Linkspartei-Politiker Dietmar Bartsch | Bildquelle: picture alliance / dpa

Dietmar Bartsch im Porträt Realo mit Nein-Sag-Schwäche

Stand: 13.10.2015 14:44 Uhr

Dietmar Bartsch taugt nicht zum antibürgerlichen Schreckgespenst. Ab heute ist er die Hälfte des neuen Führungsduos der Linksfraktion im Bundestag. Für ihn muss die Linke mehr sein als eine reine Protestpartei.

Von Christian Thiels, tagesschau.de

Hätte man Dietmar Bartsch vor fünf Jahren gesagt, er werde einmal gemeinsam mit Sahra Wagenknecht die Fraktion der Linken im Deutschen Bundestag führen, er hätte dagegen gewettet. Denn Wagenknecht und er gelten seit langem als - gelinde gesagt - nicht besonders dicke Freunde. Bartsch, ein Realo, der aus seinem Ziel keinen Hehl macht, irgendwann mit der Linkspartei auch an einer Bundesregierung beteiligt zu sein. Wagenknecht, lange kompromisslose Vorzeigefrau der Kommunistischen Plattform innerhalb der Linken und ideologisch häufig als Hardlinerin charakterisiert.

Eine unmögliche Kombination also? Ja, man habe in vielen Punkten unterschiedliche Sichtweisen, räumt Bartsch im Gespräch mit tagesschau.de ein. "Aber bei deutlich über 90 Prozent haben wir die gleiche Sicht, in der Sozialpolitik in der Gesundheitspolitik und in vielen anderen Bereichen".

Dietmar Bartsch und Sahra Wagenknecht auf dem Parteitag der Linkspartei in Bielefeld. | Bildquelle: dpa
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Dietmar Bartsch und Sahra Wagenknecht haben in vielen Punkten unterschiedliche Sichtweisen.

Wiedergutmachung für verlorene Wahl zum Parteichef?

Dass bei der Diskussion um Gysis Nachfolge die Wahl auch auf Bartsch fiel, kommt nicht unerwartet. Er ist einer der profiliertesten Köpfe der Linkspartei. Sein Aufstieg begann kurz nach der Wende als er Schatzmeister der am Boden liegenden SED-Nachfolgepartei PDS wurde. Er hätte andere, lukrativere Optionen - etwa in der Wirtschaft - gehabt. Doch ihn reizte wohl die Aufgabe.

So ist das auch jetzt. Fraktionschef der Linken im Deutschen Bundestag, damit ist automatisch auch so etwas wie die Oppositionsführerschaft im Parlament verbunden. Das bedeutet erhebliche öffentliche Aufmerksamkeit - eine Chance, aber auch ein Risiko. Bartsch weiß das natürlich, er war jahrelang Bundesgeschäftsführer seiner Partei und kennt mediale Mechanismen genau.

2012 wollte er Parteichef werden. Der linke Flügel der Partei um Oskar Lafontaine verhinderte dies, die Häme nach der verlorenen Wahl hat er gut in Erinnerung, aber "es schmerzt schon lange nicht mehr". Dass das Amt des Fraktionschefs nun zu so einer Art Wiedergutmachung gedeutet wird, hält Bartsch für Unsinn. Eine hohe Funktion zu bekommen sei gar nicht so schwer, aber darin auch gut zu sein, das sei eine ganz andere Angelegenheit: "Ich freue mich, aber ich habe auch sehr viel Respekt", sagt er.

Vernunft-Mensch statt Revolutionär

Linkspartei-Politiker Dietmar Bartsch | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Als Fraktionschef ist Dietmar Bartsch gemeinsam mit Wagenknecht de facto Oppositionsführer im Bundestag.

Am Tag des Gesprächs mit tagesschau.de hat er gerade im Bundestag zu den Unterschieden bei der Rente in Ost und West gesprochen. Sich selbst sieht er "eindeutig als Wendegewinner". Ganz überzeugt sagt er das und wirkt dabei sehr verbindlich. Das hat bei ihm Methode. Eine hohe soziale Kompetenz bescheinigt er sich selbst und, dass er ein guter Analytiker sei. Eigenschaften, die auch politische Gegner an ihm schätzen. Bartsch, der Verlässliche, der Vernünftige, diese Attribute hört man häufig, wenn man andere nach ihm fragt. Er taugt eben nicht als antibürgerliches Schreckgespenst, dafür ist er im Auftreten und wohl auch im Leben selbst zu wenig Revolutionär.

Er spielt gerne Skat und Volleyball und ist im Urlaub auch schon mal am FKK-Strand an der Ostsee. Irgendwie keiner, den man sich mit Molotow-Cocktail auf der Barrikade vorstellen kann. Trotzdem ist er auch keiner, der es sich im vereinigten Deutschland von 2015 kritiklos bequem machen will. "Ich glaube nicht, dass radikal in der Wortwahl, sondern radikal im Anspruch der Veränderung richtig ist", sagt er.

In der Flüchtlingskrise hat seine Partei derzeit ein echtes Problem. Denn auch viele Wähler der Linkspartei sehen mehr Gefahren als Chancen durch die Zuwanderung. Solche Diskussionen muss auch Bartsch führen - mit Hartz-IV-Empfängern etwa, die beklagen, die Migranten bekämen alles: "Wir dürfen nicht zulassen, dass es hier die Spaltung zwischen Flüchtlingen und sozial benachteiligten gibt. Das ist unser Job. Früher hätte man gesagt: Es ist eben weiterhin Klassenkampf und nicht Rassenkampf. Es ist platt, aber da ist auch etwas dran. Das kann auch dazu führen, dass man Wähler verliert. Aber in dieser Frage muss man Haltung haben", erklärt er.

"Man muss regieren wollen"

Die Linkspartei muss mehr sein als reine Protestpartei, das ist aus jedem Satz von Bartsch herauszuhören. Dazu will er auch gerne regieren, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Immer wieder hat er öffentlich Rot-Rot-Grüne Koalitionen auch im Bund ins Spiel gebracht. "Man muss regieren wollen. Oder man ist nicht von seinen politischen Zielen überzeugt und verlangt nur Dinge, die nicht gehen."

Ein Seitenhieb auf die Ideologen in seiner Partei, die lieber moralisch und politisch im Recht bleiben, dafür aber auch nichts im Leben der Menschen verändern. Bartsch ist da anders, pragmatischer. Und er nimmt diejenigen in seiner Partei in Schutz, die in Landesregierungen auch Kompromisse machen müssen.

Kompromissbereit bei Auslandseinsätzen

Solche Kompromisse wären mit ihm wohl auch beim Thema Auslandseinsätze der Bundeswehr vorstellbar. Immerhin hat Bartsch "aus voller Überzeugung" der deutschen Beteiligung an der Vernichtung syrischer Chemiewaffen zugestimmt. "Ich bin für Einzelfallprüfungen. Das ist meine Position. Ich glaube aber auch: Wenn wir jetzt die Verlängerung der vorhandenen Mandate beschließen müssten, dann würde es keine Verlängerung geben. Aber das wäre kein Problem. Andere Länder haben bestimmte Mandate auch nicht verlängert. Deutschland ist da kein Problemfall."

Die vermeintliche außenpolitische Unzuverlässigkeit der Linkspartei ist eines der Kernargumente der SPD gegen ein Bündnis mit Linken und Grünen auf Bundesebene. Rein rechnerisch hätten die drei Fraktionen schon jetzt im Parlament eine Mehrheit. Doch dass er derjenige ist, der die Linke irgendwann ins Bundeskabinett führt, daran glaubt Dietmar Bartsch nicht. Obwohl - zu seinen negativen Seiten gehöre eine ausgeprägte Nein-Sag-Schwäche, sagt er.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. Oktober 2015 um 14:00 Uhr.

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