Joachim Bauer | Bildquelle: dpa

NSU-Prozess Zschäpe-Gutachter in der Kritik

Stand: 24.05.2017 21:12 Uhr

Der Gutachter, der die mutmaßliche Rechtsterroristin Zschäpe für vermindert schuldfähig erklärt hatte, gerät immer stärker unter Druck: Mehrere Nebenkläger im NSU-Prozess halten Joachim Bauer für befangen. Er habe jede professionelle Distanz verloren.

Von Eva Frisch, BR

Es ist der 365. Verhandlungstag im Münchner NSU-Prozess. Rechnet man die Unterbrechungen, Ferien und Wochenenden heraus, wäre jetzt also ein Jahr lang täglich verhandelt worden. Ein Mammutprozess, der immer wieder für Überraschungen sorgt - auch heute.

Zunächst verlief in der Verhandlung alles wie erwartet. Die Mutter der Angeklagten, Annerose Zschäpe, war zum zweiten Mal im Prozess als Zeugin geladen. Ihr Auftritt vor Gericht dauerte aber nur wenige Minuten. Denn als Mutter von Beate Zschäpe machte sie von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Allerdings stimmte sie der Verwendung ihrer Zeugenaussage aus dem Jahr 2011 zu. Nach dem Auffliegen des NSU-Terror-Trios hatte das BKA Zschäpes Mutter in Jena befragt. Bisher hatte sie die Verwertung dieser Aussage vor Gericht untersagt.

Ein Mädchen, das sich nicht so leicht beeinflussen ließ

Für Zschäpes Verteidigung ist diese Zeugenaussage jetzt aber wichtig. Denn das von ihr beauftragte psychiatrische Gutachten des Freiburger Psychiaters Joachim Bauer über Beate Zschäpe stützt sich unter anderem auf die Angaben der Mutter. Der damals anwesende BKA-Beamte gibt wieder, was Annerose Zschäpe in Jena schilderte. Sie beschrieb ihre Tochter Beate als nettes und selbstbewusstes Mädchen, das sich nicht leicht beeinflussen ließ. Mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt habe sie immer wieder zu dritt etwas unternommen.

Dass die drei aktive Neonazis waren, wurde ihr 1996 klar. Das sei unter anderem ein Grund für ihr schlechtes Mutter-Tochter-Verhältnis gewesen.

Verhandlung als "Hexenverbrennung"

Die drei Opferanwälte stellten dann einen Antrag mit brisantem Inhalt. Die Nebenklagevertreter der Familie Yozgat lehnten den Zschäpe-Gutachter wegen Befangenheit ab. Grund: Eine Mail Bauers an die Mediengruppe "WeltN24". Darin verspricht er exklusive Informationen über Zschäpe und den NSU-Prozess. Er habe ein Gutachten vorgelegt, das "einigen nicht passt". "Das Stereotyp, dass Frau Zschäpe das nackte Böse in einem weiblichen Körper sei, darf nicht beschädigt werden." Schließlich setzte er die Verhandlung mit einer "Hexenverbrennung" gleich.

"So etwas haben wir noch nie erlebt"

Nebenklageanwältin Doris Dierbach sieht darin eine "unfassbare Entgleisung". Bauer lasse jegliche professionelle Distanz vermissen. Statt auf einer neutralen Position stehe der Gutachter im Zschäpe-Lager und sehe sich als eine Art Retter der Angeklagten. Deshalb halten Dierbach und ihre Kollegen Bauer für befangen. Andere Prozessbeteiligte äußerten, dass sie so etwas noch nie erlebt hätten.

Bauer hatte Anfang Mai sein Gutachten im NSU-Prozess vorgetragen. Dafür hatte er Zschäpe 14 Stunden befragt. Sein Ergebnis: Die Hauptangeklagte sei wegen einer Persönlichkeitsstörung vermindert schuldfähig. Ganz anders sieht das der vom Gericht bestellte Gutachter Henning Saß. Er hatte Zschäpe eine volle Schuldfähigkeit bescheinigt. Wann über den Befangenheitsantrag entschieden wird, ist noch offen.

Über dieses Thema berichteten am 30. Mai 2017 Deutschlandfunk um 14:18 Uhr und die tagesschau um 17:00 Uhr.

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