Verschwunden in Deutschland

Minderjährige Geflüchtete Verschwunden in Deutschland

Stand: 25.03.2017 11:16 Uhr

Mehr als 8000 minderjährige Flüchtlinge sind in Deutschland vermisst gemeldet. Die Behörden wissen nichts über den Verbleib der Jugendlichen. Einige sind in eine Parallelwelt der Prostitution und Drogen abgerutscht. Wo sind die anderen?

Von Anna Tillack und Natalie Amiri, BR

Wir folgen Nima durch das Dickicht in den Park. Er ist Stricher im Berliner Tiergarten und zeigt uns, wo sich hier Jugendliche verkaufen - Bulgaren, Afghanen, Iraner. In der Dunkelheit erzählt uns ein afghanischer Junge in gebrochenem Deutsch, er würde schon seit Tagen im Park schlafen, zusammen mit vielen anderen, die hier ihr Nachtlager aufgebaut hätten.

Den Männerstrich im Berliner Tiergarten gibt es schon lange. Neu ist, dass deutsche Männer hier mit jungen Flüchtlingen ins Geschäft kommen. Doch die Behörden geben sich ahnungslos. Die Berliner Polizei schreibt uns, ihr lägen keine Informationen über unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Prostitution vor.

8000 geflüchtete Minderjährige verschwunden

Dabei sind gerade die Minderjährigen, die ohne ihre Eltern nach Deutschland gekommen sind, eine besonders verletzliche Gruppe. Immerhin 8000 sind verschwunden, von ihnen haben die Behörden jede Spur verloren.

Die Vermisstenzahlen sind seit Monaten konstant hoch. Und das, obwohl Jungen, die 18 Jahre alt werden, sofort aus der Statistik fallen. Das bayerische Landeskriminalamt räumt ein, dass gar nicht aktiv nach ihnen gesucht werde. Es ist das erste Mal, dass die Polizei so etwas zugibt. Die Menge an Vermisstenmeldungen habe die Behörden schlichtweg überfordert.

Suche nach dem 16-jährigen Mubarak

Einer der vermissten Flüchtlingsjungen ist Mubarak. Er verschwand im vergangenen Sommer mit 16 Jahren aus seiner Unterkunft in Bautzen. Quer über sein Foto verläuft ein mit rotem Filzstift gemaltes X, Mubarak ist durchgestrichen.

Seinen Freunden habe er noch erzählt, er müsse dringend Geld verdienen. Nachts, wenn er glaubte, niemand würde es merken, habe er im Bett geweint. Dann ist er plötzlich weg und auch über Telefon, Facebook und Whatsapp nicht mehr erreichbar.

Nach 24 Stunden schalten seine Betreuer die Polizei ein, eine Vermisstenmeldung wird aufgegeben, doch der Junge bleibt verschwunden. Wir fassen den Entschluss, ihn zu suchen. Besonders deutsche Großstädte sind für die untergetauchten Jungen ein Magnet.

Viele minderjährige Dealer sind Flüchtlinge

Das Kottbusser Tor in Berlin ist einer der größten Drogenumschlagsplätze der Stadt. Eine Gruppe arabisch sprechender Dealer bietet uns im Schatten einer asiatischen Imbissbude ihre Ware an. Die Drogen trägt der Jüngste der Gruppe in einem Brustbeutel. Er ist 17.

Eine perfide Strategie der Drogenclans, minderjährige Flüchtlinge anzuwerben, sagt Andreas Böhl vom Bund deutscher Kriminalbeamter. Sie seien leichte Beute für die Hintermänner, da leicht zu manipulieren. Mit fatalen Folgen: 2016 seien allein in Berlin fast ein Viertel aller minderjährigen Dealer Flüchtlinge gewesen, räumt die Polizei auf mehrmaliges Nachhaken ein.

Mubarak bleibt mit seiner Angst alleine

Mubarak, den vermissten Jungen aus Bautzen, haben die Behörden aus den Augen verloren. Wir versuchen ihn per Facebook über sein Heimatland zu finden. In Afghanistan schalten wir eine Seite, über die wir fragen, ob jemand Mubarak kennt. Ein paar Tage später haben wir Glück und jemand vermittelt uns den Kontakt.

Wir rekonstruieren Mubaraks Weg. Unterwegs habe er in Moscheen geschlafen und sich schließlich bis nach Frankreich durchgeschlagen. Dabei wird er mehrmals von deutscher und französischer Polizei kontrolliert, doch auf die Vermisstenmeldung stößt niemand. Mubarak landet im illegalen Lager von Calais, das die Behörden im Herbst 2016 gewaltsam räumen lassen. Inmitten von brennenden Zelten und schreienden Menschen bleibt Mubarak mit seiner Angst alleine.

Journalistin Anna Tillack vor den Trümmern des Flüchtlingslagers in Calais
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Journalistin Anna Tillack vor den Trümmern des geräumten illegalen Flüchtlingslagers im französischen Calais. Hier hatte sich der 16-jährige vermisste Mubarak aufgehalten.

Auf der Suche nach einem besseren Leben

Wochen später treffen wir ihn an einem einsamen Strand im Westen Frankreichs. Den Jungen, über den weder die deutschen noch die französischen Behörden genau Bescheid wissen. Kein Fingerabdruck, keine Nachfragen. 

Mubarak sitzt alleine auf einem Felsen, starrt aufs Meer und zupft nervös an der Haut seiner Finger. Seit mittlerweile drei Jahren ist er auf der Suche nach einem besseren Leben. Er habe auf dem Boden geschlafen, gefroren und die Kinder beneidet, die mit ihrer Familie unterwegs waren. Niemand könne sich vorstellen, wie viel er geweint habe, erzählt er mit viel Überwindung. Er sei vollkommen allein gewesen. Wie es ihm geht, habe in Deutschland niemanden interessiert.

Deutschland verletzt Sorgfaltspflicht

Mubaraks Vater ist gestorben, deshalb wollte der Junge seiner Mutter und den Geschwistern in der Heimat Geld schicken. Er steht unter Druck. In Deutschland habe man ihm dabei nicht geholfen. Deshalb auch der Beschluss, abzuhauen. Mit einer Gruppe Männer, 200 Euro und Angst zieht er weiter ins Ungewisse.

Dabei wäre es die Pflicht Deutschlands, sich um den Jungen zu kümmern. Indem die Behörden das Verschwinden der Jugendlichen hinnehmen, verletzt der Staat seine Sorgfaltspflicht. Jungen wie Mubarak kann man finden und sollte es auch - bevor es die Falschen tun.

Die Story im Ersten sehen Sie am Montag, 27.03.17 um 22.45 Uhr.

Über dieses Thema berichtete die Story im Ersten am 27. März 2017 um 22:45 Uhr.

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