De Maizière und Merkel bei der Pressekonferenz | Bildquelle: REUTERS

Haftbefehl gegen Amri erlassen "Mit hoher Wahrscheinlichkeit der Täter"

Stand: 22.12.2016 22:35 Uhr

Inzwischen gehen die Ermittler davon aus, dass Anis Amri mit "hoher Wahrscheinlichkeit" der Attentäter von Berlin ist. Es wurde Haftbefehl erlassen. Nach RBB-Informationen wurde der Tunesier wenige Tage vor dem Anschlag gefilmt.

Es wird immer wahrscheinlicher, dass der Tunesier Anis Amri der Attentäter von Berlin ist. Im Cockpit des Tatfahrzeugs seien dessen Fingerabdrücke gefunden worden, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière nach einem Besuch beim BKA in Berlin. Es gebe zudem zusätzliche Hinweise, dass Amri mit "hoher Wahrscheinlichkeit der Täter" sei. Weitere Details nannte de Maizière nicht.

Er hatte sich gemeinsam mit Kanzlerin Angela Merkel und Justizminister Heiko Maas am BKA-Standort in Berlin-Treptow über die Fahndung unterrichten lassen. Alle drei Politiker lobten die Professionalität der Arbeit und betonten die gute Kooperation mit Bundes- und Landesbehörden so wie den internationalen Partnern.

Haftbefehl erlassen

Gegen Anis Amri wurde inzwischen Haftbefehl erlassen. Das teilte eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe mit. Sie bestätigte zudem Informationen, dass auch außen am Lkw Fingerabdruckspuren gefunden wurden. Ihre Behörde gehe deshalb davon aus, dass Amri am Steuer des Lkw saß.

Nach Angaben der Sprecherin gab es an "verschiedenen Orten" in Nordrhein-Westfalen und Berlin Durchsuchungen. Außerdem sei ein Reisebus in Heilbronn kontrolliert worden. Details wollte sie nicht nennen, um die Fahndung nicht zu gefährden.

Kurz vor der Tat gefilmt

Am Abend wurde ein brisantes neues Detail bekannt: Nach RBB-Informationen wurde der Verdächtige nur wenige Tage vor dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt von Sicherheitskräften gefilmt. Die Observationsbilder zeigen den Tunesier in den Nächten vom 14. und 15. Dezember.

Auch in der Nacht zu Dienstag, nur wenige Stunden nach dem Anschlag am Breitscheidplatz, wurde Amri demnach gefilmt. Ort der Observation war eine Moschee in Moabit, die am Donnerstagmorgen von der Polizei durchsucht wurde. Nach Ansicht von Ermittlern gehört sie längst geschlossen und der Moscheeverein verboten. Moschee-Vorstände sollen sie wörtlich "Moschee der ISIS-Leute in Berlin" genannt haben, so zeigen es Telefonüberwachungsprotokolle von Sicherheitsbehörden, die dem RBB bekannt sind.

Der Moment des Terroranschlags wurde auch auf dem Video einer Autokamera festgehalten. Die von "Bild.de" am Abend veröffentlichten Aufnahmen zeigen aus der Perspektive eines Autofahrers, wie der Lastwagen mit hohem Tempo ungebremst in den Weihnachtsmarkt fuhr. Kurze Zeit später ist zu sehen, wie Menschen vom Tatort weglaufen. Entgegen anderslautenden Aussagen scheinen die Scheinwerfer des Lasters zur Tatzeit eingeschaltet gewesen zu sein. Einblicke in den Weihnachtsmarkt selbst gewährt das Video nicht.

Merkel lobt Reaktion der Bürger

Merkel erinnerte während der Pressekonferenz am Nachmittag an die Opfer des Anschlags am Montag. Sie sei in Gedanken bei den Angehörigen der Opfer und den Verletzten. Diesen Menschen schulde man die bestmögliche Arbeit, um den dringend tatverdächtigen 24-Jährigen festzunehmen. Sie begrüßte die besonnene Reaktion vieler Bürger auf den Anschlag. "Ich bin in den letzten Tagen sehr stolz gewesen, wie besonnen die Menschen, die große Zahl der Menschen auf diese Situation reagiert."

In Berliner Krankenhäusern werden noch zwölf Schwerverletzte behandelt. Einige von ihnen seien in kritischer Verfassung, teilte die Senatsverwaltung mit. 30 Menschen konnten wieder entlassen werden. Die Gesamtzahl der Verletzten wird inzwischen mit 56 angegeben - acht mehr als bisher. Dies habe eine erneute Abfrage aller Krankenhäuser mit Notaufnahmen ergeben. Einige Verletzte hätten sich selbst in Behandlung begeben.

Die Stimmung in Berlin nach dem Anschlag
nachtmagazin 01:00 Uhr, 23.12.2016, Iris Marx, RBB

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Acht Identitäten genutzt

Auf die Spur des mutmaßlichen Täters kamen die Ermittler durch Duldungspapiere, die sie im Lastwagen fanden. Das gelang aber erst am Tag nach dem Anschlag, weil die Fahrerkabine zunächst versiegelt worden war.

Die Papiere im Lkw waren nicht auf seinen richtigen Namen ausgestellt. Bekannt ist, dass Amri mindestens acht Identitäten benutzte. Nach Einschätzung von ARD-Terrorismusexperte Holger Schmidt könnte hinter den zurückgelassenen Dokumente Kalkül gesteckt haben: "Es könnte Absicht gewesen sein, denn auch andere islamistische Terroristen haben an Tatorten Ausweise hinterlassen", sagte er tagesschau.de. "Wenn Attentäter damit rechnen, dass sie eventuell sterben werden, könnte es darum gehen, dass die Öffentlichkeit unbedingt erfahren soll, wer sie waren."

Als Selbstmordattentäter angeboten?

Der Tunesier, der europaweit von der Polizei gesucht wird, hatte sich offenbar bereits vor Monaten als Selbstmordattentäter angeboten. Das schreibt der "Spiegel". Laut dem Bericht hätten dies Auswertungen der Telefonüberwachung von "Hasspredigern" ergeben. Das Magazin berichtet, dass Amris Formulierungen jedoch verklausuliert gewesen seien. Dies habe als Grundlage für eine Festnahme nicht ausgereicht. Von März bis September war Amri überwacht worden. Seit Dezember gilt er als untergetaucht. Dem "Spiegel"-Bericht zufolge erkundigte sich der Tunesier auch, wie er sich Waffen beschaffen könne.

Amri wird dringend verdächtigt, am Montagabend einen Lkw in seine Gewalt gebracht und damit in die Menschenmenge auf dem Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche gesteuert zu haben. Dabei wurden zwölf Menschen getötet.

Die Terrororganisation "Islamischer Staat" bekannte sich zu dem Anschlag. Ob der IS tatsächlich Verbindungen zu Amri hatte, ist aber nicht bewiesen.

Bruder: "Ich bitte ihn, sich zu stellen"

Die tunesischen Behörden vernahmen inzwischen Familienmitglieder des Verdächtigen. Einer seiner Brüder rief Amri zur Aufgabe auf. "Ich bitte ihn, sich der Polizei zu stellen", sagte Abdelkader Amri der Nachrichtenagentur AP. Die Familie im tunesischen Oueslatia sei erschüttert über die Nachrichten von dem Anschlag. "Wenn bewiesen wird, dass er verwickelt war, sagen wir uns von ihm los", sagte Amris Bruder.

Ein weiterer Bruder Amris, Walid Amri, sagte, Anis habe keine Verbindung zum Terrorismus. "Wir standen per Facebook und Telefon mit ihm in Kontakt." Sie hätten vor zehn Tagen gesprochen. "Er hat mir gesagt, dass er im Januar nach Tunesien kommt und dass er sich für ein Projekt ein Auto gekauft hat", sagte Walid der Nachrichtenagentur Reuters.

Die deutschen Behörden sind da ganz anderer Überzeugung.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. Dezember 2016 um 17:00 Uhr.

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