Salafisten | Bildquelle: dpa

Programme für junge Muslime Auswege aus der Radikalisierung

Stand: 25.11.2015 15:14 Uhr

Erst der Ganzkörperschleier, dann sind es neue Freunde und plötzlich radikale Ansichten. Wenn Eltern merken, dass ihr Kind auf dem Weg zum Salafisten ist, brauchen sie Hilfe. Mittlerweile gibt es viele Anlaufstellen.

Von Ingrid Bertram, WDR

In der vergangenen Woche habe das Telefon ordentlich gerappelt, sagt Christoph Zander vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Nach einem Anschlag wie jetzt in Paris seien viele Eltern wachgerüttelt und riefen bei der "Beratungsstelle Radikalisierung" des BAMF an. "Fünf bis sechs Anrufe mit ernstzunehmendem Hintergrund kamen in der vergangen Woche täglich hier an", berichtet Zander. Normalerweise seien es so viele in einer Woche.

Vielleicht habe eine Mutter schon länger die Nummer parat liegen. Und wenn Eltern im Fernsehen sehen, dass ihre Kinder auch zu Mördern werden könnten, dann griffen sie endlich zum Hörer.

Am Telefon sitzen drei geschulte Berater des Bundesamtes und versuchen sich ein erstes Bild vom betroffenen Jugendlichen zu machen. Ist die Sorge der Eltern berechtigt, dann stellen sie einen Kontakt mit Präventionsprojekten vor Ort her. Insofern versteht sich die Hotline als erste Anlaufstelle.

Die Sozialarbeiter von Projekten wie "Wegweiser" in NRW sind es, die dann zum Beispiel auf Jugendliche zugehen. In Bonn, Bochum, Düsseldorf und Wuppertal gibt es bereits Büros, die das Land und der Verfassungsschutz NRW finanzieren. Anlaufstellen in weiteren Städten sollen folgen.

Unterwegs in "Räumen sozialer Kälte"

In der Regel sind die Pädagogen in Brennpunkten unterwegs, Ortsteile mit hohem Migrantenanteil und bildungsfernen Schichten. Oft seien es "Räume sozialer Kälte" in denen die Jugendlichen groß würden, sagt einer der Pädagogen, der nicht genannt werden möchte, weil er um das Vertrauen seiner Klienten fürchtet. "Viele kennen gar nicht die Frage 'Wie geht‘s Dir?' sondern nur 'Was willst Du von mir?'" Die Vaterfigur fehle, der Halt in der Familie - so dass Salafisten oft leichtes Spiel hätten, wenn sie Jugendliche vor der Schule auf der Straße ansprechen.

Aber wenn die Betroffenen freiwillig das Gesprächsangebot annehmen, können sie von den Sozialarbeitern sehr individuell betreut werden. Die beste Alternative zur Radikalisierung ist es oft, einen Job zu finden: Praktikumsplatz, der Weg zum Jobcenter, neue Aufgaben finden. Auch das kann bei der Identitätssuche vieler Jugendlichen helfen.

Beim Projekt "Maxime" in Berlin setzt die Präventionsarbeit schon in Schulen an. Die Experten des unabhängigen Verbundes "Violence Prevention Network" wollen bei so vielen Jugendlichen wie möglich schon eine "Grundimmunisierung" gegen radikalen Islamismus schaffen. In der Regel werden Workshops in der 9. und 10. Klasse von Schulen angeboten etwa zum Thema Islam, Nahost-Konflikt und interreligiöser Dialog. Der wird zum Beispiel von einem Deutsch-Palästinenser und einem Israeli geleitet, um Antisemitismus vorzubeugen. Der Vorteil der Workshops sei: Gefährdete Jugendliche, die vielleicht einem Lehrer bereits aufgefallen sind, würden in der Gruppe nicht stigmatisiert, sagt Cornelia Lotthammer vom Violence Prevention Network.

Kontakt am Tiefpunkt

Aber wie geht man mit Syrien-Heimkehrern um? Wie fängt man die auf und führt sie wieder in die Gesellschaft zurück? Viele der Pädagogen vom Violence Prevention Network sind auch studierte Islamwissenschaftler und gehen in Gefängnisse, um Kontakt zu inhaftierten Syrien-Heimkehrern aufzunehmen. Oft stehen die dann an einem Tiefpunkt im Leben und der Zeitpunkt ist genau der richtige, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Viele hochradikalisierte Islamisten erlebten Gewalt, verübten sie oder wurden selbst zu Mördern.

"Wir sagen dann, wir akzeptieren nicht Deine Tat, aber Dich als Menschen", sagt Lotthammer. Und das sei genau das, was viele von ihnen bisher in ihrem Leben noch nicht erfahren hätten: ein Gespräch ganz individuell oder in der Gruppe, der Blick in die eigene Biographie und ihre Brüche. Und wenn es sein muss "führen wir mit den Radikalisierten auch den theologischen Diskurs mit Hilfe von Imanen".

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