neu ist, dass Hetze und Beleidigungen offen geäußert werden. Vulgäre Beschimpfungen, Bedrohungen oder menschenfeindliche Äußerungen werden nicht verklausuliert veröffentlicht und auch nicht anonym. Der User, der an eine ARD-Korrespondentin gerichtet schrieb, "Stirb, dumme Neger-Fotze", tat dies unter Klarnamen.

Auf seinem Facebook-Profil konnte man lesen, wo er wohnt, wie viele Kinder und Enkelkinder er hat. Das zeigt, dass offen menschenfeindliche Positionen nicht mehr versteckt werden, weil die Verfasser diese Positionen innerhalb des gesellschaftlichen Wertekonsens positionieren. Sie sagen diese Dinge mit ihrem Klarnamen, sichtbar für Familie und Freunde.

Heute erhalten wir jeden Tag 12.000 Kommentare auf Facebook. Noch vor rund zwei Jahren waren dies nur knapp 3000 am Tag, also allein die Menge hat sich seit Anfang 2015 vervierfacht.  Wie groß der Anteil der Kommentare ist, die Hassbotschaften beinhalten, lässt sich nur schwer beziffern. Denn das variiert aufgrund vieler Faktoren, vor allem aber aufgrund der Nachrichtenlage.

Auch wir sind Zielscheibe geworden

Alle Themen, die mit Migration oder Flucht zu tun haben, ziehen Hasskommentatoren an, ebenso wie Nachrichten aus den USA, aus Israel oder aus der Türkei. Gleiches gilt aber auch für Themen, in denen es um Ungerechtigkeit oder Diskriminierung in der deutschen oder europäischen Gesellschaft geht. Sexualisierte Gewalt, Rechte von Frauen oder von Homosexuellen sind Themen, bei denen wir sehr viel wütende oder sogar menschenverachtenden Kommentare lesen.

Und wir sind selbst Ziel von Hassbotschaften geworden. In einigen dieser Fälle werden Journalistinnen und Journalisten nicht persönlich angegriffen, der Hass richtet sich gegen uns als Institution oder die Berufsgruppe und kann schon dadurch ausgelöst werden, dass dem User nicht gefällt, was wir inhaltlich berichten.

"Guardian": Hass häufiger gegen Frauen

Wenn der Hass sich aber gegen Journalistinnen und Journalisten als Personen richtet, geht es oft nur teilweise um die Inhalte, die jemand berichtet. Relevant für den Hass ist auch, wer diese Inhalte berichtet. Der britische "Guardian" hat vor einem Jahr die Untersuchung von 70 Millionen Leserkommentaren veröffentlicht.

Das Ergebnis: Von den zehn Autorinnen und Autoren des "Guardian", die die meisten Hasskommentare erhielten, waren acht Frauen. Die beiden Männer waren nicht weiß. Auch der Hass, der der ZDF-Journalistin Dunja Hayali nach ihrer vielbeachteten Berichterstattung von Pegida-Demonstrationen entgegen schlug, wurde noch dadurch befeuert, dass sie eine Frau ist, mit Migrationsgeschichte in der Familie, und homosexuell. Viele der Hetzkommentare bezogen sich darauf.

Gesichtlosigkeit verstärkt Hass

Zahlreiche Studien legen nahe, dass nicht die vermeintliche Anonymität im Netz den Hass verstärkt, sondern die Tatsache, dass man das Gesicht der anderen Person nicht sieht. Würde man hetzen und beleidigen, wenn man der beschimpften Person direkt gegenübersteht und ihre Reaktion unmittelbar mitbekommt? Würden sich die Verfasser von Hasskommentatoren das trauen?

Diese Fragen haben wir uns gestellt. Unsere These lautet: Hass sagt man nicht so leicht ins Gesicht. In einem Experiment wollen wir diese These überprüfen.

Wir fordern die Hasskommentatoren heraus!

In einer Reihe von Live-Events fordern ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke, NDR-Innenpolitik-Chefin Anja Reschke und WDR-Kollegin Isabel Schayani die Verfasser von Hasskommentaren auf, sich ihnen im Video-Dialog zu stellen. Alle drei sind selbst häufig Ziel von Hetzkommentaren und Beleidigungen.

Trauen sich die Verfasser, ihnen das per Videochat ins Gesicht zu sagen? Nennt man eine Journalistin "Hure", wenn die beschimpfte Person live auf der anderen Seite der Videoleitung sitzt? Finden Sie es mit uns raus. Hier klicken.

Über dieses Thema berichteten am 29. Mai 2017 tagesschau24 um 11:00 Uhr und die tagesschau um 12:00 Uhr.

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