Pfarrer Olivier Ndjimbi-Tshiende | Bildquelle: Tilllmann Kleinjung

Pfarrer von Zorneding "Wo der Glaube schwindet, wächst der Hass"

Stand: 20.09.2017 16:30 Uhr

Der Skandal hat Schlagzeilen über Bayern hinaus gemacht: 2016 verließ der katholische Pfarrer von Zorneding seine Gemeinde. Er stammt aus dem Kongo. Ein CSU-Politiker verunglimpfte, er bekam Morddrohungen. Nun meldet er sich mit einem Buch zu Wort.

Von Tilmann Kleinjung, ARD-Hörfunkstudio Rom

Irgendwann wurde es zu viel: zuerst die rassistischen Beleidigungen eines CSU-Politikers, dann die Morddrohungen und die Angst. Anfang März 2016 verließ Pfarrer Olivier Ndjimbi-Tshiende seine Pfarrgemeinde in Zorneding. Er floh.

Es sei tatsächlich eine Flucht gewesen, sagt er. Das Ende dieser Flucht liegt in Eichstätt. Zuerst war der Pfarrer bei einer befreundeten Familie untergekommen, dann in einem Kloster. Seit gut einem Jahr arbeitet Ndjimbi-Tshiende wieder - als Dozent und Forscher an der Katholischen Universität in Eichstätt.

"Ich habe Abstand genommen, deswegen fühle ich mich ganz, ganz wohl jetzt. Das bedeutet nicht, dass ich nicht auch mal Angstzustände bekommen kann. Wenn mich jemand in einer Wirtschaft fragt, ob ich der Pfarrer von Zorneding war, dann überlege ich zunächst einmal, ob ich ehrlich antworten soll, weil ich nicht weiß, mit wem ich es zu tun habe", berichtet Ndjimbi-Tshiende.

Wenn Gott schwarz wäre

Am beschaulichen Marktplatz der barocken Bischofs- und Universitätsstadt liegt das neue Büro des 68-jährigen Theologen. Er forscht am "Zentrum Migration und Flucht" der Hochschule und er hat ein Buch geschrieben, in dem er die Erfahrungen seiner Zornedinger Zeit theologisch verarbeitet. Der Titel ist eine provokante These: "Und wenn Gott schwarz wäre ... "

"Aufgrund meiner Erfahrungen und der Existenz des Rassismus wollte ich diese Frage stellen, um die Absurdität des Rassismus und des Hasses zu zeigen."

Pfarrer Olivier Ndjimbi-Tshiende | Bildquelle: Tillmann Kleinjung
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Pfarrer Ndjimbi-Tshiende in der Bibliothek der Uni Eichstätt.

Die einfache Antwort des Priesters auf Fremdenfeindlichkeit lautet: "Wo der Glaube schwindet, wächst der Hass" - auch im gut katholischen Oberbayern.

Zu den größten Enttäuschungen von Ndjimbi-Tshiende gehört es, dass sich in Zorneding selbst Gemeindemitglieder gegen ihren Pfarrer wandten. "Plötzlich war ich jemand, den man nach Auschwitz schicken musste. Das ist schmerzlich."

Vision von einer anderen Kirche

Ndjimbi-Tshiende sagt aber auch, es sei nur eine Minderheit, die meisten Katholiken in Zorneding hätten hinter ihm gestanden. Die Kirchenleitung erklärte sich solidarisch mit dem Priester und kümmerte sich um ihn.

Dennoch wünscht er sich eine andere Kirche. In seinem neuen Buch fordert der Theologe aus dem Kongo die Abschaffung des Pflichtzölibats. Warum nicht berufstätige, verheiratete Männer als Priester oder Frauen als Priesterinnen? Schließlich verehre die katholische Kirche eine Frau, Maria, als Mutter Gottes.

"Sie ist Mutter Gottes. Dieses Amt ist im Heilsplan Gottes viel höher als das Priesteramt. Wenn ein Wesen geeignet ist für das höchste Amt, dann ist dieses Wesen auch geeignet für ein niedrigeres Amt", begründet Ndjimbi-Tshiende seine Forderung.

Früher habe er sich über solche Fragen keine Gedanken gemacht, verrät Ndjimbi-Tshiende. Doch die Erfahrungen in Zorneding hätten ihn verändert und ihn motiviert, seine Vision von einer anderen Kirche zu Papier zu bringen.

Über dieses Thema berichtete der BR am 19. September 2017 um 21:45 Uhr im Fernsehen.

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