Kohlekraftwerk | Bildquelle: dpa

Bündnis gegen Kohle Das Nach-Kohle-Zeitalter ist eingeläutet

Stand: 16.11.2017 18:54 Uhr

Kanada und Großbritannien bringen unerwartet Bewegung in die Klimakonferenz: Unter ihrer Führung gründen 26 Staaten, Regionen und Städte ein Bündnis für die "Nach-Kohle-Ära". Das einstige Klimaschutz-Vorbild Deutschland wird schmerzlich vermisst.

Von Lorenz Beckhardt, WDR

Der große Konferenzsaal der EU-Delegation platzte aus allen Nähten. "Oh, offenbar haben wir etwas Gutes getan", strahlte Claire Perry, die britische Ministerin für Klimawandel und Industrie, angesichts des Andrangs an Delegierten und Pressevertretern. Mit Macht mussten sich Sicherheitsbeamte der UN immer wieder gegen eine Menschenmenge stemmen, die versuchte, noch in den völlig überfüllten Raum zu gelangen.

Zehn EU-Mitgliedsstaaten dabei

Drinnen stellten - sichtlich stolz - Minister aus 19 Staaten, fünf kanadischen Provinzen und zwei US-Bundesstaaten ihre "Past Coal Alliance" vor, ein neues Bündnis für die Nach-Kohle-Ära. Unter den Bündnispartnern sind neben den noch zur EU zählenden Briten gleich neun weitere EU-Mitglieder: Frankreich, Österreich, Belgien, Finnland, Dänemark, Italien, Luxemburg, Niederlande und Portugal.

"Kohlekraftwerke liefern 40 Prozent der globalen Elektrizität. Kohle trägt am stärksten zum Klimawandel bei", heißt es im Gründungsdokument. "800.000 Menschen sterben jedes Jahr weltweit an den Folgen der Verschmutzung durch verfeuerte Kohle. Um das Pariser Klimaabkommen zu erfüllen, muss ein Kohleausstieg in den Ländern der OECD und der EU bis 2030 vollzogen sein, im Rest der Welt bis spätestens 2050."

Bekenntnis zur Kohlefreiheit

Die Mitglieder der Allianz versprechen, alte Kohlekraftwerke stillzulegen und neue nur ans Netz zu lassen, wenn sie mit "Carbon Capture and Storage" ausgestattet sind, einer Technik, mit der CO2 aus dem Abgas entfernt und sicher gelagert wird. Auch die nationale Wirtschaft jedes Bündnispartners und alle Nichtregierungsorganisationen, die mit den jeweiligen Regierungen kooperieren, sollen sich zur Kohlefreiheit bekennen.

Auf die Frage, ob sie Deutschland in ihrer Allianz vermisse, weicht Catherine McKenna, die kanadische Ministerin für Umwelt und Klimawandel, gegenüber tagesschau.de mit einem Lächeln aus: "Jedes Land ist verschieden und schwere Entscheidungen sind oft schwer zu entscheiden."

Kohlestapler in Kanada | Bildquelle: picture alliance / All Canada Ph
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Kohlestapler in Kanada. Das Land hat das Bündnis gemeinsam mit Großbritannien initiiert

Ihre britische Kollegin Claire Perry ergänzt mit Blick auf Deutschland: "Klar sind wir stärker, wenn wir alle zusammenarbeiten. Aber andere Politiker werden uns als Vorbilder sehen und sagen: 'Oh, schau mal, die machen das jetzt.' So stärken wir uns gegenseitig."

Kopfschütteln über Deutschlands Abwesenheit

Ann-Kathrin Schneider | Bildquelle: Lars Tepel / WDR
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Deutschland steht in der Schmuddelecke, sagt BUND-Sprecherin Schneider.

Dass Deutschland, das seit Jahren jede fortschrittliche Koalition innerhalb der UN-Klimaverhandlungen mit angeführt hat, dieses Mal abseits steht, ruft bei vielen Teilnehmern des Klimagipfels Kopfschütteln hervor.

Das Ende des Kohlezeitalters sei da, sagt Ann-Kathrin Schneider, die klimapolitische Sprecherin des BUND, zu tagesschau.de:

"Deutschland sollte die Bewegung anführen. Stattdessen steht Deutschland in der Schmuddelecke und verliert den Anschluss. Doch auch die Anführer des globalen Kohleausstiegs sind keine lupenreinen Vorbilder in Sachen Klimaschutz. Großbritannien will das Fracking wieder aufnehmen und wird dadurch seine Treibhausgasemissionen erhöhen. Kanada baut weiterhin Teersand ab und verfeuert ihn, was eine riesige Umweltsauerei ist."

Ziel: 50 Mitglieder bis zum nächsten Gipfel

Auch Bundesumweltministerin Barbara Hendricks kommentierte das neue Anti-Kohle-Bündnis: "Wir wurden gefragt, ob wir da mitmachen. Ich habe um Verständnis gebeten, dass wir das nicht im Vorgriff auf die nächste Regierung entscheiden können."

Das Bündnis will bis 2018, bis zum nächsten Klimagipfel im polnischen Katowice, auf 50 Länder anwachsen. "Es wird noch reichlich Gelegenheit geben, unserer Allianz beizutreten", sagt Catherine McKenna. Die Tür für den einstigen Klimamusterschüler Deutschland bleibt offen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 16. November 2017 um 18:00 Uhr.

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