Der Stern der Synagoge der Jüdischen Gemeinde Halle | Bildquelle: picture alliance / dpa

Antisemitismus in Deutschland "Wir sind nicht mehr sicher hier!"

Stand: 19.01.2016 08:55 Uhr

Angriffe auf Synagogen, Beleidigungen im Alltag, schwer bewachte Schulen: Sind Juden in Deutschland noch sicher? Viele Juden können diese Frage nicht mehr eindeutig mit Ja beantworten. Sie fühlen sich bedroht.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Ermittler suchen vor der Synagoge in Wuppertal nach Spuren. | Bildquelle: dpa
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Ermittler vor der Synagoge in Wuppertal (Archivbild)

Eine Synagoge, ein Brandanschlag - und angeblich kein antisemitisches Motiv: Im Sommer 2014 warfen Palästinenser Brandsätze auf ein jüdisches Gotteshaus in Wuppertal. Das Amtsgericht verurteilte die Männer im Februar 2015 wegen versuchter schwerer Brandstiftung zu Bewährungsstrafen, das Landgericht erhöhte die Strafen am Montag bei einer Berufungsverhandlung. Ein antisemitisches Motiv sei aber nicht eindeutig zu erkennen, meinte das Amtsgericht. Mit der Aktion hätten sie lediglich auf den damaligen Gaza-Krieg aufmerksam machen wollen.

Ein Fehlurteil, meint Leonid Goldberg. Der Vorsitzende der betroffenen Gemeinde in Wuppertal betont, die Botschaft der Tat sei eindeutig: "Wenn in Deutschland eine Moschee beschmiert wird, dann wissen alle sofort, dass das islamfeindlich ist. Und so ist es eben auch judenfeindlich, wenn man eine Synagoge in Brand setzen will. Und wenn, wie jüngst in der Türkei, eine Kirche in Flammen aufgeht, ist die Botschaft klar: Man möchte Christen dort nicht haben. So lautet auch die Botschaft der Täter von Wuppertal: Sie möchten Juden hier nicht haben."

Welle des Hasses

Hasserfüllte Demonstrationen gegen den Gaza-Krieg und die folgenden Übergriffe wie in Wuppertal waren im Sommer 2014 für viele jüdische Deutsche eine neue Dimension des Hasses: In Berlin skandierte ein Mob "Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf' allein!" Zudem wurde ein Ehepaar aus Israel angegriffen.

Im Ruhrgebiet wurden am Rande einer Demonstration, die von der Jugendorganisation der Linkspartei angemeldet worden war, pro-israelische Gegendemonstranten attackiert. In weiteren Städten gab es ähnliche Vorfälle. Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, sah jüdische Mitbürger in Gefahr. Nach dem Anschlag in Wuppertal riet sie Juden, sich erst einmal "nicht als Jude erkennbar zu machen". Das Risiko, Ziel eines Angriffs zu werden, sei sonst zu groß, sagte sie dem "Kölner Stadt-Anzeiger".

Ein Teilnehmer einer Gaza-Demonstration springt mit einem Fußtritt in eine kleine Kundgebung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Hannover.
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Ein Teilnehmer einer Gaza-Demonstration springt in Hannover in eine kleine Kundgebung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. (Bild vom Juli 2014)

Die Diskussion über die Sicherheit von Juden in Deutschland und Europa ist alles andere als neu. In Deutschland werden jüdische Einrichtungen seit Jahrzehnten aufwändig bewacht. Der Rabbiner Daniel Alter sprach gegenüber tagesschau.de von einer belastenden Situation, wenn seine Kinder zwischen Panzerglas, bewaffneten Sicherheitsleuten und Metalldetektoren aufwachsen müssten. "Aber es wäre noch viel belastender, die Sicherheitsvorkehrungen nicht zu haben."

Alter betonte, es gebe einen starken Antisemitismus in der Community mit türkischem, arabischem, islamischem Migrationshintergrund: Einige Stadtviertel seien für Juden zu "No-Go-Areas" geworden, so Alter. "Da muss man mindestens mit Pöbeleien oder verbalen Übergriffen rechnen. Auch die Fußballer der Berliner Vereins TuS Makkabi sind immer wieder mit Anfeindungen konfrontiert. Gegner beschimpften die Spieler als "dreckige Juden" und drohten, sie "abzustechen".

ARD-Journalistin antisemitisch beleidigt

Tamara Anthony
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In Hamburg antisemitisch beleidigt: Tamara Anthony

Doch der Antisemitismus ist kein Alleinstellungsmerkmal von einem Straßen-Mob, sondern seit jeher auch in besser gebildeten Schichten - im Salon - beheimatet. Das musste am Wochenende die ARD-Journalistin Tamara Anthony in Hamburg hautnah erleben. Ein Mann habe ihr in einer Bar im schicken Viertel Pöseldorf ins Gesicht gesagt, dass Juden in die Gaskammer sollten. "Als ich gesagt habe, dass ich Jüdin bin und er mich also ermorden will, meinte er 'In dem Fall: Ja!'" Anthony betonte im Gespräch mit tagesschau.de, der Mann habe mit einer Arroganz von "Ich verkörpere die Mehrheitsmeinung" gesprochen.

Wie verbreitet antisemitische Ressentiments tatsächlich sind, versuchten diverse Studien festzustellen. Doch das Untersuchungsobjekt ist komplex: Historische Schuldabwehr, obsessive Israelkritik, NS-Rassenlehre, muslimischer Antisemitismus, christlicher Antijudaismus - der Antisemitismus ist anpassungsfähig und zeigt viele Facetten. Dies wird auch an aktuellen Vorfällen deutlich: Während der ARD-Journalistin in einem großbürgerlichen Viertel der Tod in der Gaskammer gewünscht wurde, sollen zwei Flüchtlinge in der vergangenen Woche auf Fehmarn einen Juden aus Frankreich beschimpft und beraubt haben. In vielen Gemeinden fürchten Juden, durch die Zuwanderung aus arabischen Staaten könnte der Antisemitismus anwachsen.

"Wir haben schon reichlich eigene Antisemiten im Land"

Die islamistischen Terroranschläge in Europa bereiten zusätzliche Sorge. "Jüdinnen und Juden, auch in Deutschland, leben schon seit langem mit dem Gefühl, vom Terrorismus direkt bedroht zu sein", sagt Stephan Kramer, Chef des Verfassungsschutzes in Thüringen, im Gespräch mit tagesschau.de. Der ehemalige Generalsekretär des Zentralrats der Juden warnt, bei vielen Bürgern sei der Eindruck entstanden, der Staat übe sein Gewaltmonopol nicht wirksam aus. "Dieses Gefühl der Bürger muss die Politik ernst nehmen und die rechtsstaatlichen Mittel zum Schutz unserer Sicherheit voll ausschöpfen."

Bundespräsident Gauck und der damalige Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Kramer, stehen am 09.11.2013 an der Gedenkstätte "Wachsen mit Erinnerung" in Eberswalde. | Bildquelle: dpa
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Stephan Kramer (links) meint, Deutschland habe "schon reichlich eigene Antisemiten". (Archivbild)

Dabei gelte es aber auch, nicht das Augenmaß zu verlieren, so Kramer. "So ist es beispielsweise richtig, dass die meisten Flüchtlinge aus Staaten geflohen sind, in denen Antisemitismus zur Staatsdoktrin gehört. Gleichwohl wäre es vorschnell und falsch, daraus abzuleiten, dass die Flüchtlinge per Definition eine Bedrohung oder für das Anwachsen des Antisemitismus verantwortlich sind. Wir haben schon reichlich eigene Antisemiten im Land, die nicht weniger aktiv sind."

Rechtsmotivierte Straftaten dominieren

Aus Statistiken wird tatsächlich deutlich, dass die überragende Anzahl von antisemitischen Straftaten von Rechtsextremen begangen wird. Antisemitismus ist kein importiertes, sondern ein internationales Problem.

Dies zeigt auch die Tatsache, dass immer wieder jüdische Friedhöfe geschändet werden. Erst vor wenigen Tagen rissen Unbekannte in Hannover Grabsteine um und schlugen Fensterscheiben ein. Es war der dritte Übergriff innerhalb weniger Wochen. Aus einer Antwort der Bundesregierung geht hervor, dass es von 2001 bis 2013 in Deutschland insgesamt 587 antisemitische Straftaten im Zusammenhang mit jüdischen Friedhöfen gegeben habe - die meisten davon rechtsmotiviert.

"Kein Anliegen, das von Herzen kommt"

Das Phänomen ist also vielschichtig. Der Journalist Daniel Killy, Sprecher der jüdischen Gemeinde in Hamburg, sagt gegenüber tagesschau.de, es scheine, als sei Deutschland immer noch ein recht sicheres Land für Juden. Doch es gebe Alarmsignale: Eine Zersetzung des staatlichen Gewaltmonopols, Exzesse der extremen Rechten, eine Erosion der Glaubwürdigkeit in der Politik. "Dazu kommt die Höllenangst, Islamismus als solchen zu benennen", kritisiert Killy - und kommt so dem Schluss: "Nein, wir sind nicht mehr sicher hier."

Polizist vor jüdischer Schule | Bildquelle: dpa
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Jüdische Kinder wachsen in Deutschland oft zwischen Panzerglas, bewaffneten Sicherheitsleuten und Metalldetektoren auf: Ein Polizist vor einer Schule in Hamburg.

Die Bloggerin Juna Grossmann sagt, sie habe "nicht das Gefühl, dass unsere Sicherheit und Freiheit ein Anliegen der Deutschen ist, ein Anliegen, das von Herzen kommt". Sie habe einsehen müssen, "dass aus Geschichte nicht gelernt wurde, dass alles weiter - inzwischen für jeden unüberhörbar - brodelt". Daher, so Grossmanns Bilanz, könne von Sicherheit für Minderheiten, egal welcher Herkunft, Ethnie oder Einstellung, nicht gesprochen werden.

Und die Heidelberger Publizistin Ramona Ambs sagt im Gespräch mit tagesschau.de: "Wir sind relativ sicher - zumindest in unseren Gemeinden. Denn vor unseren Synagogen steht Polizei, wir haben einen Türsteher und mehrere Notausgänge." Außerhalb sehe es aber schon anders aus. Sie sei kürzlich in einer Bahn angespuckt worden. "Das war sehr bedrückend, weil ich meinen kleinen Sohn dabei hatte und Angst hatte, dass noch mehr passiert." Wenn man als jüdisch identifiziert werde, könne es übel ausgehen - und zwar egal, ob von Nazis oder Islamisten, so Ambs. "Denn auch wenn deren Judenhass sich anders speist - die Faust schlägt genauso zu."

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