Helmut Kohl Europa geeint, Familie entzweit

Stand: 22.06.2017 16:34 Uhr

Viele sehen in Helmut Kohl den Kanzler des geeinten Europas. Die eigene Familie zu einen, gelang ihm hingegen nicht. Nun blieb Kohls Enkelkindern der Zugang zum Haus des Großvaters verwehrt.

Von Ute Spangenberger, SWR

Die Szenen, die sich in diesen Tagen vor dem Bungalow von Helmut Kohl  in Ludwigshafen-Oggersheim abspielen, taugen für das Drehbuch eines Familiendramas. Oder ist es schon eine Tragödie? Die Geschichte der Familie Kohl ist eine Verkettung von Vernachlässigung, Eifersucht, verletzter Eitelkeit und Sprachlosigkeit, die über den Tod des Altkanzlers hinausgeht.

Dutzende Journalisten, Kamerateams und Fotografen haben sich seit dem Tod von Helmut Kohl vor dem Haus versammelt und warten täglich wie gebannt darauf, dass sich die dunkle, schwere Haustür für Sekunden öffnet.

Sohn erfuhr im Radio von Kohls Tod

Freitagabend öffnet sich die Haustür für einen Moment. Heraus kommt Walter Kohl, 53, der ältere der beiden Kohl-Söhne. Er hat Redebedarf. Was er - tief bewegt - in die Mikrofone sagt, offenbart viel über das zerrüttete Verhältnis in der Familie Kohl: "Ich habe es um kurz nach sechs Uhr auf einer Autofahrt im Radio gehört. Und Sie können sich vorstellen, wenn Sie dann auf einer Landstraße sind und im Radio hören, dass Ihr Vater gestorben ist, dass das eine schwierige Situation ist."

Offenbar war der Kanzlersohn aus dem Umfeld seines Vaters nicht über dessen Tod informiert worden. Kohls zweite Frau, Maike Kohl-Richter hatte ihn nicht angerufen, dafür aber Jean-Claude Juncker, den Präsident der Europäischen Kommission.

Welche Szenen sich zuvor im Bungalow am Totenbett abgespielt haben, ob Walter Kohl und Maike Kohl-Richter überhaupt miteinander gesprochen haben, darüber ist nichts bekannt. Seit Jahren hatten Helmut Kohl und seine zweite Frau Maike keinen Kontakt mehr zu den beiden Söhnen Walter und Peter aus der ersten Ehe mit Hannelore Kohl. 

Maike und Helmut Kohl | Bildquelle: dpa
galerie

Die Kohl-Söhne zeichnen ein negatives Bild von Maike Kohl-Richter, der zweiten Frau ihres Vaters. (Archivbild aus dem September 2010)

Witwe redet nicht mit der Presse

Maike Kohl-Richter redet in diesen Tagen nicht mit der Presse. Das übernehmen der Rechtsanwalt der Familie, Stephan Holthoff-Pförtner, sowie der ehemalige Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, Kai Diekmann, ein langjähriger Freund Helmut Kohls. Er war im Mai 2008 Trauzeuge bei Kohls zweiter Hochzeit.

Walter und Peter Kohl waren bei der Hochzeit nicht eingeladen. Das Bild, das sie von der zweiten Frau ihres Vaters zeichnen, ist negativ. In einer Talkshow 2013 erzählen sie über das zerrüttete Verhältnis, darüber, wie sich das Ehepaar Kohl-Richter mit den Jahren immer mehr zurückzog. Sie schreiben Bücher, äußern sich kritisch über die - ihrer Meinung nach - zu dominante Rolle von Kohls zweiter Frau.

In ihren Büchern bemühen sich die beiden Söhne, das Ansehen ihrer Mutter in der Öffentlichkeit zu bewahren. Hannelore Kohl hatte sich 2001 in ihrem Haus in Oggersheim das Leben genommen. Sie soll viele Jahre lang an einer Lichtallergie gelitten haben. Wenige Wochen zuvor hatte der jüngere Sohn Peter in der Türkei geheiratet. Hannelore Kohl konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht an der Hochzeit teilnehmen.

Kohls zweite Ehefrau, Maike Kohl-Richter, wurde seit der Heirat immer mehr als die Frau wahrgenommen, die ihren Mann von seinen Freunden und politischen Weggefährten abschirmte, ja sogar isolierte.

Hausverbot für Walter Kohl

Am Mittwoch erreichte der öffentlich ausgetragene Streit der Familie Kohl einen neuen Höhepunkt. Walter Kohl war ein weiteres Mal zum Haus gekommen. Dieses Mal hatte er zwei Kohl-Enkel dabei, die ihren Großvater seit Jahren nicht gesehen hatten. Vergeblich warteten sie auf Einlass.

Walter Kohl erzählte den Reportern anschließend, er habe Hausverbot. Ein vereinbartes Telefonat über den Ablauf der Trauerfeier, sei nicht zustande gekommen. Maike Kohl-Richters Anwalt wiederum wirft Walter Kohl vor, er habe einen Eklat vor dem Haus seines Vaters provozieren wollen.

Ein unwürdiger Streit

Ausgerechnet in der Woche nach dem Tod des Altkanzlers wird der Familienstreit öffentlich ausgetragen, überlagert das historische Bild des Kanzlers der Einheit. Welche Seite für das zerrüttete Familienverhältnis und die aktuelle Eskalation verantwortlich ist - von außen ist das nicht zu beurteilen.

Es ist ein unwürdiger Streit im Angesicht des Todes. Helmut Kohl hatte großen Anteil an der Überwindung der deutschen Teilung und an der Einigung Europas. Die eigene Familie dagegen hinterlässt er zerstritten.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 16. Juni 2017 um 23:15 Uhr.

Darstellung: