Angeklagte Beate Zschäpe und ihr Anwalt Hermann Borchert im Gerichtssaal im Oberlandesgericht in München | Bildquelle: dpa

Zschäpe-Aussagen im NSU-Prozess Kann das stimmen?

Stand: 16.03.2016 18:10 Uhr

Verstrickt sich die Hauptangeklagte im NSU-Prozess, Zschäpe, vor Gericht in Widersprüche? Mit ihren neuen Aussagen gelingt es ihr zumindest nicht, ihre Rolle im NSU-Terrortrio kleinzureden. Im Gegenteil.

Von Tim Aßmann, BR

Bundesanwalt Herbert Diemer gab sich nach den erneuten Einlassungen von Beate Zschäpe betont zurückhaltend: Ihre Aussagen müssten durchgelesen, bewertet und mit "harten Fakten konfrontiert" werden. Doch viele harte Fakten waren in den Antworten der Hauptangeklagten nicht enthalten.

Zschäpe machte zum mittlerweile dritten Mal Angaben zur Sache. Wieder nur schriftlich. Die Rolle des Vorlesers hatte diesmal ihr Wahlverteidiger Hermann Borchert. Was der dann gute 20 Minuten im Namen seiner Mandantin vortrug, lag inhaltlich auf der Linie der vorherigen Erklärungen.

Von Böhnhardt verprügelt

Im untergetauchten Neonazi-Trio war Zschäpe - ihren eigenen Angaben zufolge - eher eine Mitläuferin, hatte eine untergeordnete Rolle. Von Uwe Böhnhardt, mit dem sie nach ihren Schilderungen auch im Untergrund zusammen war und den sie liebte, sei sie zwischen 1998 und 2001 mehrfach geschlagen worden, ließ Zschäpe nun im Prozess verlesen. Böhnhardt habe sie zum Beispiel verprügelt, als sie sich über eine offen herumliegende Pistole beschwerte oder weil sie einen Internetzugang in der Wohnung wollte.

In einer vorherigen Erklärung hatte Zschäpe eingeräumt, nach dem Auffliegen der Terrorzelle 2011 das Bekennervideo des NSU verschickt zu haben. Dass es in dem Film auch um die von Mundlos und Böhnhardt begangenen Morde ging, will Zschäpe nicht gewusst haben.

Kann das stimmen? Man weiß von Morden, soll einen Bekennerfilm verschicken, und denkt, dass es nur um die Raubüberfälle, nicht aber um die Morde geht? Nebenklageanwalt Walter Martinek bezweifelt dies: "Das erscheint mir nicht glaubhaft." So ging es vielen Zuhörern - und auch das ist eine Parallele zu den vorherigen Zschäpe-Erklärungen.

Früher regelmäßige Treffen mit Mitangeklagtem

Sie machte nun auch erneut Angaben zur Rolle des Mitangeklagten André E. Dass der Neonazi und seine Ehefrau das Trio in dessen Zwickauer Wohnung regelmäßig besuchten und es auch am Tag des Auffliegens des NSU noch ein Treffen zwischen André E. und Zschäpe gab, war schon bekannt.

Jetzt ließ Zschäpe auch durch ihren Anwalt erklären, dass André E. und seine Frau wussten, dass sich das Trio durch Raubüberfälle finanzierte. Von den Mordanschlägen soll das Ehepaar aber keine Kenntnis gehabt haben.

Gleichberechtigt statt untergeordnet?

Die Antworten Zschäpes könnten den Prozessbeteiligten vor allem interessante Schlussfolgerungen ermöglichen. Stand sie in der Hierarchie des Trios wirklich ganz unten? In ihren Antworten beschrieb sie zum Beispiel, wie Mundlos, Böhnhardt und sie gemeinsam entschieden, den Freund André E. ins Vertrauen zu ziehen, ihm von den Überfällen zu berichten. Das klingt eher nach einer gleichberechtigten als nach einer untergeordneten Rolle Zschäpes.

"Es ist immer gefährlich, wenn man am Anfang eine Einlassung bringt, die ein reines Bestreiten beinhaltet und dann auf Fragen des Gerichts versucht wird, nachzubessern. Sie sagte sehr viel zwischen den Zeilen zu dem Thema, wie sie Bestandteil des Trios gewesen sein mag. Alles was sie heute gesagt hat, kann das Gericht bewerten. Auch gegen sie", sagte Opferanwalt Stephan Lucas.

Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt. Es könnte kein guter Tag für Zschäpe werden. Thema: eine DVD aus der letzten NSU-Wohnung. Darauf zu sehen: Fernsehberichte über den Kölner Nagelbombenanschlag. Einem aktuellen BKA-Bericht zufolge wurden die Aufzeichnungen manuell gemacht und zwar nur wenige Stunden nach der Explosion. Das macht es unwahrscheinlich, dass Uwe Böhnhardt oder Uwe Mundlos auf den Aufnahmeknopf drückten. Bediente Zschäpe den Videorekorder? Das lässt sich mit dem BKA-Bericht nicht zweifelsfrei belegen.

NSU: Zschäpe lässt weitere Antworten verlesen
T. Aßmann, BR
16.03.2016 17:41 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 16. März 2016 um 15:21 Uhr

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