Sahra Wagenknecht und Katja Kipping (Archivbild September 2013)

Linkspartei-Vorsitzende Kipping Im Schatten der Frau W.

Stand: 30.07.2016 16:32 Uhr

Linkspartei-Chefin Kipping gilt als Brückenbauerin, ist dennoch nicht unumstritten. Fraktionschefin Wagenknecht würde lieber nach ihren eigenen Regeln spielen - und zeigt das auch immer offener. Dabei stehen wichtige Entscheidungen an.

Von Julia Krittian, ARD-Hauptstadtstudio

Gerade erst war Katja Kipping mit einem Erzbischof Eis essen. Zugegeben, Anlass war ein gemeinsames Interview zum Thema Gott und Gottlose, aber am Ende stellte der Bischof fest: Er würde die Vorsitzende der Linkspartei auch zu sich nach Hause einladen. Kipping kann das ziemlich gut: Brücken bauen. In ihren vier Jahren als Parteivorsitzende hat sie es geschafft, die hoffnungslos zerstrittene Partei nach außen erstaunlich zu befrieden. Die 38-Jährige gilt als flexibel und wenig dogmatisch. Kritiker sagen, das habe seinen Preis: schiere Langweile.

Gregor Gysi attestierte der Linken gar, sie sei "saft- und kraftlos". Das war direkt vor Kippings Wiederwahl zur Parteivorsitzenden. Sie musste den Vorwurf also fast schon persönlich nehmen - auch wenn sie ihn nach außen als "wenig hilfreich" heruntergespielt hat.

Wagenknecht will die Spielregeln diktieren

Scheinwerfer, Aufmerksamkeit, Berichterstattung generiert die andere Frontfrau der Linken: Sahra Wagenknecht. Sie ist das Gesicht in den Talkshows, bei ihren Auftritten im Bundestag hören auch die Koalitionsfraktionen meist genauer hin. Sie punktet auch bei Bankern, Unternehmern und CDU-Anhängern. Wagenknecht weiß um ihre Strahlkraft und spielt sie aus. Immer offener will sie die Spielregeln diktieren. Immer größere Teile der Partei finden, Wagenknecht spaltet.

Aktuelles Beispiel: Nach der Gewaltserie in Bayern stichelt die Fraktionsvorsitzende der Linkspartei, Angela Merkels offene Asylpolitik, das "Wir schaffen das", sei "leichtfertig" gewesen. Der Staat müsse "alles dafür tun", dass sich die Menschen wieder sicher fühlen. Es sei wichtig, zu "wissen, wer sich im Land befindet". Nun gehören Attacken auf die Kanzlerin zum Kerngeschäft der größten Oppositionspartei im Bundestag, aber nicht wenige Parteifreunde sahen in dem Alleingang auch einen Angriff auf die eigene Parteilinie. Unabgesprochen - und rechts außen.

Auch mal mit AfD-Slogans bei der Stange halten

Nach einem Aufschrei quer durch die Partei ruderte Wagenknecht zurück - sie sei "missverstanden worden". Doch ihrem Kurs werde sie weiterhin treu bleiben, mutmaßt ein einflussreiches Parteimitglied. Ihr innerer Kompass sei eben nicht die Parteilinie, sondern das Gespräch am heimischen Küchentisch mit Ehemann Oskar Lafontaine. Beide definierten die Linke in erster Linie als Protestpartei. Und in dieser Logik müsse man Protestwähler eben auch mal mit AfD-Slogans bei Stange halten.

Für die Parteispitze ist das ein Ärgernis. Die Berliner Genossen sehen 2017 zumindest eine kleine, wenn auch gestiegene Chance für ein rot-rot-grünes Bündnis. Damit könnte man Protestwählern auch eine Alternative zu Merkel bieten. Tatsächlich hat SPD-Chef Sigmar Gabriel zuletzt offen den Kontakt gesucht. In der Außenpolitik versuchen führende SPD-Politiker in diesen Tagen, gezielt Unterschiede zur Union und Angela Merkel aufzubauen - etwa beim Thema Brexit, Türkei oder Russland.

Gabriel ist persönlich ins Saarland gefahren, um sich mit Oskar Lafontaine auszutauschen. Erst vor wenigen Tagen dann ist der SPD-Vorsitzende im Anschluss an einen Termin bei der Kanzlerin mit beiden linken Frontfrauen im Garten der parlamentarischen Gesellschaft spaziert. Das genaue Gegenteil von einem Geheimtreffen. Hier mussten sie gesehen werden.

Was will die Linkspartei?

Kipping registriert, dass auch Gabriel derzeit Brücken baut. Allerdings sei bei ihm nie klar, wie haltbar die Brücke sei und ob er sie nicht übermorgen selbst wieder einreiße. Wie wahrscheinlich ist Rot-rot-grün - oder "r2g", wie es mittlerweile gerne genannt wird - also? Was will die Linkspartei? Protest oder Mitregieren? Schon im Herbst könnte sich die Frage ganz real in Berlin stellen - im Roten Rathaus. Und im nächsten Herbst bei der Bundestagswahl.

Noch hat die Linkspartei nicht entschieden, mit welchen Themen sie den Bundestagswahlkampf führen will - genauso spannend könnte diesmal aber auch sein: mit welchen Gesichtern. Beim letzten Mal gab es gleich acht Spitzenkandidaten, um alle Strömungen zu befrieden. Wagenknecht war eine davon. Kipping nicht. Einen Achter, soviel ist immerhin zu hören, werde man diesmal auf keinen Fall ins Rennen schicken.

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