Ein Schild mit der Aufschrift "Angeklagte Zschäpe" im Gerichtssaal in München  | Bildquelle: dpa

Plädoyers im NSU-Prozess Welche Strafe verdient Beate Zschäpe?

Stand: 12.09.2017 05:19 Uhr

Fünf Verhandlungstage lang hat die Bundesanwaltschaft ihre Sicht auf den NSU und die Angeklagten im NSU-Prozess dargelegt. Heute steht der Abschluss und zugleich der Höhepunkt ihres Plädoyers an: Die Strafmaßforderung für Beate Zschäpe und vier weitere Angeklagte.

Von Thies Marsen, BR

Mehr als vier Jahre lang wird im NSU-Prozess schon verhandelt. Welche Erkenntnisse in den rund 375 Verhandlungstagen gewonnen werden konnten, und was daraus für Schlussfolgerungen zu ziehen sind, das haben die drei Vertreter der Bundesanwaltschaft in ihrem Plädoyer zusammengefasst und in den vergangenen fünf Prozesstagen vorgetragen.

Heute soll all das noch einmal komprimiert und eingedampft werden auf fünf Zahlen - eine für jeden Angeklagten: die Strafmaßforderung. Die Bundesanwaltschaft wird also darlegen, ob und wie lange die Angeklagten ihrer Ansicht nach ins Gefängnis müssen.

Dass die Beweisführung sich dabei nicht immer einfach gestaltet, räumte Bundesanwalt Herbert Diemer schon vor Beginn des Plädoyers ein. Es sei ein Indizienprozess, zusammengesetzt wie ein Puzzle, so Diemer.

Beate Zschäpe zwischen ihre Anwälten Hermann Borchert (links) und Mathias Grasel | Bildquelle: dpa
galerie

Beate Zschäpe zwischen ihre Anwälten Hermann Borchert (links) und Mathias Grasel

Schuldig im Sinne der Anklage

Die rechtliche Bewertung durch die Bundesanwaltschaft fällt dennoch eindeutig aus: Alle Angeklagten sind schuldig im Sinne der Anklage und müssen deshalb mit hohen Haftstrafen rechnen - außer der NSU-Unterstützer und Waffenlieferant Carsten S.. Er ist als einziger voll geständig und hat von Prozessbeginn an Reue und den Willen zu Aufklärung und Wiedergutmachung gezeigt.

Ganz im Gegensatz zu seinem Mitangeklagten André E. In seinem Fall habe der Prozess ergeben, dass seine Schuld noch größer sei, als ursprünglich in der Anklageschrift ausgeführt, so die Bundesanwaltschaft. Er sei mitverantwortlich für versuchten Mord und besonders schweren Raub.

Für die Hauptangeklagte Beate Zschäpe wird die Bundesanwaltschaft wohl eine lebenslange Haftstrafe beantragen. Alles andere wäre eine faustdicke Überraschung. Zschäpe sei Mitglied der Terrororganisation NSU gewesen und damit unter anderem mitverantwortlich für zehn Morde und über 30 versuchte Morde, hatte Oberstaatsanwältin Anette Greger ausgeführt.

Bundesanwalt Herbert Diemer (links), Oberstaatsanwältin Anette Greger und Bundesanwalt Jochen Weingarten | Bildquelle: dpa
galerie

Bundesanwalt Herbert Diemer (links), Oberstaatsanwältin Anette Greger und Bundesanwalt Jochen Weingarten

Auch Kritik an der Bundesanwaltschaft

Nebenklage-Anwalt Bernd Behnke, der Angehörige des Rostocker NSU-Mord-Opfers Mehmet Turgut vertritt, kann dem nur zustimmen: "Ich sehe es als erwiesen an, dass sie nicht nur von allen Taten wusste, sondern auch die Tatbestände geleistet hat", so Bahnke.

Es gibt aber auch deutliche Kritik an der Bundesanwaltschaft von Seiten der NSU-Opfer-Angehörigen. So blieb etwa Gamze Kubasık, die Tochter des Dortmunder NSU-Mordopfers Mehmet Kubasık, dem Plädoyer der Anklagebehörde bewusst fern, wie ihr Anwalt Sebastian Scharmer betont: "Die Generalbundesanwaltschaft ist mitverantwortlich, dass der gesamte NSU-Prozess nicht aufgeklärt ist, dass Verdächtige frei herumlaufen, dass Infos nicht an uns weiter gegeben wurden."

Allerdings erwägt Gamze Kubasık offenbar, sich noch selbst im NSU-Prozess zu Wort melden. Sobald die Bundesanwaltschaft ihre Strafmaßforderung verkündet und damit ihr Plädoyer beendet hat, sind nämlich die Nebenkläger an der Reihe. Mindestens 50 Anwälte und auch einige Menschen, die durch Bomben des NSU verletzt oder deren Angehörigen von der Terrorgruppe ermordet wurden, wollen dann das Wort ergreifen.

Wann fällt das Urteil?

Die Anwältin Doris Dierbach vertritt Angehörige des Kasseler Mordopfers Halit Yozgat: "Die Vertreter der Nebenkläger haben sich abgesprochen, dass sie in einzelnen Komplexen Stellung nehmen werden. Und auch das wird eine Weile dauern, es wird sicherlich ein bis anderthalb Monate in Anspruch nehmen."

Danach stehen die Plädoyers der insgesamt 14 Verteidiger an. Auch die fünf Angeklagten haben dann die Möglichkeit, noch einmal das Wort zu ergreifen. Wann das Urteil im NSU-Prozess fallen wird, ist also immer noch nicht abzusehen.

Abschluss der Plädoyers
Thies Marsen, BR
12.09.2017 03:22 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete am 12. September 2017 WDR 5 um 06:43 Uhr und die tagesschau um 12:00 Uhr.

Darstellung: