Yassin Mohammed Sheik vor seinem Wohncontainer in Hamburg-Bahrenfeld.

Flüchtlinge in Deutschland Andere Länder, andere Sitten

Stand: 22.09.2015 11:45 Uhr

Wer nicht sofort wieder abgeschoben wird, für den beginnt nach der Flucht eine neue Herausforderung: die Eingewöhnung in eine neue Gesellschaft. Ehemalige Flüchtlinge aus Syrien, Eritrea und Afghanistan berichten.

Von Johannes Groß für tagesschau.de

Ihre Fluchtgründe waren unterschiedlich, ihr Ziel war identisch: Deutschland. Nun sind sie hier, lernen die Sprache und gewöhnen sich an die neue Umgebung. Dabei wird vielen Flüchtlingen bewusst, wie groß die Unterschiede zwischen alter und neuer Heimat sind.

Große Hunde und kurze Hosen

Zu viert auf 15 Quadratmetern, kaum Privatsphäre. So sah der Alltag von Mouhanad Abdalkahlik aus, als er vor einem Jahr nach Deutschland kam. Mit seiner Frau und seinen beiden Kindern lebte der 45-Jährige monatelang in einem Containerdorf im Hamburger Westen. Einerseits war das nach der strapaziösen Flucht ein sicherer Ort, andererseits ein großer Kontrast zu seinem alten Leben im Zentrum von Damaskus. "Es war sehr schwer hier am Anfang", blickt er zurück, "wir haben immerhin unsere Heimat verlassen." Ein neues Land, eine neue Sprache - und andere Sitten. "In Syrien küssen sich die jungen Leute nicht so offen auf der Straße. Sie machen das eher zu Hause", vergleicht Abdalkahlik. "Auch dass viele Frauen hier in sehr kurzen Hosen herumlaufen, das kannten wir so nicht."

Lernt täglich Deutsch: Mouhanad Abdalkahlik.
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Lernt täglich Deutsch: Mouhanad Abdalkahlik. Bildquelle: Johannes Groß

Ein bisschen Angst hatte der gelernte Ingenieur anfangs "vor den vielen großen Hunden". Ein weiterer wesentlicher Unterschied zu seiner Heimatstadt Damaskus: Der Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit, besonders an den Wochenenden. Mittlerweile haben er und seine Familie sich aber an all diese Punkte gewöhnt: "Es hat ein, zwei Monate gedauert. Jetzt ist es normal." Das gilt auch immer mehr für die deutsche Sprache. Abdalkahlik besucht montags bis freitags einen Deutschkurs im Stadtteil Altona. Seine Kinder sprechen die neue Sprache bereits fließend, übersetzen sogar schon bei Behördenterminen. In wenigen Tagen wird die Familie eine eigene Wohnung in einem Hamburger Vorort beziehen: "Wir wollen in Freiheit leben, denn wir lieben die Freiheit."

"Jeder kann sagen, was er denkt"

Eigentlich wollte er nach Dänemark. Gelandet ist er in Lübeck: Aziz Nabizada lebt seit vier Jahren an der Ostsee. Anfangs in einem Kinderheim, da er noch minderjährig war. Heute wohnt der 21-jährige Afghane zur Untermiete bei einer deutschen Familie. "Es ist eine ganz andere Welt hier, das kann man nicht vergleichen. Ich habe mich vor meiner Flucht über Europa informiert", erinnert er sich, "aber es war dann doch ein Schock. Weil die Leute hier so offen sind." Mittlerweile habe er sich auf die neue Kultur eingestellt. Er hat Freunde gefunden, spricht fließend Deutsch. "In Afghanistan muss man aufpassen, was man sagt. Hier kann jeder sagen, was er denkt", vergleicht Nabizada.

Aziz Nabizada will sich für Frauenrechte einsetzen.
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Aziz Nabizada will für Frauenrechte kämpfen. Bildquelle: privat

Vor seiner Flucht hatte er in Kabul ein Jurastudium aufgenommen. In Deutschland studiert er momentan Bauingenieurwesen. Nach der Ausbildung will er in sein Heimatland zurückkehren und sich bei einer Frauenrechtsorganisation engagieren. Denn der Umgang mit Frauen sei einer der deutlichsten Unterschiede zwischen seiner alten und neuen Heimat: "Viele Afghanen wurden dazu erzogen, Frauen wie Menschen zweiter Klasse zu behandeln." Es sei Zeit, das zu ändern.

Nie wieder zurück

Menschenrechtsverletzungen, religiöse Verfolgung und die Unterdrückung der freien Presse sind in Eritrea an der Tagesordnung. Yassin Mohammed Sheik ist Tausende Kilometer davon entfernt. Anstatt zum Militär zu gehen, machte er sich bereits vor fünf Jahren auf den Weg nach Europa. Jetzt sitzt er in einem grell angestrichenen Wohncontainer und schenkt schwarzen Tee ein. An der Wand hängt ein Alpenpanorama. Nebenbei läuft der Fernseher, die Vorhänge sind zugezogen. Der 28-Jährige teilt sich ein schmales Zimmer mit einem seiner Brüder.

Yassin Mohammed Sheik vor seinem Wohncontainer in Hamburg-Bahrenfeld.
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Yassin Mohammed Sheik floh vor dem Militärdienst. Bildquelle: Johannes Groß

"Ich habe vor und während meiner Flucht gehört, dass es nicht gut sei in Deutschland", erinnert er sich, "es hieß, hier wären viele Nazis. Aber als ich diese Stadt gesehen habe, wollte ich sofort bleiben." Bevor er nach Hamburg kam, verbrachte Mohammed Sheik vier Jahre in Italien. Weil er dort zuerst als Flüchtling registriert wurde, droht ihm jetzt im Rahmen der Dublin-II-Verordnung wieder die Abschiebung in den Süden. Seine Familie, vier Geschwister und die Mutter, hat jedoch in Deutschland dauerhaftes Bleiberecht bekommen. Die Trennung naht. Jeden Tag hofft er auf einen anderslautenden Bescheid der Behörde. Das Warten zermürbt ihn.

Der hagere Mann mit den Rasta-Locken versucht, sich abzulenken, fährt oft in die Innenstadt. "Als ich das erste Mal schwule oder lesbische Paare gesehen habe, dachte ich: Ein Mann mit einem Mann? Eine Frau mit einer Frau? Wie kann das sein? Es war schwer zu akzeptieren, denn ich bin nicht damit aufgewachsen." Mittlerweile sei das jedoch kein Thema mehr. Einen großen Unterschied hat Mohammed Sheik im täglichen Miteinander ausgemacht. In Eritrea sei das soziale Netz, trotz aller Probleme, enger gewesen. Man habe sich in der Nachbarschaft besser um einander gekümmert, sei offener für Fremde gewesen. Wenn er jetzt in Deutschland Leute auf der Straße anspreche, gingen diese manchmal einfach weiter, ohne zu antworten. Trotzdem: Mohammed Sheik will nie wieder zurück nach Eritrea.

"Hier bist du ein Mensch"

Als 15-Jähriger macht man in Deutschland vielleicht gerade den Mofa-Führerschein, zockt mit Freunden an der Spielkonsole oder kümmert sich um einen Ausbildungsplatz. Morteza Hossein Zadeh machte sich in diesem Alter auf eine lange Reise. Mit seinem Bruder verließ der gebürtige Afghane seinen damaligen Wohnort, die iranische Hauptstadt Teheran, und schlug sich nach Europa durch. Am Neujahrstag 2010 setzte er zum ersten Mal Fuß auf deutschen Boden. Er blieb. "Was wir hatten, war kein Leben. Hier in Deutschland, da bist du ein Mensch", sagt der heute 20-Jährige. Er hat sich in der Finanzmetropole Frankfurt eine neue Existenz aufgebaut, ist erwachsen geworden.

Morteza Hossein Zadeh hilft neuen Flüchtlingen.
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Morteza Hossein Zadeh hilft neuen Flüchtlingen. Bildquelle: privat

Momentan arbeitet er bei einem Sicherheitsdienst und will bald studieren. "Ich bin mit der Zeit deutscher geworden, halte mich jetzt eher an Regeln als früher", sagt Hossein Zadeh. In seiner Freizeit engagiert er sich am Frankfurter Hauptbahnhof, kümmert sich dort um die täglich ankommenden Flüchtlinge. Immer wieder sind Menschen aus Afghanistan und dem Iran darunter. Hossein Zadeh spricht Farsi und Dari, kann sich mit ihnen verständigen.

An Deutschland schätzt er die große Spendenbereitschaft - "nicht nur für Flüchtlinge". Anfangs fühlte er sich hier oft allein, machte auch schlechte Erfahrungen: "Viele Leute sind zuerst nett und vergessen dich dann schnell." Eine Erfahrung, die man den tausenden neuen Flüchtlingen, die Deutschland jede Woche erreichen, nicht wünschen mag.

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