Konzentrationslager Stutthof | Bildquelle: picture alliance / NurPhoto

Nationalsozialismus Die Jagd auf NS-Verbrecher

Stand: 22.01.2018 04:36 Uhr

Auch mehr als 70 Jahre nach dem Ende der Nazi-Zeit wird nach ehemaligen KZ-Wachmännern gefahndet. Jana Lange berichtet über die schwierige Arbeit der Ermittler.

Von Jana Lange, SWR

Im November 2017 hat die Staatsanwaltschaft Dortmund Anklage gegen zwei ehemalige SS-Wachmänner wegen der Beihilfe zum hundertfachen Mord erhoben. Die beiden aus Wuppertal und dem Münsterland stammenden Rentner waren als junge Männer im Konzentrationslager Stutthof im Norden Polens eingesetzt.

Oberstaatsanwalt Andreas Brendel aus Dortmund und Kriminalhauptkommissar Stefan Willms vom LKA Düsseldorf. | Bildquelle: SWR
galerie

Oberstaatsanwalt Brendel und Kriminalhauptkommissar Willms führen die Ermittlungen.

Oberstaatsanwalt Andreas Brendel aus Dortmund und Kriminalhauptkommissar Stefan Willms vom LKA Düsseldorf haben unter anderem auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers nach Indizien und Beweisen im Fall der beiden 93 und 94 Jahre alten Männer gesucht.

Die Wachmannschaften hätten regelmäßig vier Aufgaben gehabt, erklärt Willms: Dienst auf den Türmen, am Tor, bei Postenketten und der Gefangenenbegleitung.

Waren Schreie aus Gaskammern zu hören?

Brendel hat sich bei seinem Ermittlungen besonders für den Dienst auf den Wachtürmen interessiert: "Wir wissen aus Vergasungsschilderungen, dass Schreie während der Vergasungen aus den Gaskammern drangen. Und wir gehen davon aus, dass auch die Leute, die auf den Türmen gesessen haben, schon deutlich wussten, was dort geschieht." Die Ermittler müssen vor allem nachweisen, welche konkreten Tötungshandlungen in der Dienstzeit der beiden Beschuldigten stattgefunden haben.

Im Moment wird die Verhandlungsfähigkeit der Männer geprüft. Mit jedem neuen Prozess stellt sich die Frage nach dem Sinn dieser späten Suche nach NS-Verbrechern. Klar ist heute: Das KZ-System der Nazis funktionierte so lange und mörderisch auch wegen seiner Wacheinheiten.

Historische Ausweisdokumente | Bildquelle: SWR
galerie

Historische Ausweisdokumente sind wichtige Indizien für die Ermittler.

Es gab Alternativen zum KZ-Dienst

Der Historiker Stefan Hördler leitet die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Seit langem beschäftigt er sich schon mit Zusammensetzung und Motivation des KZ-Personals. Wollten einige am liebsten weg? Konnten sie das überhaupt? Welche Alternativen gab es für sie damals? Grundsätzlich habe jeder Angehöriger einer SS-Wachmannschaft die Möglichkeit gehabt, sich vom KZ-Dienst zu einer Fronteinheit versetzen zu lassen, sagt Hördler. Das schreckte die klare Mehrheit der Wachmänner damals ab.

Der Historiker Stefan Hördler leitet die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. | Bildquelle: SWR
galerie

Der Historiker Stefan Hördler glaubt, dass jeder Wachmann sich hätte versetzen lassen können.

Zusätzlich gab es aber offenbar auch nicht Wenige, die im Konzentrationslager gerne stationiert waren. Das steigerte ihre Überlebenschancen, erklärt Hördler. Außerdem habe es eine Gruppe von Menschen gegeben, die auch mit diesem Dienst gar kein Problem hatte.

Bei Versetzung drohte nicht gleich die Front

Eine Entlassung aus dem SS-Dienst ging in der Realität aber nicht immer nur mit der Versetzung an die Front einher. Gravierend ist ein Fall ausgerechnet aus dem KZ Stutthof, in dem auch die beiden aktuell beschuldigten Rentner aus Nordrhein-Westfalen tätig waren.

Kriminalhauptkommissar Stefan Willms vom LKA Düsseldorf im einstigen Konzentrationslager Stutthof im Norden Polens. | Bildquelle: SWR
galerie

Kriminalhauptkommissar Willms suchte im früheren Konzentrationslager Stutthof nach Informationen über den Dienst auf den Wachtürmen.

Mit einem Kommandanturbefehl vom 10. August 1943 entlässt der damalige Lagerkommandant Paul Werner Hoppe acht Wachsoldaten aus dem Dienst - wegen vermeintlicher Untauglichkeit. Es sind Rumänen, sogenannte Volksdeutsche, die sich freiwillig zur SS gemeldet hatten: "Es handelt sich um eine komplette Entlassung aus den Verbänden der Waffen-SS, das heißt, sie werden weder im KZ-System fortgesetzt verwandt und auch nicht in einer anderen Feldeinheit oder einem rückwärtigen Gebiet", sagt Hördler. "In dem Fall werden sie an die Arbeitsämter überwiesen, um dann in anderen Positionen wieder eingesetzt zu werden."

Vom KZ-Dienst zum Arbeitsamt

Vom militärischen KZ-Dienst direkt zum zivilen Arbeitsamt - ohne jegliche Konsequenzen. Stefan Hördler hat bisher noch nie einen Hinweis darauf gefunden, dass jemand ernsthafte Konsequenzen zu befürchten gehabt hätte, wenn er nicht mehr in einem KZ tätig sein wollte: "Personen, die sich entweder freiwillig an die Front gemeldet haben oder aus anderen Gründen wegen vermeintlicher Untauglichkeit entlassen worden sind, hatten keine Bestrafung zu fürchten und mussten nicht mit Nachteilen für ihren weiteren Lebensweg rechnen."

Mehr zu diesem Thema sehen Sie in der Story im Ersten: "Hitlers letzte Mordgehilfen? Die späte Suche nach KZ-Tätern", heute um 22.45 Uhr.

Über dieses Thema berichtete die ARD in „Die Story im Ersten: Hitlers letzte Mordgehilfen?“ am 22. Januar 2018 um 22:45 Uhr.

Darstellung: