Simone Lange | Bildquelle: dpa

Simone Lange im Porträt Herausforderin ärgert SPD-Spitze

Stand: 22.04.2018 06:35 Uhr

Bundespolitisch ist Simone Lange bislang eher unbekannt. Dennoch rechnet sich die Flensburger Oberbürgermeisterin Chancen aus - zumindest auf einen Achtungserfolg im Kampf um den SPD-Vorsitz.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Hauptstadtstudio

"Simone Lange, 41 Jahre alt - ich bin geboren im thüringischen Rudolstadt, bin also in der DDR geboren und aufgewachsen". Da steht sie im Dachgeschoss des Regionalmuseums Neubrandenburg, die Provokation für die SPD-Spitze. Segeltuch-Turnschuhe, Jeans, rot-weiße Bluse und vor sich nur ein Mikrophon.

Eine Stunde lang spricht Simone Lange ruhig, konzentriert, ohne auch nur einmal rhetorisch ins Schlingern zu kommen. Man merkt, diese Frau hat durchaus Erfahrung mit öffentlichen Auftritten.

Simone Lange | Bildquelle: dpa
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Auf zahlreichen Parteiveranstaltungen stellt sich die SPD-Politikerin den Mitgliedern vor.

"Erfrischende, wissende Art"

Die meisten der 70 Genossen, bei denen die Flensburger Oberbürgermeisterin für ihre Kandidatur um den SPD-Parteivorsitz wirbt, sind angetan: "Frau Lange fand ich sehr authentisch, überzeugend. Sie hat einen sehr sympathischen und ehrlichen Eindruck gemacht", meint Felix Willer. Und Alfred Dohndorf sagt: "Ich war ein bisschen neugierig und ich war dermaßen positiv überrascht über ihre erfrischende, wissende Art."

Die gelernte Kriminalbeamtin mit der jugendlichen Ausstrahlung wirkt auf den ersten Blick nicht wie eine Rebellin. Trotzdem bricht sie in der SPD ungeschriebene Regeln und tritt in einer Kampfkandidatur gegen die von der Parteiführung nominierte Andrea Nahles an.

Am Ende ihrer Tour durch rund 20 Ortsvereine sagt Simone Lange selbstbewusst: "Mir macht Mut zu erleben, dass die Mitglieder unserer Partei hochmotiviert sind, dass sie Lust haben, mitzumachen und dass sie eben auch zurückerobern wollen, wieder Politik von unten nach oben zu machen und nicht umgekehrt."

Keine Postenschiebereien mehr

Als Kandidatin der Basis inszeniert sich die Mutter zweier Kinder. Keine intransparenten Postenschiebereien mehr da oben, mehr Respekt für die einfachen Mitglieder - auch wegen dieser Botschaften hat Daniel Rogge, Chef der SPD Neubrandenburg, Simone Lange eingeladen.

"Ich weiß nur, dass wir in der letzten Zeit eher problematische Personalentscheidungen, zumindest in unserem Vorstand hatten", sagt Rogge. "Und ich hoffe, dass wir von der Basis aus, wenn wir dort eine Person nach oben pushen, da ein bisschen mehr bewegen können in nächster Zeit."

Abkehr von der Agenda-Politik

Programmatisch verspricht die Herausforderin eine linkere Politik als die aktuelle Parteiführung: "Meine Bereitschaft, mit der Agenda-Politik aufzuräumen, unterscheidet mich eklatant von Andrea Nahles und auch von Olaf Scholz, die beide am liebsten gar nicht darüber reden wollen. Ich aber sage: Wir müssen darüber reden". Und Kernpunkte der Agenda 2010, wie die Hartz-IV-Reformen weitgehend abschaffen.

Für den Parteitag lautet die Rechnung der Lange-Fans: Ein paar vom linken Flügel gewinnen, ein paar Wut-Genossen, denen die große Koalition nach wie vor nicht gefällt - dann könnte die Herausforderin zumindest einen Achtungserfolg erzielen.

Andrea Nahles | Bildquelle: REUTERS
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Andrea Nahles hat eine öffentliche Debatte mit ihrer Herausforderin bisher abgelehnt.

Nahles lehnt die Auseinandersetzung mit ihr ab

Die SPD-Parteiführung hat die Kandidatur von Simone Lange, die 2003 in die SPD eingetreten ist, erst nicht ernst genommen, dann totgeschwiegen. Außer einer Auftaktpressekonferenz im Willy-Brandt-Haus hatte sie keine Möglichkeit, sich auf bundespolitischer Bühne zu präsentieren.

Auf die Frage, ob sie sich von der Parteispitze fair behandelt fühlt, sagt Lange kurz: "Ehrlich gesagt: nein". Eine Diskussionsrunde mit beiden Kandidatinnen zum Beispiel wäre schön gewesen, findet die Oberbürgermeisterin. Auch Nahles selbst habe eine öffentliche Debatte mit ihr abgelehnt.

"Ich glaube aber, dass es der SPD extrem gutgetan hätte, zu zeigen, dass wir es mit innerparteilicher Demokratie ganz souverän sehen, fair umgehen miteinander", sagt Lange. So kommt es erst auf dem Parteitag zur direkten Konfrontation der beiden Kandidatinnen.

Hoffen auf die GroKo-Gegner

Die Parteispitze dementiert eine angeblich geplante Redezeitbeschränkung auf zehn Minuten. Wohl eine halbe Stunde sollen nun beide bekommen, um ihre Ideen zu präsentieren. Simone Langes Fans setzen darauf, dass ihre Kandidatin mit einer guten Rede überzeugt. Sie selbst sagt selbstbewusst, sie habe "definitiv" eine Chance.

Andere stapeln tiefer: Als bundespolitisch bislang völlig Unbekannte 15 bis 20 Prozent zu holen, sagt einer ihrer Unterstützer, wäre schon ein Erfolg. Aber: Die Gruppe derjenigen, die "mit denen da oben" tendenziell unzufrieden sind, ist deutlich größer. Auf dem Parteitag in Bonn im Januar haben fast 45 Prozent der Delegierten gegen den Koalitionsvertrag und damit gegen die Parteiführung gestimmt. Dieselben Delegierten entscheiden jetzt in Wiesbaden über die neue Parteichefin.

Porträt Simone Lange: Nahles-Herausforderin ärgert SPD-Spitze
J. Seisselberg, ARD Berlin
21.04.2018 13:12 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell Radio am 22. April 2018 um 06:05 Uhr.

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