Bundesamt für Verfassungsschutz | Bildquelle: AP

Verfassungsschutz Der rätselhafte Islamist

Stand: 01.12.2016 19:05 Uhr

Die Ermittler werden aus dem beim Verfassungsschutz enttarnten Islamisten nicht schlau. Eine Gewalttat wollte er vorbereiten, er war in der Homosexuellen-Szene unterwegs, führte aber auch ein Familienleben.

Von Michael Götschenberg, ARD-Hauptstadtstudio

Auch nach zwei Wochen in Untersuchungshaft gibt der beim Verfassungsschutz enttarnte mutmaßliche Islamist Rätsel auf. Je genauer man hinschaut, desto weniger passt das Bild dieses Mannes zu dem, was er vorgibt, zu sein.

So ließ sich R.M. noch am 3. November in einem Krefelder Tattoo-Studio Che Guevara auf die rechte Brust tätowieren. Sicherlich kein typisches Tattoo für einen Islamisten. Den Schriftzug "Ein Mann, ein Wort", trug er schon länger auf der Brust. Ein Foto davon postete er auf seinem Facebook-Profil. Überschrieben mit "Mein neues".

Auf dem Profil findet sich kein Hinweis darauf, dass er zum Islam konvertiert sein, geschweige denn sich radikalisiert haben könnte. Doch es ist nicht sein einziges Profil.

Auf einem anderen Facebook-Profil bedauert er wenige Tage später die Verhaftung des salafistischen Predigers Abu Walaa. Auf diese Weise wird der Verfassungsschutz auf ihn aufmerksam - sein eigener Arbeitgeber.

Islamist mit Vorliebe für Männer

Dieses Facebook-Profil unter falschem Namen verrät viel über R.M. und seine Persönlichkeit. Denn nur eine Woche zuvor hatte er auf eben diesem Profil ein Foto einer eindeutig homosexuellen Plattform geteilt. Ein Islamist, der aus seiner Vorliebe für Männer kein Geheimnis macht?

Unter den 173 Facebook-Freunden dieses Profils sind zahlreiche Islamisten, doch nicht nur. Auch mindestens zwei rechtsextremistische Partei-Funktionäre befinden sich darunter.

Hans-Georg Maaßen | Bildquelle: dpa
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Erklärungsbedarf: Verfassungsschutzpräsident Maaßen

Ein großer Plan

Seit zwei Wochen sitzt R.M. in Untersuchungshaft. Den Ermittlern gegenüber gestand er, Islamist zu sein. Er habe die Absicht gehabt, das Bundesamt für Verfassungsschutz zu unterwandern. Sobald er frei komme, wolle er nach Syrien gehen. Er sei Teil eines großen Plans, den Verfassungsschutz zu unterwandern.

Kontakte zum IS lassen sich bisher allerdings nicht feststellen. In Sicherheitskreisen heißt es, er habe im Gefängnis bisher kein einziges Mal gebetet. Ein Islamist?

"Sämtliche Register abgecheckt"

Die Sicherheitsüberprüfung beim Verfassungsschutz hatte er problemlos bestanden. "Wir haben eine gründliche Sicherheitsüberprüfung gemacht, wo fünf Referenzpersonen befragt wurden, wo sämtliche Register abgecheckt worden waren. Ein mehrfacher Familienvater in geordneten Verhältnissen, der dann auch im Dienst gute Arbeit gemacht hatte", so Hans Georg Maaßen, der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz.

Doch das Bild, das R.M. von sich vermittelt hat, war nur ein Teil der Wirklichkeit. Schon 2014 will er telefonisch gegenüber einem salafistischen Priester zum Islam konvertiert sein, wie er aussagte. Seine Familie wusste davon nichts. "Mein Mann ist katholisch", soll seine Frau den Ermittlern gesagt haben.

Weitere Geheimnisse

Doch R.M. hatte weitere Geheimnisse. Vor ein paar Jahren hat er in Schwulen-Pornos mitgewirkt - unter demselben Namen, den er für sein islamistisches Alias-Profil bei Facebook verwendete.

Der verheiratete Vater von vier Kindern, eins davon schwer behindert, der Mann mit einem guten Job bei der Volksbank, führte über viele Jahre ein Doppelleben. Jahrelang war er ohne Wissen seiner Familie in der homosexuellen Szene unterwegs, doch dann flog er auf. Seine Frau warf ihn raus, erinnert sich jemand, der ihn damals gut kannte.

Die Verhältnisse ordneten sich

Auch beruflich ging es bei der Bank bergab. Schließlich bewarb sich R.M. 2015 beim Bundesamt für Verfassungsschutz. Zum Zeitpunkt der Sicherheitsüberprüfung hatte sich die Familie wieder arrangiert, R.M. kümmerte sich um sein behindertes Kind und ging offen mit seiner Homosexualität um. In diesem Sinne lebte er also tatsächlich in "geordneten Verhältnissen".

Für Misstrauen sorgte beim Bundesamt lediglich, dass er sich auf eine Stelle des mittleren Dienstes bewarb, was für ihn erhebliche finanzielle Einbußen bedeutete. Das sei ihm egal, sagte er, seine Frau sei Ärztin und verdiene genug. Damit gab man sich zufrieden.

Darüber hinaus ergab die Sicherheitsüberprüfung keine Hinweise auf irgendwelche Unregelmäßigkeiten, im Gegenteil: Fünf Personen aus seinem Umfeld wurden befragt, niemand äußerte sich negativ.

Sicherheitstest ohne Internet

Das, was das Ermittlungsverfahren innerhalb weniger Tage offenbarte, nachdem die Wohnung durchsucht und Speichermedien beschlagnahmt und ausgewertet worden waren, hatte R.M. bei seiner Sicherheitsüberprüfung verbergen können. Was ein Bewerber im Internet macht, ist nicht Gegenstand einer Sicherheitsüberprüfung.

Wer jetzt von Sicherheitslücken und Mängeln bei der Sicherheitsüberprüfung spricht, muss sich fragen, ob er den Datenschutz außer Kraft setzen will. Allerdings stellt sich die Frage, ob all das, was  im Rahmen der Überprüfung stattfindet, auf der Höhe der Zeit ist. Hätte ein intensiver psychologischer Test möglicherweise deutlich machen können, dass bei diesem Mann etwas im Argen liegt?

Das Bundesamt für Verfassungsschutz will seine Sicherheitsüberprüfungen nun überprüfen. Im Dienst zumindest soll R.M. vollkommen unauffällig gewesen sein. Den Ermittlern ist der Mann ein Rätsel.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 30. November 2016 um 22:45 Uhr.

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